Foto: Jan Ehlers
Foto: Jan Ehlers

Eigentlich sollte man über die Topshake-Jungs und ihre Funk & Soul-Partys gar nichts schreiben, sondern sie als Geheimtipp hüten wie die PIN zum eigenen Konto. Ihre Veranstaltungen sind eh schon ziemlich gut besucht und ihre DJ-Sets versprühen diesen ganz speziellen Charme des Exklusiven, den man nicht mit jedem teilen möchte. Genauso wie die beiden DJs Marcus Kaffenberger (Maggi) und Daniel Weigmann (Weige) ihre raren Funk & Soul-Vinyl-Singles gerne exklusiv und nur für sich erwerben. Wir sprachen mit ihnen über Platten-Nerds, Hardcore-Vergangenheit und Darmstadt.

Seid Ihr eigentlich gebürtige Heiner?

Daniel: Ich kam als Sturzgeburt zwischen Solingen und Spanien im Auto auf die Welt … [sieht dem P die Verwirrung an] … lange Geschichte, aber irgendwann bin ich dann in Eberstadt im Kindergarten gelandet.

Marcus: Ha, Sturzgeburt erklärt einiges an Dir [lacht sich einen] … Ich bin ursprünglich Odenwälder aus dem Raum Groß-Bieberau.

Das ist nicht zu überhören [Maggi legt Platten nicht auf, sondern uff]. Seit wann kennt Ihr Euch?

M: Aus unserer Hardcore/Punk-Zeit Mitte der 1990er. Ich war damals Bassist bei Dead Beat und Skeleton Army, Daniel Sänger bei Ail. Da lief man sich öfters über den Weg. Richtig kennengerlernt haben wir uns aber erst durch meinen damaligen DJ-Partner Heikki Eiden so um 2006 im 603qm. Der meinte, da sei noch einer, der wie verrückt Funk & Soul-Platten sammele.

Mit Heikki Eiden warst Du als DJ-Duo „The Lovemachines“ damals in Sachen Funk & Soul auch schon sehr umtriebig.

M: Genau. Wir machten ja ab 2005 vor allem die Veranstaltungsreihen „Soul Safari“ und „Rubies of Funk“ im 603qm. Und vorher schon von 2001 bis 2004 einige Soulnighter in der „Linie Neun“ in Griesheim.

Auffällig, dass viele heutige Funk & Soul-DJs aus früheren Hardcore-Zirkeln stammen. Wie kommt das?

D: Ich hatte ja auch großes Interesse an HipHop. Das liegt da näher. Aber Du hast schon recht. Das war damals eine überschaubare Szene im Hardcore, in der jeder jeden kannte. Man lief sich automatisch über den Weg und alle profitieren heute noch davon.

M: Soul-Musik ist eben doch genauso Männer-Musik wie Hardcore [lacht].

Wann und wie habt Ihr jeweils angefangen als DJs?

M: Das erste Mal habe ich mit Heikki als The Lovemachines 1999 in Stuttgart aufgelegt. Ich habe damals für ein Jahr dort gelebt und wurde dauernd gefragt, ob ich bei Partys auflegen wollte. Allein wurde mir das aber zu viel. Da habe ich dann Heikki angerufen, weil wir fast den gleichen Geschmack hatten. Wir hatten dann auch Gigs in einem ehemaligen Striptease-Laden. Mit 100 Leuten war der proppenvoll. Da waren dann auch so Leute wie die Fantastischen Vier und so. Sehr geil. Danach war ich angefixt.

Ehemalige Striptease-Läden werden ja oft später zu Clubs. In Frankfurt zum Beispiel.

D: Das passt eben auch so vom Ambiente und Interieur. Herrlich runtergerippt und verrucht.

Gibt es hier in Darmstadt eigentlich einen ehemaligen Striptease-Laden [R.I.P., altes „Extasis“]?

D: Wüsste keinen. Wäre ‘ne Marktlücke … [schmunzelt] … bisschen was hat der „Sumpf“ davon ja schon gehabt [in der Eckkneipe in der Kasinostraße 105 fanden viele Topshake-Partys statt].

Vielleicht kann man ja später aus dem „Sharks“ was machen?

D [irritierter Blick]: Du kennst das „Sharks“ wohl ganz gut?

M [süffisant]: … als investigativer Journalist …

Äh, nein … [Schweißattacke] … nur so vom Hörensagen … [schnell das Thema wechseln] ähh, was waren Deine ersten wirklichen DJ-Gigs, Daniel?

D: Ich bin ja früher Anfang der 1990er schon viel rumgekommen als Drum’n’Bass-DJ mit den Phishmaol-Jungs [legendäres Darmstädter DJ-Kollektiv, teilweise heute noch aktiv]. Das war ziemlich lustig damals. Zum Funk & Soul-DJ wurde ich erst durch den Kontakt zu Heikki und Maggi. Hatte aber schon davor gerne Funk mit jazzy HipHop gemixt, war also in dem Sound durchaus firm.

Wann habt Ihr Zwei als DJ-Duo begonnen?

M: Als Heikki immer mehr beruflich mit seiner Künstler-Agentur zu tun hatte [www.eidenmusicagency.com] und 2011 nach Brasilien auswanderte, tat ich mich mit dem „Weige“ zusammen. Gleichzeitig zogen wir da auch in eine gemeinsame Wohnung, das ergab sich per Zufall. Unser erster Gig war September 2010 im „Sumpf“. Wir wollten nicht in einen bestehenden und etablierten Club rein, sondern dass sich da was Neues sofort mit der Location direkt verbindet. Im „Sumpf“ gab es früher jahrelang auch DJ-Abende vom Marc Herbert [von der Band Woog Riots] unter dem Titel „Nathalie Bar“, eher Richtung Indie, aber immer top-gemütlich. So was wollten wir da auch. Das hat auch sofort funktioniert und war echt cool.

D: Es ging etwa drei Jahre lang und wurde immer voller. Die Reihe musste dann aber leider beendet werden wegen Lautstärke und Ordnungsamt. Wir sind praktisch am eigenen Erfolg gescheitert. Im „Sumpf“ dürfen jetzt nur noch kleine gedämpfte Konzerte stattfinden, aber keine Partys mehr.

Das alte und permanente Problem in Darmstadt, der angeblich so weltoffenen Stadt [das P grummelt]. Wie ging es dann weiter?

D: Wir hatten parallel ja immer noch feste Gigs im Red Cat Club [in Mainz]. Es fing dann aber auch an mit dem Weststadtcafé im Sommer, was immer superschön war. Aber wir hatten nix in Darmstadt, wenn der Sommer vorbei war.

M: Wir dachten dann an eine einmalige Party im Hoffart-Theater. Wir bekamen aber den Tipp, dass Klaus Lavies, der Betreiber des Hoffart-Theaters, noch was anderes hätte. Und das war eben das Pädagog, in dem sonst nur Theater stattfindet. Der Klaus war erstmal skeptisch, weil er das nicht so als Party-Location haben wollte, dann aber sofort angetan von unserer Musik. Wir sind da als DJs jetzt quasi exklusiv drinnen, weil das auch eine Ausnahme bleiben soll.

D: Ist ja auch wieder ein Lautstärke-Problem. Wenn die Leute unten im Raum sind, ist alles okay. Aber wenn sie vor der Tür stehen und laut schwätzen, kommt eben die Polizei.

M: Wir waren jetzt dreimal im Pädagog. Wir hatten auch jedes Mal eine Steigerung bei den Besucherzahlen.

D: Einmal war es schon zu voll, das war nicht Sinn der Sache. Daher haben wir auch ein paar Prämissen: nicht zu groß, günstig, gemütlich. Am Anfang war ja auch mal die Centralstation im Gespräch. Macht aber atmosphärisch in der speziellen Richtung wenig Sinn. Wir haben uns jetzt gesagt, noch zwei Gigs im Pädagog im Herbst zu machen – und dann mal ein Resümee zu ziehen.

M: Es gibt ja auch für DJs immer Phasen, in denen es mal hoch, mal runter geht. Die ersten Male waren wir total überrascht, wie gut es angenommen wurde. Aber es darf sich auch nicht tot laufen, wenn man zu oft was macht. Dann suchen sich die Leute wieder was Neues.

D: Im Sommer ist das Weststadtcafé immer die geilste Location. Wir betrachten das auch etwas eigenständig und haben es daher nicht „Topshake Soulknights“, sondern „Soulknights Experience“ genannt. Wir sind stilistisch mal mehr 70er-lastig oder mal mehr 60er-lastig.

Was meint Ihr genau mit der Unterscheidung „60er“ oder „70er“? Und es gibt ja auch sehr viele Untergruppen im Genre Funk & Soul wie Deep Funk, P-Funk, Northern Soul, Crossover, Rare & Modern Soul. Wo seht Ihr Euch da?

M: Rare Soul ist einfach der Ausdruck für „kein Mainstream“. Bezüglich 60er und 70er ist das eigentlich kein so krasser Unterschied. Das sind eben meist andere Produktionsbedingungen, unter denen die Platten entstanden.

D: Ach doch, der Unterschied ist schon größer. Aber es gibt da natürlich noch Dutzende Untersparten, die aber nur verwirren und selten einheitlich verwendet werden.

M: Also ganz klar, gibt es in jedem Bereich super Sachen. Wir sind eigentlich nicht wirklich festgelegt. Wir spielen neben rauem Deep Funk auch schmusigeren, melodischeren Northern Soul, Crossover und Modern Soul.

Mal absolut für Laien: Es gibt zum Beispiel im Funk ja stark verkürzt die rauere James Brown-Fraktion, die disco-funkigere George-Clinton-Fraktion, die 80er-melodischere Prince-Fraktion. Ihr wäret nach meiner Einschätzung zur raueren James Brown-Fraktion zu zählen.

M: Ja, auf alle Fälle. Deep Funk nennt sich die Schiene in der Szene.

D: James Brown wäre dann zum Beispiel eher energetischer 60er-Funk, während Platten von Curtis Mayfield oder Gil Scott-Heron eher zum 70er-Soul-Funk zählen. Das wäre eine ganz typische Unterscheidung.

Wie wurdet Ihr zu regelrechten Platten-Sammlern?

M: Fließender Übergang. Am Anfang hat man sich meist Sampler zugelegt. Dann wollte man aber die Originale haben. Und wenn man dann erst mal eintaucht in diese Schiene, dann findet man auch ganz viele Sachen, die es sonst nirgendwo gibt. Und da sind so geile Sachen dabei. Das ist dann schon ein bisschen wie eine Droge.

Und irgendwo auch das Ziel, die Platten zu haben, die andere nicht haben?

M: Ja, logisch. Aber das Ziel ist natürlich nicht vorrangig. Der Song muss gut sein. Und da ist es egal, ob rar oder totgespielt. Aber es muss definitiv Vinyl sein, vornehmlich im Single-Format.

D: Es gibt ja auch Platten, da lacht einfach das Sammlerherz, wenn der Postbote klingelt. Auch wenn du weißt, dass du die Platte nie auflegen wirst, sondern nur für dich behältst. Die teuersten Platten habe ich eigentlich nur für meinen Privatgenuss gekauft.

Das Haptische zählt also auch: Man hat was Greifbares und man hat es einzig für sich. Es gibt jetzt ja auch immer mehr Nachpressungen von Sachen aus den 60ern oder 70ern.

M: Nachpressungen sind aber nicht so sexy wie das Original, obwohl das technisch von der Qualität absolut gleich ist. Ich kaufe Platten nicht zum Auflegen, sondern weil sie mich innerlich berühren. Und dazu gehören eben auch so Faktoren wie Original und Aufmachung. Und natürlich dieses Such-Ding, dieses Eintauchen in die Sammlerwelt. Nur spätere Nachpressungen aufzulegen, finde ich einfach zu billig. Die kann jeder in jedem Internetshop sofort runterladen. Oder gleich als CD aus der Ramschkiste. Ich glaube, die Leute spüren das auch.

D: Ja, definitiv … [grinst] Neulich habe ich mir aber auch eine CD von Simply Red [schottische Neo-Soul-Band mit Hits in den 80ern] aus einer „1 Euro“-Kiste gekauft.

Und wo findet Ihr die seltenen Original-Perlen? Die klassischen Plattenläden um die Ecke gibt es ja leider kaum noch.

D: Ja, leider. Gibt da eigentlich nur noch ganz wenige wie zum Beispiel „Pure Soul“ in Hamburg [www.puresoul.de]. Ansonsten wirklich im Internet via Ebay oder spezielle Mailordner und E-Mail-Listen von ganz bestimmten Spezial-Verkäufern.

M: Man kennt dann nach einer gewissen Zeit die Anbieter meist persönlich. Meist Engländer oder Amis. Da gibt es einfach noch den größten Pool an unverbrauchtem Vinyl. Ich höre einfach gezielt Musik, auch ganz viele Mixe von Kollegen, und wenn mir was gefällt, recherchiere ich das. Aber das können natürlich gerne auch mal aktuellere Sachen wie Black Keys oder Quantic sein.

Was war so das meiste, was Ihr bisher für eine Platte hingelegt habt?

M: Bei mir so um die 300 Euro. Mehr will ich auch gar nicht ausgeben. Ich habe aber selbst Scheiben wie die „Good Loving“ von Rising Sun, für die ich heute mehr als 1.000 Euro verlangen könnte, weil die im Wert so gestiegen sind.

D: Bei mir waren es sicher schon ein paar Mal so um die 400 Euro. „Tender Love“ von Tommy Jay – das ist eine Platte, die ich live noch nie gespielt habe. Die ist eigentlich nur für mich. Unglaublich gute Stimme [kriegt glasige Augen] … die macht mich einfach emotional fertig die Scheibe.

Verkauft Ihr Platten dann auch wieder?

M: Ganz, ganz selten. Eher mal tauschen. Ich bin einfach Sammler, da kann man sich nicht von seinen Sachen trennen. Gab ja dann immer eine Zeit, wo mir das Lied was bedeutet hat. Und dem hänge ich dann nach.

Also Vinyl-Messis?

M [lacht]: Irgendwie schon.

Wie steht es mit aktuellen Bands in diesen Genres? Es gibt da ja dieses New Yorker Label Daptone und die dazugehörige Backing-Band The Dap-Kings, die erst richtig bekannt wurden, als sie eine Platte für Amy Whinehouse einspielten. Die klingen doch sehr nach diesem alten Sound.

M: Ja, Leute wie Charles Bradley oder Sharon Jones machen ja absichtlich diese authentische Art von intensivem 60s-Sound. Ich habe größten Respekt vor dieser ganzen New Yorker Daptone-Posse. [grinst] Die sind ja fast so mafiös organisiert wie James Brown damals: eigenes Label, eigenes Studio, eigene Backing-Band, nur verschiedene Sänger. Alles tiptop gemacht. Das Beste, was es da derzeit gibt.

D: Mittelwelle gibt aber noch mehr an sauguten Funk- oder Soul-Bands wie zum Beispiel Nicole Willis & The Soul Investigators aus Finnland, die nicht diesen aalglatten Mainstream-Sound aus dem Fernsehen spielen, der meist völlig unfunky und überhaupt nicht soulig ist. Dieser authentische Retro-Sound begann so Mitte der 1990er mit den Poets of Rhythm aus München und den Sugarmen 3 aus New York, aus denen dann auch das Label Daptone Records hervorging.

Wie steht es insgesamt um die Funk & Soul-Szene in Deutschland?

M: Es gibt bundesweit wenige sehr gute und spezialisierte DJs wie Henry Storch, Soul Rabbi, Jan Drews, Florian Keller, Lars Bulnheim, Marc Forrest, Matt Fox oder Atze Knauf [Letzterer wohnt mittlerweile in Darmstadt]. Wenn die auflegen, stimmt die Qualität immer. Aber ansonsten ist das überschaubar. Wir sind in der Soul-Szene nicht wirklich unterwegs. Ich werde da auch nicht ganz warm mit. Jede Gemeinde hat da so seinen Soul-Allnighter, der aber meist eher sehr klein sind. Das wird groß angekündigt, da sind aber manchmal nur 15 Leute.

D: Und so Soul-Weekender über ein ganzes Wochenende sind meist sehr strikt nur Northern Soul, also eher nicht so rauer Sound. Das ist mir auf Dauer zu langweilig. Wir sind für die eher zu offen ausgelegt. Mir passiert es auch immer, dass ich bei manchen superteuren DJs denke, die knallen eine teure Scheibe nach der anderen auf den Plattenspieler, haben aber null Gespür.

M: Und das ist mir auch manchmal alles zu steif da. Mittlerweile lockert sich das aber zum Glück.

D: Genau, der Funk kommt zurück. Und das ist gut so.

Abschließend: Was bedeutet Darmstadt für Euch?

M: Hier ist meine komplette Mannschaft. Ich kann deshalb auch nicht ins Ausland für länger, weil ich hier mit den ganzen Böcken alt werden möchte. Ich bin richtiger Darmstadt-Fan. Ole Heidkamp, ein DJ-Kollege von uns, ist vor einiger Zeit von Stuttgart hierher gezogen, aber wusste mit der Stadt erst gar nichts anzufangen und fuhr immer nach Frankfurt. Dann habe ich ihm mal das wirkliche Darmstadt gezeigt – und jetzt wohnt er im Martinsviertel und findet die Stadt nur noch klasse.

D [lacht]: Und Soul verbindet uns alle. Das geht ans Herz.

M: Genau, das ist die ursprünglichste Clubmusik. Das funktioniert immer.

Das P dankt.

 

Topshake Soulknights-Events

1) „Groovetrail“:

Thomas Hamann (robert johnson) – HipHop, Breaks, Funk | Veruschka (steppin out/FFM) – Boogie , Disco | Sebastian Heitzmann (get down/Stuttgart) – Funk | Daniele (Freetyleei/DA) – hip hop, soul, classics | Tom Blaue (solid soul/FFM) – Soul | Nouki (frischzelle) – 60s Hippie Sound, Freakbeat | Ole Heidkamp(tighten up/FFM) – 60s RnB | Weige (topshake soulknights/DA) – Soul | Marcus K (topshake soulknights/DA) – Soul

Weststadtcafé (Mainzer Straße 106) | Sa, 26.07. | 18 Uhr | 5 Euro

2) „Soulknights Experience“:

Weststadtcafé (Mainzer Straße 106) | Fr, 22.08. | 22 Uhr | 3 Euro

 

www.facebook.com/topshake.soulknights

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