Foto: Jan Ehlers

Ende 2017 begann ein Gesicht, das der Darmstädter Szene gut bekannt sein dürfte, plötzlich die Blog-Titelseiten von Miami bis Sydney zu schmücken. Mit moderner Pop-Musik, die sich vor Chet Faker und Sohn nicht verstecken muss, verdrehte Lui Hill internationalen Musikredaktionen den Kopf. Vier mit cineastischen Motiven in Szene gesetzte Video-Singles wurden das Jahr über veröffentlicht, jetzt ist das selbstbetitelte Album erschienen. Spacige Hooks, Trap-Beats und eine unverkennbare Stimme fusionieren auf der Platte des Neo-Soul-Sängers zu einem organischen Sound. Für Lui Hill kommt damit eine Reise zum Abschluss, die von Darmstadt über Berlin nach Südafrika und Los Angeles führte. Welche Schicksalsschläge, Inspirationen, Sehnsüchte und Hoffnungen ihn dabei begleitet haben, erzählte uns der Musiker beim Besuch in seinem Darmstädter Studio.

 

Das Projekt Lui Hill hat sich knapp ein Jahr lang angebahnt. Wie hat sich alles zusammengefügt? Kannst Du etwas zu den Hintergründen erzählen?

Lui Hill: Ich wollte neuen Wind in den Segeln haben. Zehn Jahre habe ich unter einem Künstlernamen gearbeitet, das war lange genug. Ich wollte raus aus dem selbst gestrickten Korsett und frisch aufschlagen. Den Namen gab es bereits vorher. Mein Studio heißt so, mein Label, ich bin ganz eng mit dem Namen verwoben. Auf die Idee, diesen als Künstlernamen zu führen, brachte mich allerdings ein Bandkollege aus St. Louis.

 

Die Entstehung Deines Debüts, das selbstbetitelte Album „Lui Hill“, führte Dich rund um die Welt. Zentrale Stationen waren Darmstadt, Berlin, Südafrika und Los Angeles. Ganz schöne Weltreise …

Tatsächlich nahm alles vor etwas mehr als einem Jahr in Südafrika seinen Lauf. Zufällig bin ich dort auf Tobias Herder von Filter Music gestoßen. Kurz darauf haben wir uns bereits Gedanken gemacht, wie wir die Songs, meine Idee der Musik, zu einem Release formen könnten. Das war ein ganzes Jahr Arbeit. Landmarke war unser Aufenthalt in Los Angeles. Total aufregend, eine neue Erfahrung. Dort haben wir mit einem Regisseur und einem krassen Kameramann quasi einen Kurzfilm gedreht. Ein super kreatives Umfeld. Alle hatten Bock, involviert zu sein und sich in den Prozess einzubringen.

 

Die vier episodenhaften Musikvideos sind wirklich klasse produziert, strahlen eine sehr atmosphärische Film-Noir-Ästhetik aus und sehen eigentlich gar nicht nach L.A. aus.

Ja, voll. Los Angeles ist ein Ort, der eigentlich mit Sonne, Surfern, Skatern und Palmen konnotiert ist. Das wollten wir umkehren, umdeuten. Wir wollten in die dunklen Ecken, in die finsteren Straßen dieser Stadt. Wir waren in Downtown und Skid Row – dort, wo viele Obdachlose leben, Menschen mit Drogenproblemen, wo es gefährlich ist, und haben immer nach Sonnenuntergang gedreht. Nach Mitternacht läuft da echt kein Mensch durch die Straßen. Wir hatten also quasi leere Filmsets, so als hätte uns die jemand hingebaut.

 

Welche Story steckt dahinter? Wovon habt Ihr Euch inspirieren lassen?

Irgendwie sind wir auf Hans Christian Andersens „Kleine Meerjungfrau“ gestoßen. Nicht diese Disney-Version. Andersens Märchen ist, wie viele andere, sehr brutal. Da geht’s um Hoffnung, das hohe Pokern, die glorifizierte Liebe … und am Ende bleibt der Meerjungfrau nur, den Prinzen zu töten, um sich zu retten, oder sich selbst umzubringen, um Frieden zu finden. Das ist, finde ich, eine coole Analogie zu Los Angeles. Die Stadt der Hoffnungen und Träume. In der man himmelhoch nach oben schießen kann oder mit drei Jobs immer noch nicht über die Runden kommt, im Auto lebt und kein Schauspieler geworden ist. Diese Welt passt auch super zu den Songs, die ich geschrieben habe. Vor dieser Kulisse wollten wir diese Mermaid-Story nachdrehen. Eine Metapher ist zum Beispiel, dass die Hauptdarstellerin immer nasse, gewellte Haare trägt …

 

Mit Filter Music, Entdecker der Indie-Überflieger Milky Chance, hast Du ein starkes Label im Rücken. Die haben geschafft, woran sich andere seit Jahrzehnten die Zähne ausbeißen: Mit Musik aus Deutschland international, vor allem in den USA, Erfolge zu feiern.

Tatsächlich startete das Label mit einer naiven, idealistischen Idee, in einem ehemaligen Friseurladen auf zehn Quadratmetern. [lacht] Die hatten diese Band gefunden, Milky Chance, und einfach Lust, frischen Wind in die Musiklandschaft zu blasen. Hätte auch nach hinten losgehen können. Die haben sich dann alle super reingehängt, viel geopfert und dann spielten Milky Chance als erste deutsche Band überhaupt bei Jimmy Fallon …

 

Ziemlich große Fußstapfen, die vor Dir liegen. Wie begegnest Du diesen als Künstler?

Die Erwartungen kann ich nicht ausblenden, die schwingen mit. Man weiß, dass das Label Milky Chance gemacht hat – und jetzt ist man selbst das nächste Projekt. Klar denkt man mal: „Hm, dann muss ich es demnächst auch schaffen bei Fallon zu spielen …“ Aber da bin ich realistisch. Ich finde in einem anderen Kontext statt, mache andere Musik und bin spartenmäßiger als Milky Chance. Zudem: Das Musikgeschäft ist immer auch ein Lucky Shot. Das zündende Etwas, das gerade alle verrückt macht und funktioniert – das kann man nicht vorprogrammieren. Ich freue mich auf alles, was jetzt zusammen mit dem Team von Filter Music kommt. Gerade ist noch alles Aufbauarbeit. Wir spielen jetzt unsere erste Tour, mal gucken, wie die läuft …

 

… mit mehreren Terminen außerhalb Deutschlands unterstreicht die Tour direkt das internationale Format Deiner Songs.

Auf jeden Fall. Es ist schön, dass Städte außerhalb Deutschlands auf dem Plan stehen. Denn mit dem Sound – der klingt nicht deutsch – habe ich schon einen internationalen Anspruch. Generell haben wir die Songs, die Platte, die Videos nicht so verpackt, dass Berlin, Darmstadt oder Europa konnotiert wird. Mit allem unterstreichen wir das internationale Flair. Ich will mit meiner Musik einen Ort schaffen, in dem sich viele wiederfinden können. Ein Ort, an dem viele ihre Sehnsüchte haben …

 

Diese von Herkunft gelöste Inszenierung ist ziemlich spannend. In einem von Nationalismus geprägten gesellschaftspolitischen Zeitgeist präsentierst Du Dich als kosmopolitischer Künstler abseits jeglicher Zugehörigkeiten. Eine schöne Antithese.

Schöner Gedanke, stimmt, auch wenn das nicht bewusst war. Aber natürlich kotze ich im Strahl über das, was dieses Land, diese Welt gerade durchmacht. Ich komme aus einem total anderen Mindset. Ich reise schon immer viel und gerne. Das ist auch ein zentrales Motiv der Platte. So habe ich viel von der Welt sehen können, habe Diversität der Orte, der Kulturen kennen gelernt – und doch teilen wir alle als Menschen die gleichen Sehnsüchte, die gleichen Wünsche und Bedürfnisse. Egal, welche Nationalität, Hautfarbe oder Religion: Frieden, Freiheit und sein zu dürfen, wie man ist. Richtig krass wird’s, an Orte zu kommen, an denen Menschen das nicht ausleben können. Orte, an denen Menschen täglich mit ganz anderen Sorgen umgehen müssen. So wie in Südafrika. Die Apartheid ist selbst 25 Jahre nach ihrem Ende zu greifen.

 

Du machst schon Dein ganzes Leben lang Musik. Ist Lui Hill die Essenz Deines bisheringen Schaffens?

Lui Hill ist die Summe aller Teile, die ich sammeln konnte. Meine Erfahrungen fließen alle, mal mehr, mal weniger in das Album ein. Es ist das beste Album, das ich zu diesem Zeitpunkt hätte machen können. Weil ich ein hoffnungsloser Perfektionist bin, habe ich wirklich bis zur letzten Frist vor der Masterabgabe an den Songs geschraubt.

 

Kannst Du zentrale Einflüsse benennen?

Ich bin großer Fan vieler Platten, die gerade erschienen sind und nicht gefeit vor Einflüssen aus dem Zeitgeist. Raushören kann man sicherlich mein Faible für Frank Ocean, Childish Gambino und von mir aus auch James Blake – auch wenn das nicht mehr zeitgenössisch ist, sondern fünf Jahre her. [lacht] Junge, Parcels … das geht mir alles unglaublich gut rein. In dieser Musik entdecke ich immer wieder Dinge, die mich reizen. Und wenn ich mir so ’ne Platte wirklich aufmerksam angehört habe, gehe ich auch davon beeinflusst ins Studio. Das schwingt mit, inspiriert einfach – auch wenn ich nicht offensiv versuche, das zu kopieren. Ich denke, so funktioniert kreatives Arbeiten. Bach und Mozart saßen ja auch nicht im Keller und haben allein aus ihrer eigenen Genialität geschöpft. Individuell wird es spätestens beim Inhalt, beim Text. Hier präsentiere ich mein ganz eigenes Universum.

 

Wie viel erzählst Du denn von Dir auf der Platte?

Nur … ich erzähle nur von mir. Songs zu schreiben, hilft meiner Psyche sich aufzuräumen. Mit gewissen Sachen klar zu werden, abzuschließen, sie nicht mehr mitzutragen, sich das von der Seele zu schreiben. Wenn Gedanken im Song verpackt sind, fühle ich mich schon freier. Und wenn der Song irgendwie nicht fertig werden will, weiß ich, dass ich mit der Sache noch nicht abgeschlossen habe. „Lui Hill“ ist sehr autobiografisch. Es gibt nur ein Stück, das eher allgemein über uns Menschen gedacht ist: der Song „Ancient Dust“.

 

In der Phase der Entstehung der Songs hattest Du mit einschneidenden Erlebnissen zu kämpfen. Dein Vater ist gestorben …

Ich wollte das nicht an die große Glocke hängen, so als Aufmacher für das Album. Aber wenn man gefragt wird, wovon die Songs handeln, ist das Thema nicht zu umschiffen. Meine Beziehung ist zu Bruch gegangen und mein Vater ist sehr unvorhergesehen verstorben. Gerade auch die erste Single „5000 Miles“ verhandelt zentral das Freischlagen von den Sorgen und von der Misere, in der ich mich sah. Es geht darum, Abstand zu gewinnen, um einen Ort, der 5.000 Meilen entfernt ist – das war für mich Kapstadt. Ein Ort, an den man zum ersten Mal in seinem Leben kommt und der total inspiriert. Ganz klar an meinen Vater adressiert ist „We Don’t Die“. Das hat aber auch lange gebraucht. Aufgenommen habe ich die Nummer in einem Hotelzimmer in Ägypten, nur mit Mikrofon und Computer. Manchmal hilft Reduzierung krass, um Gedanken auf den Punkt zu bringen. Der Song hat Text, eine Stimme und ganz dezente Instrumentierung.

 

Auf Deiner Platte finden sich eine ganze Reihe Field Recordings. Ein echtes old school Lo-Fi-Stilmittel, das kaum noch im Kontext aktueller Pop-Musik zu entdecken ist. Deine Songs klingen so, trotz viel Elektronik, sehr organisch.

Ich bin großer Fan der Atmosphäre, die ein Field Recording herstellt. Legst du ein Stadtrauschen unter einen Akkord, klingt plötzlich alles cooler, lebendiger und greifbar. Ein Film lebt auch von den Sounds, die zu den Bildern entstehen. Eine Platte kann ebenso Soundtrack zu den Bildern sein, die im Kopf des Hörers entstehen oder zur Story, die erzählt wird. Warum dann nicht ganz cineastisch daherkommen? Das Rauschen eines Waldes, Vögel, der Lärm einer Bushaltestelle – warum nicht auch damit arbeiten?

 

Ein Gegenpol zu all den Synthesizern?

Die synthetische Welt ist gefühlskalt, definitiv. Synthesizer und Drumcomputer haben keine Seele, aber ich steh drauf, die machen mich an. Ebenso liebe ich die analog-akustische Welt. In meinem Plattenschrank steht viel aus den 50ern und 60ern. Wenn diese beiden Welten aufeinandertreffen, dann höre ich Musik am liebsten. Sie hat Seele, etwas Organisches, Analoges und etwas, das aus einer krass anderen Welt kommt. Bands wie Beach House, die unglaublich viel mit Elektronik zu tun haben, aber klingen, als wäre alles aus Holz gebaut und als müssten die Synthesizer mal wieder zum Elektroniker … das hat was. Zurück zur menschlichen, imperfekten Seele!

 

Live und auf Platte!

„Lui Hill“ ist mit elf Tracks via Filter Music Group erschienen und als LP, CD sowie digital überall im Handel erhältlich. Im Rahmen seiner großen Tour im Herbst könnt Ihr Lui Hill auch live in Darmstadt erleben:

Foyer der Kammerspiele, Staatstheater Darmstadt | Fr, 19.10. | 21 Uhr | 14 €

Win! Win! Das P verlost 1 x 2 Tickets für das Konzert.

www.luihill.com

 

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