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Foto: Jan Ehlers

„Für immer Punk“ sang die Hamburger Punk-Institution Die Goldenen Zitronen noch 1987. Doch heute, 22 Jahre und elf Alben später, ist vom Punk der frühen Tage nicht mehr viel übrig – zumindest musikalisch. Wer jetzt allerdings an Anbiederung und Ausverkauf denkt, liegt gründlich daneben! Denn wenn sich die Zitronen in ihrer 25jährigen Karriere eines stets bewahrt haben, dann die Neugier auf musikalische Experimente, eine gesunde Skepsis gegenüber Hype jeder Art – und eine rigorose Ablehnung der großen Major-Plattenfirmen-Industrie. Was wieder einmal beweist: Punk ist vor allem eine Haltung. Darauf eine Runde Black-Box-Interview mit Zitronen-Tausendsassa Julius Block!

 

P: Viele assoziieren mit den Goldenen Zitronen stets die Spaß-Punk-Band, die Ende der 80er mit „Am Tag als Thomas Anders starb“ und „Für immer Punk“ ihre großen Hits hatte. Warum aber noch heute dieses  „Punk“-Etikett? Die Band hat seit den frühen Neunzigern immerhin mit diversen musikalischen Spielarten von Elektro-Trash über HipHop bis Jazz experimentiert und mit so „unpunkigen“ Kollegen wie DJ Koze oder Dichter und Folk-Sänger Franz Josef Degenhardt zusammengearbeitet.

Julius: Naja, es werden ja immer noch die Platten weiter veröffentlicht, wo diese Hits drauf sind. Wäre man ganz konsequent, müsste man die Sachen eigentlich vom Markt nehmen. Das ist aber nicht der Fall, denn es werden über das Weser-Label davon ja immer noch ein paar hundert Stück pro Jahr verkauft, glaube ich. Es wachsen also jedes Jahr neue Leute nach, die die Erwartung haben, dass sie diese Musik von uns zu hören bekommen. Aber man merkt in unseren Konzerten auch, dass ganz vorne immer wieder sehr junge, interessierte Zuhörer stehen, die mit der Punk-Ära der Zitronen scheinbar nur wenig bis gar nichts anfangen können. Da kommen also mit jeder neuen Zitronen-Platte auch neue Leute.

In Euren Texten steckt allerdings noch jede Menge Punk-Attitüde. Euer neues Album „Die Entstehung der Nacht“ geizt nicht mit Systemkritik, zentrales Thema ist die Weltfinanzkrise und ihre Folgen. Musikalisch erinnert das Album jedoch mehr an Elektrosachen aus den 70ern. Ist „Krautrock“ jetzt das bessere musikalische Gewand für Eure Texte?

Das spielt da sicher mit rein. Ich finde nur, dass es moderner als „Krautrock“ klingt. Diese 70er-Jahre-Assoziation habe ich nicht. Ich kann mit diesen Etiketten generell nichts anfangen. Wir haben schon früher ganz viel mit elektronischen Elementen gearbeitet und Synthesizer verwendet. Das war damals eigentlich viel plakativer. Das neue Album hat wesentlich mehr Wärme. Und es hat einen ziemlichen „Session-Charakter“, darin sehe ich vielleicht eher so ein 70er-Jahre-Element. Was die Texte anbelangt, ist diese Systemkritik in Songs wie „Börsen crashen“ natürlich ein klarer Strang, aber nicht der einzige. Da sind eine Menge Facetten möglich. Das ist vielleicht auch das Neue an den Zitronen, dass es eben nicht nur dieses „alles Scheiße“ gibt.

Die Toten Hosen, Eure einstigen Weggefährten, scheinen sich im letzten Vierteljahrhundert kein bisschen weiterentwickelt zu haben. Der „Musikexpress“ lud Campino und Euren Gitarristen Ted Gaier im vergangenen Dezember zu einem „Streitgespräch“, in dem die Meinungen weiter nicht auseinander hätten liegen können. Woran liegt das Deiner Meinung nach? Wo sind all die früheren Gemeinsamkeiten hin?

Die beiden haben in den vergangenen zwanzig Jahren ja so viel auch nicht mehr miteinander zu tun gehabt. Ganz am Anfang gab es aber mal diese Tour, bei der die Zitronen im Vorprogramm der Toten Hosen gespielt haben. Da ging es wohl auch ziemlich ab, das war auch eine ziemliche Hochphase für die Goldies. Und sicherlich gab es damals, alleine schon durch diese gemeinsame Tour, wesentlich mehr Gemeinsamkeiten als ein paar Jahre später. Mittlerweile hat man sich halt auseinandergelebt, jeder macht etwas komplett Anderes. Ich finde das relativ normal.

Es steht häufig der Vorwurf im Raum, die Hosen hätten nach dem großen Erfolg geschielt, sich dafür verbogen und ihn letztlich auch bekommen, während die Zitronen stets die Industrie ge-mieden haben …

Haben sich die Hosen denn verbogen? Die machen ja doch auch nur, was sie wirklich machen wollen, denke ich. Natürlich kenne ich die Storys, wonach die Zitronen ziemlich große Angebote der Industrie vorliegen hatten, und es ist ihnen natürlich hoch anzurechnen, diese ausgeschlagen und ihr komplett eigens Ding gemacht zu haben. Es passt auch besser zu einer Band wie den Zitronen und auch zu solchen Typen wie Ted und Schorsch [Kamerun, Sänger der Band, Anm. d. Red.], sich zu verweigern. Das ist ja auch eine Methode, irgendwie. Ob das jetzt so positiv zu besetzen ist, weiß ich nicht.

Die Zitronen sind bekannt dafür, nicht mit Kritik zu sparen. So ließen sie auch an der viel zitierten „Hamburger Schule“ kaum ein gutes Haar. Du bist ja selbst auch Teil der Sterne, die mit Tocotronic und Blumfeld einst so etwas wie die Troika der „Hamburger Schule“ bildeten. 1992 hast Du neben den Zitronen etwa zeitgleich auch noch bei den Sternen angefangen. Wie kam es dazu? War das thematisch nicht ein ziemlicher Spagat?

Habe ich eigentlich nie so empfunden. Ich habe ja auch bei den ganzen Platten mitgewirkt, auch bei diesem „Deadschool Hamburg“-Album [Zitronen-Album von 1998, Anm. d. Red.], nicht unbedingt unsere beste Platte. Das war als Provokation gedacht, aber eher so gagmäßig. Da wurde nirgendwo gesagt, die Hamburger Schule sei scheiße, das war auch eher alles so kumpelhaft. Ted hat ja damals noch viele Videos der Sterne mit entworfen, Regie geführt und solche Sachen. Ted und ich haben auch vor meiner Mitwirkung in beiden Bands schon bei Calamity Jane zusammen-gespielt. Für mich waren das einfach immer schon in erster Linie freundschaftliche Beziehungen, auch wenn sich das mittlerweile auseinander dividiert hat. Ted würde jetzt zum Beispiel keine Videos für die Sterne mehr drehen.

Warum nicht?

Wir haben mit den Sternen vor drei Jahren bei dieser Jägermeister-Sache [die „Jägermeister Rock Liga“, Anm. d. Red.] mitgemacht, wofür uns Ted ziemlich kritisiert hat. Das schwingt wohl bis heute noch etwas mit.

Worin liegen für Dich die Unterschiede zwischen beiden Bands? Bei den Zitronen gibst Du ja den Multiinstrumentalisten, der neben Piano, Orgel, Bass und Gitarre noch ein breites Instrumentarium bedient, wohingegen Du bei den Sternen einfach Bass spielst. Klingt nach „1:0“ für die Zitronen …

Ich finde das schön einfach, den Bass zu spielen. Das liegt mir. Ich wollte das aber nicht nur machen, deshalb war es so reizvoll für mich, bei den Zitronen einzusteigen. Da gab es zunächst die Anfrage, Keyboards zu spielen. Keyboards habe ich übrigens auch schon immer bei den Sternen im Studio gespielt. Und bei den Zitronen war das ja immer schon irgendwie Konzept, die Rollen zu tauschen. Wir haben es nur noch nicht geschafft, den Sänger rotieren zu lassen. Das soll aber irgendwann auch möglich sein.

Vielen Dank für das Gespräch.

www.die-goldenen-zitronen.de

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