Foto: Nouki Ehlers, nouki.co

Born and raised in und um Darmstadt kehrt Marco Döll alias Mädness im Jahr 2017 Hessen den Rücken und zieht nach Berlin. Das Ziel: Rap. Nicht als Hobby, sondern als Job. All or nothing. Das bombige Ergebnis aus Selbstfindung und Freischwimmen ist das Kollabo-Album „Ich und mein Bruder“ mit seinem Bruder Döll auf dem Major-Label Four Music im selben Jahr. Auf Charterfolg und ausverkaufte Touren folgt 2019 mit „OG“ nach fast zehn Jahren wieder ein Soloalbum. Zehn Tracks, ein kleiner Meilenstein. Für Mädness und fürs Genre. Mit „Mäd Löve“ erscheint jetzt das neueste Album des „Original Gude“. Eine Platte mit detailverliebtem Sound über Beziehungen und voller neuer Wege.

 

Gratulation zur neuen Platte! „Mäd Löve“ ist musikalisch Dein bisher vielfältigstes Werk und vereint Double-Time-Lines, klassische Rap-Beats sowie entschleunigte, warme Soul-Sounds. Du gehst viele neue Wege. Hat es Dir Mut abverlangt, das so zu veröffentlichen?

Hm … würde ich fast so sagen, ja. Oder genauer gesagt: Als die Pandemie losging, habe ich mir keine großen Gedanken gemacht. Eigentlich hatte ich letztes Jahr nicht vor, eine neue Platte zu machen. Es waren Touren und Festival-Shows geplant. Das ist dann alles weggefallen und plötzlich merkte ich: Du kannst dich locker machen! Und so fing ich direkt an, ein Album zu schreiben. Dieser Nicht-Druck hat dann alles beflügelt. Ich wollte ein wirkliches Album machen, das man am Stück hören kann. Mit musikalischem und inhaltlichem roten Faden. Weg von diesem Single-Trend. Die Platte war super schnell geschrieben – und wurde dann auch mit Band eingespielt. Teils sind Beats von ursprünglichen Samples umkomponiert und erweitert worden. Das bindet das Ganze zusammen.

 

Also ab ins Studio statt Netflix-and-Chill?

Ich bin halt schwer für Lösungen. Ich bin dafür, nicht so hart zu lamentieren. Also schon mal zu sagen: Es ist gerade richtig scheiße, aber ich will mich nicht in einen Sog ziehen lassen. Ich war natürlich auch vor den Kopf gestoßen, aber Musik war für mich der Ausweg. Und ich schaue auch gerne Filme, aber wenn man das nur noch macht, dann ist das kein Input mehr. Sondern nur noch Beschallung … cooler ist doch, sich Zeit zu nehmen, genau zu überlegen, was man macht und das so schön wie möglich zu machen.

 

Die Abläufe im Musikgeschäft sind streng getaktet. Tour im Frühjahr, Festivals im Sommer, noch eine Tour im Herbst … irgendwo dazwischen muss man Zeit finden, um kreativ zu werden, neue Musik zu produzieren. Du hast es selbst beschrieben, dass das Aufbrechen Dich beflügelt hat. Wie viel neue Inspiration, neue Einflüsse, Eindrücke, für die sonst Zeit und Perspektive fehlen, sind eingeflossen?

Ich glaube, es war nur die Zeit, die fehlte und jetzt vorhanden war. Zeit, bestimmte Dinge setzen zu lassen und zu schauen, was passiert ist. Was beschäftigt mich wirklich? Das war total gesund. Ich habe nur zwei Songs mehr geschrieben, die jetzt nicht auf der Platte sind. Die haben sich final nicht wirklich ins Bild eingefügt. Aber sonst hat sich alles wie von selbst geschrieben. Ich merkte, dass Dinge, die mich schon länger beschäftigten, stärker zur Geltung kommen. Die wurden dann einfach super offensichtlich.

 

Zum Beispiel?

Das Intensive der Zeit spült auch viel Gutes hoch. Gesellschaftliche und politische Diskussionen, Black Lives Matter, Rassismus … vieles, das brodelt, wird jetzt sichtbar, steht mehr im Fokus und wird mehr besprochen …

… was nichts Schlechtes ist …

… ja, voll, ist doch ’ne gute Sache! Das ist für viele Leute anstrengend, weil die auf Z-Worte oder sonst irgendwas verzichten müssen. Das ist aber gut! Genau jetzt ist die Zeit, um sich dafür ready zu machen. Ich habe versucht, mich viel mit damit auseinanderzusetzen. Auch mit anderen strukturellen Dingen, krasse Vorurteile, die ich aus dem Kaff, von hier, mitgenommen habe, die man in Deutschland mitnimmt … Wenn mir jemand erzählen will, dass für ihn eine Welt zusammenbricht, weil er bestimmte Sachen nicht mehr sagen kann – da brauchen wir uns net unterhalten! Ihr bringt so viel Energie auf, statt Paprikasoße das „Z-Wort“ zu nutzen … Alder, sach’s doch einfach net! Ist doch viel einfacher! Ihr macht doch sonst auch nur das Effektivste! De günstige Urlaub, am schnellsten hin, am meiste essen, de schönste Pool und Strand. Dann musste doch net noch fünf Kommentare schreiben, warum du’s trotzdem noch sagen willst.

Foto: Nouki Ehlers, nouki.co

 

Ist in dieser Konsequenz der Song „Mittelfinger“ enstanden? Glasklar und ohne jegliche Metaphorik werden Probleme wie NSU und weitere Schieflagen benannt, Du erteilst wörtliche Absagen gegen Rassismus, Antisemitismus, Sexismus. So explizit ist man das bisher nicht von Dir gewohnt gewesen.

Hört man die alten Songs, weiß man wohl schon, wo ich positioniert bin, so ungefähr. Ich wollt’s jetzt aber konkretisieren. Ganz plakativ. Auch, um deutlich zu machen, dass ich so was nicht toleriere und tolerieren möchte. Auch keine Sprüche, die nicht so gemeint sind … damit ist jetzt genug. Ich möchte Stellung beziehen: Leute, die andere Menschen aufgrund äußerlicher Merkmale, Geschlecht, Sexualität, Herkunft oder Alter diskriminieren, sind auf meinen Konzerten nicht erwünscht. Ich kann denen natürlich nicht verbieten, die Mucke zu hören, aber die Message will ich ganz klar loswerden. Da soll kein Interpretationsspielraum bleiben.

 

Im Vergleich zur knallharten Message ist der Song ein eher ruhiger …

… ja, obwohl der Song ein relativ ruhiger ist, wurde er aber aus einer großen Wut heraus geschrieben. Es pisst mich einfach an. Ich kann auch diese Gags nicht mehr hören. Auch Leute, die sich einsetzen, um strukturelle Diskriminierung beizubehalten, weil das an ihrer Lebensqualität sägt … ja, wir müssen daran sägen! Ganz massiv sogar! Als im Sommer viele Proteste waren, BLM, Hanau … habe ich mich bewusst dazu entschieden, nicht am Handy Storys zu teilen. Vielmehr überlegte ich, wie ich auf andere Weise aktiv werden kann. Die Entscheidung war, dass ich die größte Reichweite habe, wenn ich einen Song darüber schreibe und meine Position und Auseinandersetzung deutlich mache.

 

Als erste Single wurde „Boot“ veröffentlicht. Noch ein radikaler Schritt. Das Feature mit der Pop-Künstlerin Mine ist die Nummer der Platte, die am wenigsten nach Rap klingt. Hattest Du keine Angst, damit Leute vor den Kopf zu stoßen? Oder war’s als Flex gedacht: „Ey, ich kann auch so was!“

Wenn ich flexen wollte [im Szene-Jargon Synonym für auftrumpfen, angeben], dann würde ich das raptechnisch machen. Aber das mache ich nicht mehr, weil’s mir keinen Spaß mehr macht. [grinst] „Boot“ ist der erste Song, der zur Platte entstanden ist. Für manche ist die Nummer vielleicht ungewohnt. Ich wollte jetzt aber keinen Aufreger produzieren oder Leute vor den Kopf stoßen. Es war einfach ein Bauchgefühl. Und ehrlich gesagt: Ja, ich habe eigentlich mit einem Pop-Vorwurf gerechnet. „Warum ist das net mehr so wie früher?“ Aber das blieb komplett aus. Ich bin so im Reinen mit dem Album, dem Video zu „Boot“, der gesamten Grafik und Gestaltung, dass ich erstmals auch Zweifel und Ängste nicht an mich rangelassen habe. Handwerklich gibt’s von meiner Warte aus einfach nichts dran zu mäkeln. Und dann ist das Ding für mich gut!

 

„Mäd Löve“ ist Dein Beitrag im großen Kanon des HipHop. Ein Genre, das heute unglaublich facettenreich ist. HipHop ist derzeit die wohl populärste Form der Pop-Musik weltweit. Da Du Dich aus manch klassischem Sound-Schema befreist: Identifizierst Du Dich denn noch mit HipHop, dem Genre? Oder spürst Du Befremdlichkeit?

Das krasse bei HipHop ist, es könnte nicht näher und gleichzeitig weiter weg von mir sein. Es gibt mittlerweile so viele Szenen. Ich würde überhaupt nicht mehr von DER HipHop-Szene sprechen. Inhaltlich und auch vom Sound geht das so weit auseinander. Also das, was du auf Playlisten findest und im Radio hörst, unterscheidet sich. Im Radio gibt’s „saubere Sprache“, dafür sind „dirty lyrics“ im Streaming super erfolgreich. Dann gibt’s so ’ne Riege wie uns, die in den großen Playlisten gar nicht stattfindet, aber eine große Hörerschaft im Underground hat. Es gibt Rapsongs, Crews, Künstler:innen, die Furchtbares von sich lassen. Da fragt man sich schon: Wie kann man da ’ne ähnliche Mucke machen? Das Ding ist: Man hat eigentlich gar nichts mit denen zu tun. Außer einem ähnlichen Genre anzugehören. Und ja: Das ist sehr befremdlich! Aber gerade weil das so befremdlich ist, sind meine Lyrics so, wie sie sind. Ich reagiere ja auf das, was im Rap aktuell funktioniert. Zum Beispiel: materielle Werte. Im ersten Song stelle ich mich dagegen. Ich hab‘ nix gegen Autos, die viel Geld kosten, aber für mich persönlich sehe ich keinen Sinn darin. Das ist für mich kein erstrebenswertes Gut. Ich find‘ halt andere Sachen gut.

 

Auf der Platte beschreibst Du auch Deinen – eher weniger materiellen – Lebensentwurf: „Ich möchte nicht arbeiten, um Geld zu haben fürs Entschleunigen“. Wenn Du so deutlich Gedanken verbalisierst, schwingt da ein programmatisches Anliegen mit? Mädness‘ Anleitung für den Weg zum eigenen Glück …

… ja, voll, das ist zu hören. Dass das Nachdenken oder Umdenken auslöst, das wäre voll schön. Wenn mein Song eine Diskussion anregt, die sonst nicht stattfindet, das ist super schön. Ich will aber keine Handlungsanweisung geben. Ich kann nur sagen, was mir gut tut und hoffen, dass es nicht belehrend rüberkommt. Es gibt ein Leben, das okay ist und nicht mit der Bahn morgens um 6 Uhr startet, nur um um 18 Uhr wieder nach Hause zu kommen. Es gibt auch ein Leben, das anständig ist und nicht von Faulheit geprägt ist, wenn man um elf Uhr aufsteht und dann anfängt zu schreiben. Einfach für mich: Maggo, das ist schon okay, wenn Du das so machst. Und es ist auch okay, wenn viele andere das so machen. Durch meine Sozialisation mit einem großen Anteil von Arbeiterfamilien im Hintergrund einen anderen Weg zu finden, war nicht einfach, vor allem einen alternativen Lebensweg zu finden und genießen zu können. Sich beim Weg zum Bäcker um 11 Uhr nicht zu fragen, wieso denn alle schon so wach sind: Habe ich was falsch gemacht? Bin ich etwa faul? Nee, bin ich net!

 

Grafik war eben ein gutes Stichwort. Das Artwork ist echt beeindruckend. Das Cover und die Gestaltung greifen diesen lebhaften, warmen Klang super auf. Das Ganze hat fast schon einen Seventies-Vibe. Auch stilistisch wurde Neuland betreten.

Ich hatte Lust auf etwas Gezeichnetes, davon hatte ich schon früh eine gewisse Vorstellung. Nur der Stil, der fehlte mir. Über meinen Freund Marek aus Aschaffenburg, er hatte das Bühnenbild für „OG“ geschaffen, lernte ich Max Löffler kennen. Seine Arbeiten fand ich direkt ultra stark. Er hat von mir die Mucke bekommen und ließ sich davon inspirieren. Das war auch für mich eine neue Erfahrung, weil das Ergebnis im Prozess geschaffen wurde. Eigentlich bin ich ein Freund von fertigen Optionen: A, B, C. Aber diesmal habe ich mir einen „Freestyle“-Moment gegönnt mit Brainstorming, Rumspinnen. Das Herzstück ist – wenn man Vinyl hört – das Aufklappen des Gatefolds: Als Pop-up fliegt dir der Bademantel entgegen. Das hat sich nur durch den gemeinsamen kreativen Prozess ergeben, der nicht strikt geplant war. Einfach schön, dass sich die Geschichte, die auf der Platte erzählt wird, auf dem Cover wiederfindet. Unabhängig davon, ob sich die Leute so tiefgehend mit dem Album beschäftigen, so wie ich das früher gemacht habe: Ich musste dabei an meine erste Platte von Public Enemy denken. Die habe ich über Monate auseinander genommen. Credits gelesen, die Texte gelesen, noch mal das Foto angeschaut, noch mal die Platte dazu gehört, die Texte beim Nachrappen gelesen … das war eine nachhaltige Beschäftigung.

 

Auf den letzten Platten hast Du immer eine Art selbstreferenzielle Figur kreiert. Vom „Maggo“ über das Duo mit Deinem Bruder und die „IUMB GbR“ bis zum „OG“. Auf „Mäd Löve“ ist das nicht zu hören. Gibt’s erstmals Mädness ohne Maske?

Kann man wohl so sagen. „Mäd Löve“ ist definitiv näher an mir als die anderen Platten. Das war jetzt nicht mega bewusst. Vielleicht habe ich bei den anderen Platte so AKAs vorgeschoben, um die Figur, den Erzähler, nicht ganz so intim zu machen. Ganz ehrlich, also das klingt so depp, aber ich habe mir einfach keine Gedanken darum gemacht. Das ist einfach das, was ich sagen will. Das musste raus. Und ich bin super froh, an so einem Punkt zu sein! Lange habe ich nicht so gedacht.

 

Wie fühlt es sich an, die Platte zu veröffentlichen und zu wissen, dass Du die Songs nicht live spielen, nicht mit den neuen Nummern auf Tour gehen kannst?

Es ist sauschade! Es gibt nichts Besseres als die Platte, die man gemacht hat, frisch zu spielen. Aber ich habe die Pandemie ja mitgedacht und deswegen eine Platte gemacht, die man perfekt zu Hause hören kann. Ist doch völlig klar [grinst]. Nee, ganz im Ernst: Saukacke, aber im Sommer gibt’s vielleicht wieder die ein oder andere Veranstaltung mit Hygienekonzept, bei der man spielen kann. So mit 150 Leuten, das haben wir letzten Sommer auch gemacht. Das ist natürlich kein Pogo, kein Schwitzen und alle saufen aus einem Becher, aber es ist eine Lösung.

 

Musik als Job, als Broterwerb. Damit setzt Du Dich ehrlich und kritisch auseinander. Hast Du heute einen anderen Blick auf Deine Kunst im Vergleich zu der Zeit, als Deine Songs noch nicht Deine Miete finanzieren mussten?

Ja, aber das hängt nicht mit der Miete zusammen, sondern eher mit dem Akzeptieren, dass die Musik meine Leidenschaft ist. Meine Leidenschaft war’s schon immer, aber zugetraut, Musiker zu sein, das habe ich mir lange nicht. Ich habe lange damit gekämpft, dass Musik mein Beruf sein könnte. Ich habe mir das nicht zugetraut. Das war eher so: Aja, der springt rum, macht e bissie Mussig und meint, er wär was … In dem Moment, in dem man sich eingesteht, Musiker zu sein, ist das super. Musiker ist ja kein Schimpfwort. Musik zu machen, hatte ich lange als Nicht-Arbeit abgespeichert. Das sehe ich heute anders und daher ist die Herangehensweise auch eine andere. Ich will keine 100 Songs im Jahr veröffentlichen und diesem Schnelligkeitszwang folgen. Lieber will ich einen Song zu einem Thema schreiben und diesen so lange und so intensiv bearbeiten, dass ich sagen kann: Gut, das ist der Song zu diesem Thema. Die Gewissheit, stolz und zufrieden sein zu können auf und mit dem, was man macht, das ist so langsam eingekehrt.

 

Ein Moment der Befreiung also und die Möglichkeit sich voll und ganz darauf einzulassen …

… ja, voll.

 

Gab’s, als es 2017 nach Berlin ging und das Vorhaben, Rap als Beruf zu begreifen, feststand, eigentlich einen Plan B? Das Musikgeschäft ist, bei allem Talent, oft auch vom Faktor Glück gezeichnet.

Klar, voll. Sauviel Glück gehört dazu. Aber tatsächlich gab’s keinen Plan B. Obwohl ich, wie gesagt, auf Optionen stehe und gerne Plan Bs und Cs in der Hand habe. Aber das war wohl das Gute an der Sache. Wenn man sich komplett in etwas reinstürzt, sollte man keinen Plan B in der Tasche haben. Zumindest ist das meine Erfahrung. Wenn’s in die Hose geht, dann ist es so, aber gerade ist es genau das, was ich machen will. Ich hatte das Glück, belohnt zu werden.

Das ist doch ein schönes Schlusswort!

 

Quattro variazioni di „Mäd Löve“

Das neue Album „Mäd Löve“ erscheint am 16. April als limitierte Vinyl-LP mit Pop-up-Cover, LP, CD und digital. Erhältlich ist die Platte überall, wo es Musik zu kaufen und zu hören gibt.

maedness.com

 

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