Foto: Nouki Ehlers, nouki.co

Fast jede große deutsche Stadt liegt an einem Fluss. Doch welche Gewässer gibt es in Darmstadt? Die Besucher:innen bei der Infoveranstaltung „Wasser geht uns alle an!“ Mitte Juli in der Centralstation wussten darauf vor allem zwei Antworten: den Darmbach – der aktuell jedoch größtenteils unterirdisch durch die Kanalisation ins städtische Klärwerk geleitet wird – und natürlich den Großen Woog. Und sonst? Ein paar erinnern sich an die Modau in Eberstadt. Die Grube Prinz von Hessen wird vergessen. Von hinten ruft nach einiger Überlegung jemand: „Erich-Kästner-See“. Doch es wird klar, dass es nur wenige fließende oder größere stehende Wasservorkommen in unserer Stadt gibt.

„Darmstadt ist eine wasserarme Stadt, das wissen wir alle“, schließt Oberbürgermeister Jochen Partsch (Bündnis 90/Die Grünen) in seiner Rede an. Entscheidend sei es, dem Klimawandel mit „klugen Lösungen“ zu begegnen und Wasser nicht nur zu gewinnen, sondern auch zu halten. Dieses und viele weitere Ziele habe sich das Projekt „Schlaues Wasser Darmstadt – Smart City Projekte für eine integrierte Stadtentwicklung und Klimaresilienz“ gesetzt. Es ist Teil des Förderprogramms „Modellprojekt Smart City“ des ehemaligen Bundesinnenministeriums (jetzt: Bundesministerium für Wohnen, Stadtentwicklung und Bauwesen). Darmstadt konnte sich in der zweiten Förderstaffel als eine der Gewinnerstädte durchsetzen. Die eingeworbenen Fördergelder für das Projektbudget belaufen sich auf 14,7 Millionen Euro.

14,7 Millionen Euro für schlaue Wasserprojekte in Darmstadt

Von 2021 bis 2027 sollen digitale Lösungen für eine nachhaltige Wasserresilienz in Darmstadt entwickelt und umgesetzt werden. Vertreter:innen der städtischen Betriebe und Verwaltung, der Wirtschaft, Wissenschaft und Gesellschaft organisieren sich dafür in drei unterschiedlichen Fokusgruppen. Gemeinsam will man „gesamtstädtisch den veränderten Umweltbedingungen entgegentreten, den verantwortungsvollen Umgang mit Wasser stärken und dessen Nutzung auf einem sozialverträglichen Weg nachhaltiger gestalten“. Die neuen klimaresilienten Strukturen sollen dabei Stadtentwicklungsaspekte und Digitalisierung vereinen.

Dass das mehr als notwendig ist, erklärt die zweite Rednerin an diesem Abend. Marina Hofmann ist Leiterin des Amts für Wirtschaft und Stadtentwicklung Darmstadt und betont: „Der Klimawandel ist in Darmstadt bereits angekommen.“ Vor allem der Temperaturanstieg und die Prognose für länger anhaltende Trockenperioden im Sommer, seien das Problem. Auch, weil es eben kein größeres Fließgewässer in der Stadt gibt. Zudem ist Darmstadt eine der wärmsten Städte Hessens. Zur Verdeutlichung zeigt sie eine Luftaufnahme des Herrngartens im Sommer: Die große Wiese darauf ist gelb und ausgetrocknet.

Wassermanagement der Zukunft

Anschließend stellen Projekt-Vertreter:innen reihum die verschiedenen Messestände, Modelle und Infotafeln im Saal vor. Die Themen orientieren sich dabei an den drei projektinternen Anwendungsfeldern: Wasserkreisläufe, Wasserdaten und Wasserkommunikation. Dabei kann das Publikum ganz konkret erkunden, welche Projekte es bereits gibt und welche momentan in der Planung sind. Etwa eine satellitengestützte, solarbetriebene Wassermanagementplattform, die drei Monate lang vor Badebetrieb im Großen Woog Daten gesammelt hat. Diese Informationen können beispielsweise bei Umweltkatastrophen für Krisenstäbe als Entscheidungsgrundlage dienen. Weitere Stände informieren etwa über das Bioversum im Jagdschloss Kranichstein oder ein Trockentoiletten-Projekt des BUND. Im Carree vor der Centralstation sind weitere Stände aufgebaut – unter anderem einer des Darmbach e. V., der sich für eine Freilegung des Darmbachs einsetzt.

Zwei rein digitale Angebote werden zudem auf der Projekt-Webseite vorgestellt. Zum einen soll die bereits bestehende „Darmstadt im Herzen“-App der Heag nun auch Informationen über Besucher:innenzahlen, Temperatur- und UV-Werte in den Schwimmbädern sowie Warnmeldungen vor drohenden Gewittern und Stürmen liefern. Zum anderen erweitert das städtische Vermessungsamt sein 3D-Stadtmodell, um zu analysieren, welche Gebiete und Gebäude in Darmstadt am ehesten von Hochwasser betroffen sein werden. Schließlich hat hier Starkregen in den letzten Jahren teilweise deutliche Schäden verursacht. Mit Hilfe des dreidimensionalen Modells können Voraussagen über mögliche Veränderungen des Stadtklimas getroffen werden.

Digital unterstützt laufen auch die Kurzvorträge am Abend in der Centralstation: Das Bild wird hoch aufgelöst auf eine große Leinwand über der Bühne übertragen, der Ton über Funk-Mikros. Immer wieder wird dabei das Publikum mit einbezogen, und auch viele Stände sind anschaulich und interaktiv gestaltet. Mehrere Whiteboards im gut besuchten und – thematisch passend – blau beleuchteten Saal laden die Bürger:innen dazu ein, ihre eigenen Ideen und Feedback zu hinterlassen. Der gemeinsame Austausch ist für das Projekt besonders wichtig, wie Oberbürgermeister Partsch betont: „Nur durch die Unterstützung unserer Bürgerschaft können wir bei einem der drängendsten Klimathemen unserer Zeit zum deutschlandweiten Vorreiter werden.“

Darmstadt als deutschlandweiter Vorreiter?

Und so wird es für Darmstädterinnen und Darmstädter nach dieser ersten Informations- und Sensibilisierungs-Veranstaltung bereits im Herbst 2022 eine Umfrage über „Wissen, Betroffenheit, Verhalten, Sorgen, Wünsche und Technologien“ bezüglich des zukünftigen Wassermanagements geben. Ab Anfang 2023 gibt es dann die Möglichkeit, die Strategie über die Projekt-Webseite zu kommentieren, bevor anschließend ein „Bürger:innen-Ideenwettbewerb“ für ein zusätzliches Budget zur Umsetzung von Maßnahmen ausgeschrieben wird. Währenddessen sind weiterhin „Dialog-Formate“ zur Aufklärung über den Umgang mit Wasser geplant. Ein abschließender „Zukunftsbericht“ beendet dann die Strategiephase und läutet – endlich – die Umsetzungsphase ein. Denn: Der Klimawandel wartet nicht.

smartwater.darmstadt.de

 

Hoher Wasserverbrauch in Darmstadt

Darmstadt hat den höchsten Pro-Kopf-Wasserverbrauch bei den privaten Haushalten unter allen Großstädten im hessischen Rhein-Main-Gebiet. Das geht aus der Wasserbilanz Rhein-Main 2020 hervor, die das Regierungspräsidium Darmstadt Anfang August vorgelegt hat. Die Einwohner:innen Darmstadts verbrauchen demnach im Durchschnitt 155 Liter Wasser pro Tag. Zum Vergleich: In Wiesbaden sind es 153, in Offenbach 134 und in Frankfurt 130 Liter. Andere südhessische Städte und Gemeinden liegen zwischen 103 Liter (Heppenheim) und 146 Liter (Groß-Umstadt).

 

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