Wir erinnern mit einigen der schönsten Anekdoten an unseren geliebten Freund und kreativ-wuseligen Kollegen Tobi Moka.

 

Foto: Nouki Ehlers, nouki.co

Der unglaubliche Unterstützer

Kai Schuber-Seel: Tobi – für mich war er immer ein Kind im Körper eines Erwachsenen. Und genau das mochte ich an ihm. Offen, begeisterungsfähig, für jeden Spaß zu haben. Und ein ganz großer Supporter der Darmstädter Kulturszene. Es war mir eine Ehre, mit ihm in der Rolle von Kevin Großkreutz die Menschen in der Innenstadt zu irritieren. Mit ihm la baguette und Bier am Hirsch zu verschlingen. Kai Ahnung braucht einen Antagonist, Tobi war da. Tobi war immer da. Auch als Teamkollege bei Fußballfreunde Spaghettieis n. e. V. war er eine Bank in der Abwehr. Eine Katze im Tor und ein Spielmacher mit meist zu engen Trikots. Beim Turnier in Barcelona durfte ich mit ihm das Zimmer teilen. Es gab viel zu quatschen und sein Lach-Grunzen und Im-Schlaf-Grunzen hab‘ ich heute noch im Ohr. Tobi war immer da, er war ein unglaublicher Unterstützer. Zuletzt im Mai 2021 mit seinem wunderbaren Artikel in der P-Ausgabe 133 über die von mir veranstaltete Reihe „Darmstadt_Speakers“: „Die Kunst lebt. Noch.“ Tobi, jetzt lebt er nicht mehr. Aber die Erinnerungen an ihn lassen ihn immer dabei sein. Ich hoffe, da wo Tobi jetzt ist, geht es ihm gut. Tobi, Du fehlst!

 

Foto: Woog Riots

Der explodierte Drummer

Silvana Battisti und Marc Herbert (Woog Riots): 2005 hat uns Tobi als Schlagzeuger bei einem Woog-Riots-Konzert in Erfurt ausgeholfen. Er kam super vorbereitet zum Proben, hatte aber die Sorge, dass er alles zu schnell spielt. Bis dahin war Tobi nur in Hardcore-Punk-Bands aktiv. Zusammen mit ihm und Markus Hoffmann als Soundmann hatten wir schließlich zwei tolle Tage in Erfurt. Unser damaliger und von Tobi sehr geschätzter Labelboss, Alfred Hilsberg, kam extra aus Hamburg. Der meinte allerdings anschließend, das wäre ihm zu viel „Kleinkunst“ gewesen. Das lag wohl an unserer folk-lastigen Songauswahl, denn die zweitägige Veranstaltung sollte ein „Adam Green Tribute“ sein. Tobi hat daraus rückblickend seine eigene Rock’n’Roll-Legende gestrickt: Vor lauter Aufregung habe er zu langsam gespielt und die Woog Riots damit fast um ihren Plattenvertrag gebracht. Er verglich das gerne mit einer Szene aus dem Kultfilm „This Is Spinal Tap“. Da explodiert der Drummer einer Heavy-Metal-Band auf mysteriöse Weise während eines Live-Konzertes. Schließlich erklärte Tobi seine Schlagzeuger-Karriere für beendet. Anfang 2021 plötzlich die überraschende Wende: Tobi empfahl uns, den Song „Beatnik“ von The Clean aus dem Jahr 1982 zu covern. Er würde dann auch wieder Schlagzeug spielen. Wir haben den Song im Dezember aufgenommen. Für den Beat verwendeten wir als Sample kurze Audiosequenzen von einer Videoaufnahme des Konzertes in Erfurt. So ist Tobi jetzt mit dabei. Und der Titel „Beatnik“ … der passt sehr gut zu ihm.

 

Nie Klein-Klein, immer Weltpolitik

Kevin Zdiara: Eine Hauser-und-Kienzle-Kolumne fürs P wollten wir immer machen, der Tobi und ich. Vorbild waren die beiden Moderatoren der ZDF-Politsendung „Frontal“, die dem Politjournalismus in den neunziger Jahren durch ihre betont entgegengesetzten politischen Positionen und Sticheleien neues Leben einhauchten. So war auch unsere Freundschaft. Wir hatten in vielen Dingen unterschiedliche Ansichten, konnten sie stets gut begründen und vertraten diese immer mit leichten Spitzen gegen den anderen. Politisch war es immer. Nie Klein-Klein, immer Weltpolitik: USA, Russland, Naher Osten. Darunter haben wir es selten gemacht. Es waren wunderbare Austausche. Oftmals waren wir uns insgeheim wohl doch zu ähnlich und mussten uns deshalb übertrieben bewusst vom anderen absetzen. Aber immer respektvoll. Einmal im Frühjahr letzten Jahres trafen wir uns in der Orangerie und tranken Kaffee aus Pappbechern. Ein halbes Jahr hatten wir uns nicht mehr gesehen. Tobi schwärmte vom Film „Gundermann“, in dem es um einen Liedermacher in der DDR geht. Ein wirklich großartiger Film. Wir kamen dabei auf Wolf Biermann zu sprechen, den ich immer noch sehr schätze, den Tobi aber mittlerweile nur nervig fand. Am Ende einigten wir uns, dass wir uns nicht einig sind. Am nächsten Tag erhielt ich von Tobi per Telegram eine Nachricht: „Briefkasten!“ Ich schaute nach und fand dort den herrlichen Liederband „Mit Marx- und Engelszungen“ von Biermann. So war Tobi. Und jetzt werden wir nie unsere Kolumne umsetzen. Verdammter Mist.

 

Schachmatt

Marcel Graf (Arnold Hau): Irgendwann im Dezember 2014 trat Tobi in mein Leben. Ich hatte gerade meine erste Seite bei Facebook erstellt und er schrieb einen gemeinsamen Freund an, mit der Frage, wer diese „wirklich knorke“ Seite erstellt habe. Es gäbe da aber ein paar Punkte, die der Gründer nicht aufm Schirm habe. Eine Stunde später erhielt ich eine Freundschaftsanfrage und einen Lehrgang in Strafrecht, Presserecht und Impressumspflicht. Dies war der – eher unübliche – Beginn einer wunderbaren Freundschaft. Eine Freundschaft wächst ja in der Regel langsam und hat mitunter auch immer mal wieder Konflikte zu überstehen. Hier war das „irgendwie“ anders. Stellt es Euch so vor: Ich steige vorsichtig in den Freundschaftszug ein, übersehe das „D“ von D-Zug und Tobi sitzt mit breitem Grinsen am Steuer. Keine unnötigen Stopps und für Konflikte ist auch keine Zeit. Wir übersprangen einfach den Teil des Kennenlernens, stiegen sofort in den Experten-Modus ein und führten uns auf wie Waldorf & Statler. Unsere Gespräche (na ja, oft auch eher ein Wettkampf im Beleidigen á la Monkey Island) gingen oft bis tief in die Nacht. Ich kann jetzt noch das Augenrollen meiner Frau hören, wenn ich daran denke, wie oft ich gesagt habe: „Moment, muss da noch kurz drauf antworten. Komme gleich.“ Oft haben wir nachts auch Schach gespielt, virtuell. Im Real Life haben wir es trotz aller Bemühungen nicht geschafft, uns zu einer Partie zu treffen. Das lässt mich auf der einen Seite traurig zurück, auf der anderen Seite bin ich aber auch froh, denn sonst hätte ich ihm sagen müssen, dass er einfach zu gut für mich war und ich nur durch die Hilfe einer App, die ich mir extra dafür geholt habe, hin und wieder ein Spiel für mich entscheiden konnte. Mich damit aufzuziehen, das hätte ihm sehr gefallen. Ich würde es ihm von Herzen gönnen.

 

Foto: Moppel Wehnemann

„Das wird ’ne extrem geile Story!“

Moppel Wehnemann: Frühling 2018. Die beliebte Reihe „Bier trinken & Joggern gute Tipps zurufen“ (#BtuJgTz, „Moppelmett“-Folge 6, P-Magazin #104 vom Mai 2018) soll nach kurzer Pause wieder stattfinden. Dazu erstelle ich bei Facebook eine Veranstaltung, die in kürzester Zeit durch die Decke geht: 3 Millionen Zugriffe, 31.000 Teilnehmende, die sich „ankündigen“ – für eine Seite mit 1.000 Followern gar nicht mal so übel. Das findet auch (T)Obi, der ein großer Fan der Veranstaltung ist und sich bei mir meldet („Sauwitzig!“ „Cool!“). Allerdings gibt er auch zu bedenken, dass es Probleme mit sich bringen könnte, würden wirklich so viele Menschen meinen Ruf in den Park folgen: „Mal sehen, wann sich das Ordnungsamt meldet. Kann echt passieren.“ Ich beruhige ihn damit, dass das schon okay sein wird – der Park sei ja groß genug und, hey, sowieso – „Facebookveranstaltung“. Nachdem er seine Sorge um Konsequenzen kundgetan hat, machen wir unsere gewohnten Witzchen. „Vielleicht komme ich als Jogger, der von Dir dann zum Bier bekehrt wird. Könnte man so messianisch aufziehen. Und dann wirst Du TV-Prediger!“ Haha. „Mit Live-Schalte!“ Wir würden in aller Welt T-Shirts vertreiben. Braucht es nur ein Logo. Da finden wir schon jemanden, der was Schönes macht. „Das wird ’ne extrem geile Story!“ Nun. T-Shirts gab es am Ende nicht, dafür aber ein Logo und das auch noch auf Bierdeckeln. Ordnungsamt und Polizei fuhren am Veranstaltungstag tatsächlich prüfend durch den Park, aber weil es dann doch nicht ganz so viele Leute waren, gab es scheinbar keinen Handlungsbedarf. (T)Obi kam leider nicht, wir konnten uns in der Folge aber trotzdem noch oft über die Aktion erfreuen und hatten was zu lachen. Es wurde eine tolle Geschichte und vielleicht klappt es ja in einem anderen Universum schlussendlich doch noch mit der Bierbekehrung. Wer weiß.

 

Spezialwissen und Scharmützel

Daniel Timme: Kleiner Freitag in der „Villa“, Punkkonzert. Einlass, gude, sechs Euro, Stempel drauf. Pilsbier, Ohrstöpsel, strategisch guter Platz zwischen Bühne und Bar – check. Die Kapelle legt los. Nach dem zweiten Song tippt mir jemand auf die linke Schulter. Ich drehe mich um – nichts. Hä? Kichern und grunzendes Lachen von rechts. Tobi! Widzisch, widzisch. Ich pariere mit einem „Och nee, der Offebäschä!“, unsportliche Anspielung auf das Kennzeichen seines treuen roten Kleinwagens, mit dem der Musik-Nerd unzählige Konzerte und Partys abklappert. Ein ungelenker Versuch, dem glühenden Eintracht-Fan und aufrichtigen Lilien-Sympathisanten verbal maßvoll vors Schienbein zu treten. Gegen Tobis Schlagfertigkeit ist kein Kraut gewachsen. An solchen Scharmützeln hat er kindliche Freude, die liebt und provoziert er. Der letzte Stich im trauten Trashtalk geht immer an ihn. Während der Sänger die nächste Nummer ansagt, versorgt mich Tobi mit Spezialwissen über die Band. Meine Nachfrage zum Drittprojekt des Drummers geht ins Leere. Tobi ist weitergewuselt, den Schalk im Nacken, die nächste Albernheit im Sinn. Zwei Reihen vor mir im Halbdunkel lautes Lachen, großes Hallo – aha. Ein paar Wochen später, Sleaford Mods im Schlachthof. Jemand tippt mir auf die rechte Schulter. Ich drehe den Kopf – grunzendes Kichern von links. Moka! – Du fehlst.

 

Foto: Nora Baumann

Naggisch übern Lui

Volker Hahn: Anfang 2016 traf ich Tobi zum Rückrundenauftakt am Bölle. Er begrüßte mich mit einem schlanken „Alter, Du bist aber fett geworden“, was ich mit einem fröhlichen „Digger, und Du erst” retournierte. Nachdem wir uns gegenseitig noch ein wenig auf den Arm genommen hatten (das konnte man mit Tobi bestens), beschlossen wir, dass es uns beiden gut tun würde, etwas mehr Sport zu machen: „Alter, lass‘ uns im Frühjahr einen Halbmarathon laufen und schauen, wer bis dahin fitter ist.“ „Klar Digger, machen wir – Du hast aber keine Chance gegen mich.” „Okay, Alter, lass uns wetten.“ Der Wetteinsatz steigerte sich bei jedem unserer folgenden Treffen. Am Anfang war es eine Kiste Pfungo, irgendwann waren es fünf. An einem feuchtfröhlichen Abend in der Oetinger Villa beschlossen wir, dass der Verlierer doch nackt über den Luisenplatz laufen solle. Wir waren beide fest davon überzeugt, dass der Andere den Kürzeren ziehen würde. Tobi und ich nahmen die Sache ernst. Wir trainierten beide hart und waren bereit für die Mutter aller Rennen. Dann kam der große Tag, Koberstädter Waldmarathon im August. Gefühlte 40 Grad im Schatten. Nach dem Start legte Tobi vor wie die Feuerwehr. Ich überlegte kurz, ob ich mitziehen soll, beschloss dann aber, mir das Rennen einzuteilen. Kurz vor Ende des Rennens holte ich Tobi wieder ein, er schleppte sich mühsam Richtung Ziel: „Digger, was ist los?“ „Alter, ich hab zu wenig getrunken.” „Puh, wem sagst Du das, ich kann auch nicht mehr, lass‘ uns zusammen ins Ziel laufen.“ „Und das mit dem Lui?“ „Digger, lass‘ uns das beim nächsten Mal machen.” „Okay, Alter, das machen wir!”

 

Flache Witze – großer Enthusiasmus

Jennifer Gicquel: Tobi Moka! Es ist, wie es ist: Wenn ich an Dich denke, fallen mir oft als allererstes Deine furchtbar flachen Witze ein. Du, wie Du Dich schon beim Erzählen freust und vorsorglich wegduckst. Ich, wie ich Schlimmstes ahnend die Augen verdrehe. Du, wie Du erst glucksend, dann schenkelklopfend die Pointe verkündest, gefolgt von einem Lachüberschlag (inklusive Grunzen – if you know, you know). Und ich, wie ich dann trotz aller Flachheit einstimmen muss. Und so schlecht diese Witze waren (da gibt es nichts schönzureden, aber das wusstest Du auch selbst), so viel erzählt die ansteckende Vortragsweise über den Tobi Moka, an den ich mich immer erinnern werde. Denn mit dem gleichen Enthusiasmus, mit dem Du deine Tobi-Witze erzählt hast, hast Du so vieles gemacht: Und damit meine ich nicht nur kuriose Geschenke und „schweinegeile“ Quatsch-Aktionen, für die Du Dir nie zu schade warst. Damit meine ich auch, wie Du Deinen Standpunkt vertreten, Projekte supportet, Dinge in die Hand und Verantwortung übernommen hast. Und vor allem: Menschen gesehen, bestärkt und unterstützt. Wie große Spuren kann jemand hinterlassen? In meinem Leben hast Du das allemal. Und obwohl Du so oft auf dem Sprung warst (und meistens zu spät dran), warst Du gleichzeitig immer all in. Und einfach da. Hast nachgehakt. Und Schokocroissants mitgebracht. Danke für die Zeit mit Dir, Tobi Moka: die Jahre auf 603qm, im Zucker und beim P. All die Gespräche und Deinen Support. Die Konzerte und Partys. Die vielen kleinen und großen Momente, die wir geteilt haben – die schönen und die schweren. Du hast auf so vielen Ebenen meinen allergrößten Respekt und ich kann mir gar nicht vorstellen, wie ich mich jemals dran gewöhnen soll, dass du nicht gleich doch noch mal um die Ecke kommst, garantiert mit irgendeiner Story im Gepäck.

 

Tobis Fahrkünste und Pünktlichkeit

Eva Marggraf: Tobi hatte viele Facetten. Besonders hervorzuheben sind aber seine Hilfsbereitschaft, seine Leidenschaft für Fußball und Musik sowie sein unvergleichlicher Humor – oder sagen wir eher: seine Leidenschaft für dumme Sprüche! Ich erinnere mich besonders gern an zwei Situationen, in denen diese Facetten miteinander vereint wurden: Vor einigen Jahren traf ich Tobi in Mannheim beim Maifeld Derby. Netterweise hat er angeboten, mich mit nach Hause zu nehmen. Allerdings kannte er den Weg nicht, ich dagegen schon. An der ersten Kreuzung sagte ich „links“, Tobi fuhr natürlich nach rechts, denn er wusste es ja besser – nur, um mir den kompletten Heimweg über „Vorwürfe“ zu machen, dass wir uns meinetwegen verfahren hätten und um mich die nächsten Monate als schlechte Beifahrerin zu bezeichnen. Er wurde auch nicht müde, das durch diverse Einträge auf meiner Facebook-Pinnwand immer wieder zum Thema zu machen. Auch zum Stadion hat er mich mehrmals mitgenommen – natürlich immer kurz vor knapp, denn Pünktlichkeit war bekanntlich nicht seine größte Stärke. Im Stadion angekommen, wo wir deshalb häufig den Anstoß verpassten, erzählte er aber natürlich allen, dass Frauen so lang brauchen würden und wir deshalb mal wieder zu spät wären. Bis heute fragen mich Bekannte, ob ich die Person sei, wegen der Tobi immer so spät ins Stadion kam. Jede Erinnerung an Tobi, ob lustig oder traurig, lässt mich schmunzeln. Für Dich, lieber Tobi, würde ich jederzeit wieder den Anstoß verpassen und nachts durch Mannheim irren. Ich danke Dir für all die schönen Momente und Deine Freundschaft – Du fehlst hier sehr!

 

Master of bekloppte Gadgets

Lisa Zeißler: Tobi war einfach der Master of bekloppte Gadgets finden und Sachen mitbringen. So wunderte ich mich kaum, als er einmal nach stundenlangem (und zuvor bei Facebook von langer Hand geplantem) Besuch einer Esoterikmesse im Darmstadtium beim Bedroomdisco-Kirchenkonzert mit Einhornessenz in Sprühform im Gepäck aufkreuzte. Im Nachgang freute er sich diebisch darüber, dass er dort Stand für Stand abklapperte, um jede schwurbelige Aussage kritisch zu hinterfragen. Never forget: Die überschwängliche Grundversorgung mit bappsüßem Backwerk bei P-Korrektureingaben. Einmal lag ich ihm wochenlang damit in den Ohren, dass er doch mal Eis mitbringen soll. Und so brachte er eines Tages eine massive Ladung Eis zu uns ins Rocky-Büro. Für mich gab’s eine Riesenportion: zehn Kugeln. Damit ich endlich aufhöre zu nerven. Die habe ich natürlich nicht geschafft. Als Krönung kam er dann noch mit einer Eismaschine fürs Büro an. Mit der konnten wir beim besten Willen nichts anfangen und so wurde sie ein toller Preis bei einer Crazy-Shit-Tombola. Ob Lichteffektgerätschaften oder Massageauflagen – Tobi kannte sie alle! Und so kam auch mein Sohnemann in den glücklichen Besitz einer bunten Sternenmaschine, samt scheußlichstem, roboterartigem Einschlafsong-Repertoire, womit er mich bis heute sehr gerne nervt. Das würde Tobi gefallen.

 

Foto: Cem Tevetoglu

Die versteckten Kickschuh‘

Cem Tevetoglu [Trauerrede, die Cem bei der Beisetzung von Tobis Urne am 02. Dezember 2021 an Baum #127 auf dem Naturfriedhof Traisa gehalten hat]:

Es war Liebe auf den zweiten Blick …

„Hi Tobi, hier ist Cem von der Centralstation. Könntet Ihr Eure neue Partyreihe im 603qm bitte umbenennen?! Der Name ist einfach zu nah dran am Titel unserer Reihe ,XYZ‘ …“

Das war unsere erste Begegnung. Rein geschäftlich, am Telefon. Du warst mehr als irritiert. … Da kommt der Klugscheißer-Oio vom Mainstream-Kulturbetrieb und will Dir vom coolen Indie-Klub („Klub mit k!“) erzählen, wie Du Deine Partyreihe (nicht) nennen sollst?! Unerhört.

Nach diesem ersten Kontakt hatte ich gleich mal zu ziemlich einhundert Prozent verkackt bei Dir.

Aber Du warst schon damals gütig und wohlwollend, gabst mir eine zweite Chance. Und glücklicherweise fragte Partyamt-Martin Dich, als er und ich im Dezember 2007 das P Stadtkulturmagazin gründeten, ob Du fürs P schreiben möchtest. Du warst sofort Feuer und Flamme – und von Ausgabe numero uno als Subkultur-Edelfeder im P-Team. So sind wir in den letzten 14 Jahren erst Kollegen und dann immer engere Freunde geworden.

Für Dein Vertrauen und für die vielen sehr lustigen, nie langweiligen Stunden mit Dir – im poolX, bei der P-Redaktion, auf Konzerten und Partys, im Stadion, zu Hause – bin ich unendlich dankbar. Wie Du Dich mit Nelly und mir gefreut hast, als wir spontan geheiratet haben. Und Du schnell mal eine superpointierte freie Rede für uns improvisiert hast. Wie Du mitgefiebert hast, als wir unseren Can bekommen haben. So mitfühlend und anteilnehmend warst Du mit allen Menschen, die Dir nahe standen, die Dir etwas bedeuteten. Und es gibt so unglaublich viele dieser Menschen – Du musst Dich nur mal hier umschauen. „Wunderbare Menschen“ … „spannende Menschen“ hast Du uns, Deine Freundinnen und Freunde, genannt. In Deinem Abschiedsbrief.

Du hast Menschen miteinander verbunden. Von New York bis Rio, von Madeira bis Hamburg, Köln, von Frankfurt bis in Dein geliebtes Darmstadt. „Tobi kannte alle und alle kannten Tobi.“ Ich würde noch weitergehen: „Tobi liebte alle.“ Außer die Rechten, die Schwurbler und die Un-sozialen. „Und alle, die ihn kannten, liebten Tobi.“ Außer die Rechten, die Schwurbler und die Unsozialen.

Denen bist Du gerne ordentlich auf den Keks gegangen. Hast Dich investigativ in ihre Chatgruppen eingeschleust. Um dann gemeinsam mit anderen Antifaschisten geistreiche Verarschungsaktionen als Gegenangriff zu starten. Alles immer mit Tobi-Humor, Deiner unschlagbaren Geheimwaffe, die Du Dir bis zuletzt, als Deine Depression übermächtig wurde, bewahrt hast.

Du warst gesegnet mit einer Schlagfertigkeit und einem gutmütigen Witz, der nie auf Kosten anderer ging. Mit Dir konnte man sich kaputtlachen – und Pferde stehlen. Ein typischer Tobi-Gag (kennen wahrscheinlich einige hier): „Der Klofrau sagen, man stehe auf der Gästeliste … der Blick: unbezahlbar.“ Oder: Wie Du meinen Sohn Can (6 Jahre) hinter meinem Rücken animiert hast, „doch mal die Fußballschuhe vom Papa zu verstecken.“ Was dieser natürlich gerne tat. Wochenlang war ich ziemlich verzweifelt und überall auf der Suche nach den Kickschuhen – und wäre es heute noch, wenn mir nicht der Zufall zu Hilfe geeilt wäre. Schon etwas absurder komisch: die freundschaftlichen Backpfeifen, die Du gerne an Freunde verteilt hast, wenn Du mal sterngranatenvoll warst. Absolut ausnahmsweise. Denn eigentlich galt ja nach jeder Party im Kesselhaus oder Robert Johnson, nach jedem Konzert im 603 oder Schlachti: „Ich muss noch fahren.“ Zurück nach Langen. Zurückgezogen nach Langen. Weil dort jemand war, dem Du Dich sehr lange verbunden und verpflichtet gefühlt hast. Und weil dort Deine zwei geliebten Katerchen James und Kasimir auf Dich warteten.

Dabei warst Du eigentlich ein Mensch, der das Kollektiv brauchte – und die Energie und Liebe, die daraus hervorgehen können. Ein fulminanter Mutmacher warst Du, hast andere gerne bestärkt, sie animiert, an ihre aus Deiner Sicht augenscheinlichen Talente zu glauben. Hast gerne Hilfe angeboten. Zugehört. Warst empathisch. Immer für andere da. Deine eigenen Bedürfnisse hast Du zurückgestellt.

Anderen zu helfen war Dir ein inneres Bedürfnis. Hilfe von Deinen unzähligen Freundinnen und Freunden anzunehmen, ist Dir dagegen schwer gefallen. Da konntest Du ein richtiger Sturkopf sein.

Gleichzeitig warst Du – ob im BKA Münster, im 603qm, beim P Magazin, im Zucker, beim „Knertz“-Label und vielen anderen Kulturprojekten – ein fantastischer Ideen- und Impulsgeber, hast Dich mit einer Begeisterung eingebracht, die nicht zu bremsen und die ansteckend war. Nur ganz selten bist Du mit diesem Tobi-Enthusiasmus auch mal übers Ziel hinausgeschossen.

Und dann Dein Fachwissen. Ich kenne niemanden, der so viele Feinheiten und Anekdoten zu unterschiedlichsten Genres, Bands und popkulturellen Themen erzählen kann. Der so viel Musik hört und so viele Lieblingsbands hat. Und der mir morgens um halb fünf im „Molotow“ (St. Pauli) auf dem Dancefloor erklärt, wie die Musik in den Körper fließt – wenn man denn nur diesen Flow auch zulässt. … Schon verstanden, Tobi.

Um politisch mit Dir zu diskutieren, musste man richtig gut in der Materie drin sein. Und beim Thema Fußball schieden sich unsere Geister auch schon mal. Ich sag mal so: Es gibt wohl nur einen Eintracht-Frankfurt-Fan (als Frankforter Bub seit Deiner Kindheit!), den Hardcore-Lilienfans trotzdem lieben. Weil Deine gleichzeitige Zuneigung zu den 98ern dennoch echt war. Auch hier hast Du Brücken gebaut, die sonst keiner baut. Kein Zufall, dass am „Bölle“ beim Pauli-Spiel, eine Woche nach Deinem Tod, gleich zwei Banner im Stadion an Dich erinnerten. Und gleichzeitig Deine „Rocket Rockers Eintracht Gruppe“ auf WhatsApp in „Obi Okas Eintracht Gruppe“ umbenannt wurde.

Ach ja, kicken konnste auch. In der Kreisliga A für den TSV Klein-Umstadt, zuletzt hobbykickerlike bei den Fußballfreunden Spaghettieis n. e. V. – unter anderem bei zwei legendär lustigen Turnieren in Barcelona und Mailand. Besonders effektiv als Abwehrchef mit viel Zug nach vorne.

Gerne hast Du Geschenke verteilt. Am liebsten absurde. Eine LED-Beleuchtung für die Kloschüssel. Ein Glas Spargel und einen Basilikum-Topf (für Moppel, „statt Blumen. Weil: Du magst ja keine Blumen“). Irgendwelche Massage-Gerätschaften. Oder das kreativste Geburtstagsgeschenk, das ich je erhalten habe: „Gutschein über 2 Monate Deadline-Einhalten beim P-Magazin.“ Der Wille war da …

Deine Familie hätte es wohl gerne gesehen, wenn Du Anwalt geworden wärst. Doch Dein Jurastudium hast Du im ersten Referendariat abgebrochen. Trotz Deiner Eloquenz: Die Juristerei war einfach nix für Dich. Viel zu formal und verregelt. Für Dich musste es auch beruflich kreativ, wuselig und wenigstens ein bisschen chaotisch sein. Dann warst Du nicht zu stoppen. Und Anwalt bist Du ja trotzdem geworden, auf anderen Ebenen: Anwalt der Subkultur, Anwalt der sozial Benachteiligten, Anwalt für Vielfalt und Diversität. Deine Plattformen waren das P Magazin und Deine Social-Media-Kanäle.

Goldiger, geistreicher, liebster Tobi. Du hast die Welt mit Deinem Handeln und Deinem Charakter ein bisschen besser, lustiger und solidarischer gemacht.

Seit dem 12. November 2021 steht die Zeit still. Nicht zu begreifen, dass Du nicht mehr in unserer Mitte bist. Deine finale Entscheidung müssen wir annehmen. Auch wenn sie uns unendlich leid tut.

Wir wünschten, wir hätten Dich vor der Dunkelheit bewahren können. Wir vermissen Dich sehr. Und tragen Dich immer in unseren Herzen. Adieu, Tobi!