Zwischen Trap, Cloud-Rap, Dadaismus, politischer Provokation und subkulturellem Statement bewegt sich das Darmstädter und Wiesbadener Kollektiv Goonsquad343. Das „Movement“, wie sie sich selbst bezeichnen, steht für einen rohen, bewusst ungeschliffenen Sound – fernab von Mainstream und Hochglanz. Auf ein inoffizielles „Antischlossgrabenfest“ folgte im vergangenen Jahr mit „Grabenlos“ in der Bessunger Knabenschule ihre eigene kleine Festivalvariante – frei von Kommerz und Schlagerparty.
Ihre Tracks sind – genauso verrückt wie die Bühnenoutfits – Ausdruck eines Gegenentwurfs, der immer wieder klare politische Haltung zeigt, etwa im Song „Alle Faschos raus“. Gleichzeitig sind sie geprägt von Momenten, in denen sie ihren Lebensstil selbstbewusst einfangen und zur Schau stellen, wie auf „Jins Haus“ (über ihr Lieblingslokal).
Im Interview sprechen Tofu666 (27), Mr. Jeans (28), Draco (24), NeonJokerHände (25) und Paintgott (27) über ihren Sound, ihre politische Haltung und darüber, warum das Schlossgrabenfest für sie längst nicht mehr das ist, was es mal war.
Gegründet habt Ihr Euch laut sagenhaftem Spotify-Eintrag bereits 1920 im Keller des Cabaret Voltaire – ausgerechnet im Geburtsort der Dada-Bewegung. Ihr wart Eurer Zeit jedoch voraus und seid anschließend von der Bildfläche verschwunden. Was habt Ihr in den letzten hundert Jahren denn so gemacht – und wie kam es zum Comeback?
Tofu666: Gute Frage, wir haben lange geschlafen – wie Aang von Avatar damals. Und was vorbereitet. Basically haben wir uns davor halt nicht gefunden. Und genau, dann kam Corona. Und dann kam das Comeback. Und dann haben wir mies im Discord-Chat gechillt, haben Tracks gemacht und auf einmal war 343 geboren.
Wofür steht Goonquad und wofür 343?
Mr. Jeans: 343 ist das Movement. 343 ist die Gang. 343 steht auch beim Fußball für Offensives, weißt Du? Stichwort: Außenläufer.
Tofu666: 343 beschreibt für mich einen gewissen Lifestyle, ein Gefühl. Das muss man einfach checken – oder man checkt’s nicht. Goonsquad kam tatsächlich durch LGoony [deutscher Rapper], der sagt im Song „Sosa“: „Goonsquad ist die Gang.“ Der Song war damals auf jeden Fall eine Inspiration für uns.
Apropos Inspiration: Welche Trap/Cloud-Rapper:innen haben Euch damals am meisten geprägt?
Mr. Jeans: Lil Pump, oder?
Tofu666: Money Boy, safe. Lil Pump macht krasse Beats, ist aber auch ein krasser Bastard. Eigentlich auch Yung Hurn, aber der ist mittlerweile auch ein Knecht. Übergriffsvorwürfe – da ist die Grenze dann überschritten! Musikalisch eine Inspiration gewesen, ansonsten leider sehr problematisch … das gilt für alle drei. Wir haben ja mit Soundcloud-Rap angefangen. Heißt ein bisschen Party, ein bisschen Selbstironie und mit linker Haltung.
NeonJokerHände: Ich bin erst sau spät dazugekommen, aber meine Main-Influence – ich komme ja aus anderen Musikrichtungen – ist Tofu666 selbst.
Wie würdet Ihr Euren Sound für Deutschrap-Laien beschreiben?
Mr. Jeans: Unser Sound hat sich mittlerweile verändert. Mittlerweise gibt’s diverses Zeug. Wir haben mit „Ganja Ghost“ ein bisschen was Reggae-Mäßiges gemacht. Der Song „Mr. Jeans“ ist vom Sound her auch anders als andere Tracks. Und Tofu666 hat kürzlich eine Boom-Bap-EP zusammen mit NoiG released.
Draco: Unser Sound ist auch safe politisch.
Mr. Jeans: Voll! Natürlich auch satirisch.
Draco: Irgendeine Message gibt’s eigentlich fast immer, die transportiert werden soll, mindestens in ein, zwei Lines.
Tofu666: Ich würde einfach sagen: authentisch.
Mr. Jeans: Und turn up!
NeonJokerHände: Es muss schon hart gehen.
Mr. Jeans: Genau, für uns ist es wichtig, dass der Sound live hart gehen kann, dass du sehen kannst, wie die Leute rumspringen. Live geht’s bei uns schon gut ab, würde ich sagen.
Was ist Euch wichtiger: Vibe oder Inhalt?
Draco: Kommt immer drauf an. Ich finde, das kann man nicht gegeneinander aufwiegen. Einerseits kommt’s immer auf das Projekt an und gleichzeitig geht’s genau darum, beides irgendwie homogen in Einklang zu bekommen.
Wie ernst meint Ihr Eure Texte und welche Rolle spielt dabei Ironie?
Paintgott: 100 Prozent ernst. Ironie hat bei uns noch nie eine Rolle gespielt.
Ihr habt auch ein paar Erzfeinde, dazu gehört Fritze Merz und eben der Gottschalk. Wie kam’s denn dazu und wer ist vielleicht der nächste Erzfeind?
NeonJokerHände: Im Merz-Disstrack wurde ja bereits angekündigt, dass Hanno Benz unser nächster Gegner sein könnte. Ist aber auch stark davon abhängig, was er noch so mit der Subkultur in Darmstadt alles anstellt.
Paintgott: Er hat eigentlich schon genug gemacht. Er hat einen Track verdient, würde ich sagen. Besonders wegen der ganzen Osthang-Sache.
Mr. Jeans: Ich bin aber auch nach wie vor für Markus Lanz. Generell ist niemand sicher.
NeonJokerHände: Du machst Scheiße, du kassierst Scheiße.
Die politische Botschaft ist bei Euch nicht explizit rauszuhören. Wie seid Ihr politisch eingestellt?
Draco: Wir sind linksradikal.
Mr. Jeans [grinst]: Oder radikal links.
NeonJokerHände: Aber ohne Gewalt. Ohne physische Gewalt. Verbale Gewalt ist was anderes … aber keine physische Gewalt!
Tofu666: Zumindest haben wir systemkritische Gedanken.
Letztes Jahr habt Ihr mit „Grabenlos“ in der Knabenschule eine parallel laufende „Umsonst-Alternative zum City-Hype“ aka Schlossgrabenfest ins Leben gerufen. Was fehlt Euch am Schlossgrabenfest und wie kam die Idee zu Grabenlos?
Mr. Jeans: Vor „Grabenlos“ haben wir schon „Antischlossgrabenfest“ gemacht. Einfach aus dem Grund, dass die meisten von uns aus Darmstadt kommen und wir kennen das Schlossgrabenfest noch for free. Als Stadtfest.
Tofu666: Wir waren damals schon dagegen, dass die halt Preise verlangen und immer kommerzieller werden. Und das auch noch in unserer Stadt. Einfach so. [schaut genervt]
NeonJokerHände: Es werden auch relativ wenige Local Artists eingeladen. Es wird immer gesagt, es gäbe viele Locals und das stimmt auch irgendwo, aber das ist gefühlt Hochkultur, es fehlen die Subkulturen. Die kleinen Artists, die theoretisch kaum Chancen kriegen würden, auf Konzerten zu spielen. Das fehlt einfach auf dem Schlossgrabenfest. Jetzt [mit „Grabenlos“] ist es nice, einen Tag zu haben, wo man for free kommen und gehen kann, wie man lustig ist und den ganzen Tag Artists kommerzfrei zuhören kann, wie früher.
Tofu666: Das … und wie das „Grabenlos“ letztes Jahr gelaufen ist, haben wir vielen Leuten zu verdanken: Alma, die sich auch viel am Osthang engagiert, der Tepha [auch ein Teil von Goonsquad], der Jürgen von der Knabenschule …
Tofu666: Die waren auch schnell von unserem Konzept überzeugt. Und dieses Jahr haben wir sogar zwei Tage. Das „Grabenlos“ soll ja auch wirklich graben-los sein.
Mr. Jeans: Also, dass da jeder for free Spaß haben kann.
Worauf darf man sich dieses Jahr freuen, welche Künstler habt Ihr eingeladen?
Tofu666: Dieses Jahr haben wir sogar internationale Gäste eingeladen: Isac & Baigo – das sind zwei Spanish-Dudes beziehungsweise aus Argentinien [Baigo]. Odin spielt diesmal mit Acoustic Band. Goonsquad natürlich. Am Samstag sind die Woog Riots der Opener, Cherazade, Rainbow Curse, Schlägertrupp, Gonzo, One, und Demojacke werden folgen. Die Reihenfolge aber steht noch nicht. Der Freitag wird eher Rap-, HipHop-, Trap-/Cloud-lastig. Samstag finden hauptsächlich Konzerte statt.
Mr. Jeans: Aftershow bei mir dann. [alle lachen]
Noch mal zurück zu Euch als Crew: Aus wie vielen festen Mitglieder besteht Ihr eigentlich?
Mr. Jeans: Wie gesagt, 343 ist ein Movement, das heißt: Da sind schon viele dabei. Wir haben zum Beispiel auch noch NoiG, welcher eigentlich zur PNS-Crew gehört. Der tritt auch immer mit uns auf. Ganz großes Shoutout auch an unsere Wiesbadener Base, die Draco hier quasi vertritt.
Paintgott: Jeder, der sich so ein bisschen uns zugehörig fühlt und schon mal irgendwo dabei war, der ist in unseren Augen auch dabei.
Habt Ihr gewisse Rollen, die Ihr einnehmt: Wer produced, wer rappt, wer macht was?
Paintgott: Das wechselt immer.
Mr. Jeans: Tofu666 ist schon unser Patriarch, kann man sagen. [lacht laut]
Tofu666: Ja, mittlerweile mixe und mastere ich auch ein bisschen lowkey. Aber das kommt auf den Track an. Manchmal macht auch JokerHände die Beats, manchmal leasen wir die einfach. Meistens rappen die, die grade da sind und Bock haben..
Mr. Jeans: Wir haben angefangen mit nix. Vor zehn Jahren. USB-Mikrofon mit Adidas-Handschuhen drauf. Nix gemixt, nix gemastert. Mittlerweile haben wir NeonJokerHände aka Amos, der spielt in mehreren Bands und hat musikalisches Know-how. Der knallt dann halt auch mal schnell einen Beat raus. Auf ganz locker. Mittlerweile haben wir viel mehr und du merkst, wie die Qualität hochgeht. Als wir angefangen haben damals, waren wir die kompletten Anfänger. Wir wollten nur ein bisschen rappen und das haben wir halt gemacht. So hören sich auch unsere Soundcloud-Texte an, aber die sind dafür übelst authentisch. Die sind noch richtig raw, weißt Du?
Tofu666, Du hast kürzlich das Tape „Gude State of Life“ mit NoiG realesed. Kommen jetzt noch weitere Veröffentlichungen hinzu, was darf man erwarten?
Tofu666: Meine „420 Mixtape“-EP steht in den Startlöchern. Wenn wir Glück haben, erscheint dieses Jahr noch was. NoiG macht schon Druck, der hat richtig Bock auf „Gude State of Life 2“. [lacht.] Aber wir warten erst mal ab.
Mr. Jeans: Ich war auch mal wieder down, was zu machen. Ich meine: Politisch haben wir genug, was abgeht, der Nachschub kommt, da können wir ja nichts gegen tun.
Draco: Ich denke, Bock haben wir immer. Es kommt, was kommt.
Dieses Jahr seid Ihr fürs Nonstock gebucht, kommen noch weitere Gigs oder Festivals hinzu?
Tofu666: Neben Grabenlos und Nonstock sind wir auch dieses Jahr auf anderen Festivals. Wir spielen eine kleine Session auf dem Bohnhorst Medieval Festival mit NoiG zusammen und auf dem Herzberg, da gibt’s eine Free-Stage. Da sind wir definitiv auch am Start. Release-Partys stehen außerdem an.
Mr. Jeans: Und wir spielen im Winter eigentlich immer im Sumpf, das hat fast schon Tradition.
Tofu666: Oh ja, hoffentlich klappt alles dieses Jahr. Und: Wer will, kann sich auch gerne bei uns melden. Vor allem für Hochzeiten und Konfis sind wir gerne zu haben.
Danke fürs unterhaltsame Gespräch – und bleibt stabil!
Goonsquad 343 beim Grabelos 2026
Fr, 22.5., ab 19 Uhr + Sa, 23.5., ab 17 Uhr:
Grabenlos Festival 2026
in der Bessunger Knabenschule (Halle), der Eintritt ist frei.
Fr: Isac & Baigo, Odin und Goonsquad343
Sa: Woog Riots, Cherazade, Gonzo, Schlägertrupp, Rainbow Curse, One und Demojacke.







