Illustration: Anina Mae Joyner

Ein Abend in der Stadtkirche und was er über Darmstadts Kulturpolitik verrät. Die Sicht einer Betroffenen: Ich bin einer der wenigen jungen Menschen im Raum. In der Stadtkirche diskutieren Vertreter:innen fast aller Parteien darüber, wie es um die Kultur in Darmstadt steht. Es geht um Fördermittel, Haushaltszwänge, Vernetzung, Hochkultur und freie Szene, um das Staatstheater, das geplante Informationszentrum auf der Mathildenhöhe und um neue Räume für Kunst und Musik. Immer wieder fällt der Satz: „Kultur kostet Geld.“ Und ebenso häufig wird betont, man dürfe Hochkultur und Subkultur nicht gegeneinander ausspielen. Das klingt versöhnlich. Fast beruhigend. Zumindest auf den ersten Blick.

Vertreter:innen von SPD, Grünen und FDP betonen, Darmstadt verfüge über eine vielfältige Kulturlandschaft, die man stärken und besser vernetzen müsse. Die FDP verteidigt ausdrücklich das geplante Informationszentrum als angemessenen Ort der Vermittlung und spricht von einem „Aufbruch in die Moderne“. Die Grünen werben dafür, Hochkultur und Subkultur nicht zu hierarchisieren, sondern als sich gegenseitig befruchtend zu verstehen. Die SPD hebt die Bedeutung von Netzwerken und Zugänglichkeit hervor.

Doch hinter dieser Einigkeit liegt ein unausgesprochener Konflikt: Was verstehen wir eigentlich unter Kultur – und wem sichern wir dauerhaft Raum zu?

Nehmen wir zum Beispiel den Osthang als Kulturort. Der Osthang begann ursprünglich als temporäres Projekt im Rahmen des Architektursommers 2014, gedacht als kurze kulturelle Intervention. Auch politisch wurde das damals unterstützt. Was als Experiment angelegt war, entwickelte jedoch eine eigene Dynamik. Aus einem Sommer wurden Jahre, aus einer Idee ein etablierter Ort, aus einer Zwischenlösung ein fester Bestandteil der Darmstädter Kulturlandschaft.

Wie entstehen kulturelle Orte?

Am Osthang wurde schließlich zehn Jahre lang Kultur gemacht. Ohne städtische Investitionen, ohne institutionelle Absicherung, ohne millionenschwere Zuschüsse. Was dort entstand, entstand aus Eigeninitiative, aus Ehrenamt, aus intrinsischer Motivation. Zehntausende Besucher:innen kamen. Lokale, nationale und internationale Künstler:innen spielten dort. Dass heute gern auf den ursprünglich „temporären“ Charakter verwiesen wird, wirkt deshalb fast ironisch. Denn genau so entstehen viele kulturelle Orte: Sie wachsen. Und manchmal wachsen sie eben größer als ursprünglich gedacht.

Und dennoch wird dieser Ort heute als „Experimentierfläche“ bezeichnet. Als etwas Vorläufiges. Austauschbares.

Während große Institutionen, allen voran das Staatstheater Darmstadt, aus guten Gründen als unverzichtbar gelten und vor Kürzungen geschützt werden müssen, bleibt freie Kultur prekär. Das Informationszentrum für rund 20 Millionen Euro wird von mehreren Vertreter:innen der [aus Grünen, CDU und Volt bestehenden] Koalition als notwendige Investition verteidigt. Uffbasse hingegen stellt die Verhältnismäßigkeit offen infrage und spricht die Verteilungsfrage direkt an. Auch die Freien Wähler und die Linke benennen den Osthang ausdrücklich als Verlust.

Hier zeigt sich die Bruchlinie.

Genau am Beispiel Osthang wird sie besonders deutlich. Bereits vor einigen Jahren wurde dem OHA e. V., der bis 2024 den Osthang kulturell bespielte, eine Ausweichfläche [am Kunstdepot in der Weststadt] angeboten, verbunden mit der Botschaft, dort könne man im Grunde einfach weitermachen. Eine pragmatische Lösung – zumindest klang es so. Die Realität zeigt jedoch, dass es weniger um den Ort selbst geht als um die Bedingungen, unter denen Kultur dort stattfinden kann. Forderungen nach einer langfristigen Perspektive gelten als überzogen, gar „unverschämt“ [im angebotenen Nutzungsvertrag steht eine Kündigungsfrist von drei Monaten]. Öffentlich wird daraus bisweilen ein Konflikt konstruiert. Dabei geht es tatsächlich um etwas ziemlich Unromantisches: klare und stabile Rahmenbedingungen, damit Kultur überhaupt stattfinden kann – und nicht nur temporär.

Keine Augenhöhe, keine Legitimität

Und genau hier liegt der eigentliche Unterschied. Das Problem ist nicht die Förderung institutioneller Kultur. Das Problem ist die unterschiedliche Selbstverständlichkeit, mit der abgesichert wird. Der Osthang hat bewiesen, dass Kultur auch ohne große Budgets entstehen kann. Dennoch wurde er nicht gesichert. Von Augenhöhe zu sprechen, fällt schwer, wenn die eine Seite strukturelle Garantien besitzt und die andere permanent ihre Legitimität verteidigen muss.

Mehrfach wurde am Abend in der Stadtkirche betont, es gebe keine Konkurrenz zwischen Hochkultur und freier Szene. Doch Konkurrenz entsteht nicht durch Rhetorik, sondern durch Priorisierung. Wenn Mittel begrenzt sind, sind Entscheidungen immer auch Wertungen. Während repräsentative Projekte realisiert werden, berichten kleine (Kultur-)Vereine von bürokratischen Hürden, Auflagen und Unsicherheiten. Fast jede Publikumsfrage kreiste um die gleiche Erfahrung: Man kämpft mehr mit Verwaltung, als man Kultur gestaltet.

In diesem Zusammenhang wurde auch gefragt, wie junge Menschen künftig für Kultur begeistert werden sollen, mit Verweis auf das Beispiel Osthang – eine berechtigte Frage angesichts eines Publikums, in dem kaum jemand unter 30 saß. Man sprach von bestehenden Angeboten, von Entwicklung, von kulturellen Achsen vom Hauptbahnhof bis zur Mathildenhöhe. Doch junge Kultur entsteht nicht in Konzeptpapieren. Sie entsteht dort, wo man machen kann.

Freie Kultur funktioniert anders als institutionelle Kultur. Sie lebt von Spontaneität, von Risiko, von kollektiver Energie. Sie braucht Räume, in denen nicht jede Idee vorab legitimiert werden muss. Versucht man, sie vollständig in Verwaltungslogiken zu überführen, verliert sie genau das, was sie ausmacht.

Gesucht: Freiräume mit Ecken und Kanten

Der Osthang war ein solcher Freiraum. Kein perfektes Modellprojekt, sondern ein lebendiger Ort mit Ecken und Kanten. Ein Raum, in dem man nicht zuerst Anträge schreiben musste, bevor man etwas ausprobieren durfte. Genau solche Orte ziehen Nachwuchs an, nicht, weil sie repräsentativ sind, sondern weil sie zugänglich sind. Und vielleicht auch, weil der Ort selbst Teil der Erfahrung war: ein Hang zwischen Bäumen und Sträuchern, ein Stadtwald, in dem Kultur nicht inszeniert wirkte, sondern einfach passieren konnte.

Dieser Raum wurde geräumt – der Hang gerodet. Nicht, weil dort keine Kultur stattfand. Sondern obwohl sie stattfand.

Der Osthang war kein Provisorium. Er war ein gewachsener Teil dieser Stadt. Man kann ihn nicht einfach verschieben, als ließe sich Atmosphäre neu ausweisen. Was dort entstanden ist, lebt weiter – in Menschen, die ihn getragen haben, in Erinnerungen, in Netzwerken. Freie Kultur verschwindet nicht, weil man einen Zaun aufstellt. Aber man entscheidet, ob sie hier weiterhin Raum bekommt.

Wenn Darmstadt sich als Kulturstadt versteht, dann reicht es nicht, Vielfalt zu betonen. Dann muss anerkannt werden, dass selbstorganisierte Räume denselben Wert haben wie institutionelle Einrichtungen, auch wenn sie sich nicht in Wirtschaftslogiken übersetzen lassen. Wertschätzung bedeutet Sicherung, Unterstützung und Vertrauen.

Sonst bleibt „Kultur für alle“ ein gut gemeinter Satz. Vielleicht war das deutlichste Zeichen dieses Abends nicht das Gesagte, sondern das, was fehlte. Ich war einer der wenigen jungen Menschen im Raum – und das ist wohl die ehrlichste Antwort auf die Frage, wie es um die Kultur in dieser Stadt steht. Wenn sich daran nichts ändert, sitzen wir in ein paar Jahren wieder in einer Kirche, sprechen über Nachwuchs und Vernetzung – und fragen uns erneut, warum kaum jemand unter 30 im Raum ist.

Über die Autorin

Alma Hassenzahl, 22, im Martinsviertel aufgewachsen und seit Jahren mit dem Osthang verbunden – erst als Gast, später auch als Mitgestalterin und zeitweise Vorstandsvorsitzende des OHA e. V. Sie studiert Soziologie und Politikwissenschaft an der Goethe-Universität Frankfurt am Main und arbeitet am Leibniz-Institut für Bildungsforschung. Und wenn sie nicht über Kulturpolitik nachdenkt, spielt sie in der Post-Punk-Band Schlägertrupp.