Illustration: Hans-Jörg Brehm

Wer in diesem Frühjahr seinen Garten auf Vordermann bringen möchte, kann dafür bis zu 400 Euro von der Stadt kassieren. Der Grund: Das Umweltamt möchte mit einer Baum-Prämie dem Trend zu Steinziergärten entgegentreten. Davon allerdings unbeirrt schottert die Heag mobilo für viel Geld stadteigene Grünstreifen munter zu Grauflächen um.

Deutschlandweit etablieren Umweltschützer gerade eine neues Feinbild: den Steinziervorgarten. Allein schon aus ästhetischen Gründen zu verurteilen, sind die Schotterwüsten auch Gift für das innerstädtische Mikroklima – und dazu ein ausgestreckter Mittelfinger ans Insektensterben. Während Dortmund, Herford, Paderborn und andere Kommunen bereits mit amtlichen Verboten den Kampf aufnehmen, hofft die Darmstädter Umweltdezernentin Barbara Akdeniz (Grüne), hiesige Schotterfreunde erst mal mit Geld zu überzeugen.

Akdeniz appelliert: „Jeder Baum, jeder Strauch, jede Grünfläche und jedes begrünte Dach sorgt für Abkühlung durch Verdunstungskälte und verbessert so, gerade an heißen Sommertagen und tropischen Sommernächten, das Kleinklima vor Ort.“ Botanik trage zur Biodiversität bei, filtere Feinstaub und schlucke Lärm.

Steinziergärten hingegen „sind in Wahrheit Steinwüsten ohne Leben. Die Flächen sind häufig nicht nur zu großen Teilen mit wärmespeichernden Steinen ausgelegt, sondern auch nur mit vereinzelten, exotischen Pflanzen wie Bambus bepflanzt. Hier findet kein Insekt nutzbare Blüten, kein Vogel Nahrung wie Samen oder Insekten geschweige denn Brutmöglichkeiten“, teilt Akdeniz mit.

Nun gilt es, nicht nur zu hinterfragen, ob sich in die – in der Nachverdichtungstadt üblichen – 1,5 Quadratmeter großen Vorgärten überhaupt ein Baum pflanzen ließe, der in Größe und gefordertem Abstand zum Nachbarn den Förderkriterien entspricht. Wer wiederum einen fünfstelligen Betrag hinlegen möchte, um eine nennenswerte Gartenfläche tot zu schottern, der dürfte sich wohl kaum von einer 400-Euro-Baum-Prämie umstimmen lassen. Wer hier Symbolpolitik wittert, dürfte nicht nur starke Argumente finden, sondern sich auch darüber ärgern, dass so vor allem das besserverdienende Kernklientel der Grünen profitiert. Denn Menschen, die sich Wohnen in Darmstadt mit Garten leisten können, werden nicht rechnen müssen, wenn sie einen Kirschbaum kaufen möchten.

Noch viel mehr irritiert, dass die Botschaft beim städtischen Eigenbetrieb Heag mobilo wenn überhaupt, dann definitiv zu spät angekommen ist. Der hat nämlich vergangenes Jahr 14.000 Euro ausgegeben, um die Grüninseln am Wendekreis der Straßenbahnlinie 9 am Böllenfalltor zu schottern. Viel Geld für ein bisschen Kies. Immerhin hätte die Stadt mit dem gleichen Betrag mindestens 35 Bäume fördern können.

Allerdings erfordert so ein Steinziergarten vom Fach beträchtlichen Aufwand: Der Humus ist tief greifend auf ganzer Fläche abzutragen und zu entsorgen. Dazu muss der Untergrund mit einer Plastikplane gegen die Vegetation versiegelt werden. Denn nur so ist dauerhaft Wüstland gewährleistet. Zumindest bis sich nach ein paar Jahren das Leben mit Flechten und Moosen zurückkämpft und mancher Privatgärtner gegen den unschönen Biofilm illegalerweise zu Gift greift, wie Akdeniz berichtet. Bei einigen Gartenbauern würden deshalb mittlerweile sogar schon die ersten Aufträge zum Rückbau einlaufen.

Heag mobilo ist hingegen auch auf Nachfrage guter Dinge. Die Schotterfläche werde in Abstimmung mit der Stadt gepflegt; sie sei zudem auch gar kein Steingarten und darüber hinaus auch noch gar nicht fertig, sondern „in Entwicklung“. Mit diesem Begriff versucht man, wohl nicht nur den Umstand zu beschönigen, dass es viele der neu gepflanzten Stauden nicht über den Sommer geschafft haben. Die ehemalige Grünfläche zur Klappacher Straße soll sogar noch einmal komplett neu angelegt werden. Es habe „sich die Gestaltung hinsichtlich des Aspekts der Pflegeleichtigkeit leider nicht bewährt“. Auf den anderen Flächen wolle Heag mobilo zudem weitere Blühstauden pflanzen, „sodass eine gute Mischung zwischen Biodiversität, ansprechender Gestaltung und gleichzeitig geringem Pflegeaufwand entsteht“.

Wie so oft stellen sich auch hier scheinbare einfache Zusammenhänge bei näherer Betrachtung als äußerst kompliziert heraus. Während die Stadt über ihr Umweltamt erklärt, Schotterflächen seien Umweltkiller mit geringer Halbwertzeit, meint ihr Nahverkehrsbetrieb, er würde mit der 14.000 Euro Investition nicht nur Kosten sparen, sondern auch pflegeleichte Biodiversität gewährleisten – selbst wenn der Spaß schon nach einem Jahr kaputt ist.

Die Stadt erklärt übrigens auf Nachfrage: „Die Umgestaltung der Freiflächen an der Wendeschleife am Böllenfalltor im vergangenen Jahr zu einer durch Schotter dominierten Fläche wurde sowohl durch das Umweltamt als auch durch die Geschäftsführung der Heag mobilo selbst kritisiert, weswegen eine Umplanung beauftragt wurde, die in diesem Jahr umgesetzt wird.“

 

Baum-Prämie für Darmstadt!

Wie lässt sich die 400-Euro-Baum-Prämie abgreifen? Das Umweltamt der Stadt Darmstadt zahlt ausschließlich für Bäume. Nichts hingegen gibt es für Heckenpflanzen, Stauden und Sträucher. Auch was zwar biologisch Baum ist, aber als sogenannte Kleinkonifere weniger als einen Meter Höhe für Laub- sowie zwei Meter für Nadelbäume erreicht, ist der Stadt keinen Cent wert.

Ansonsten kann man sich mit den 400 Euro aber schon so richtig was gönnen: Bei Obstbäumen, die zwischen 80 und 200 Euro kosten, oder einer stattlichen Hainbuche ab 160 Euro, die mit drei Metern sowieso nicht mehr in das Lastenrad passt, reicht das Budget sogar noch fürs Liefern und Pflanzen vom Profi. Für den Baum des Jahres 2019, die Flatterulme, in guter Qualität ab drei Meter Höhe, beträgt allerdings allein der Kaufpreis schon 400 Euro. Fürs Liefern und Pflanzen wäre dann aus dem eigenen Geldbeutel etwa noch mal so viel zu zahlen.

Den Antrag gibt’s online unter www.darmstadt.de/leben-in-darmstadt/umwelt/wald-und-baeume/privatbaeume

Das Umweltamt in der Bessunger Straße 125 hilft weiter: telefonisch unter (06151) 13 32 80 oder -36 37 und per E-Mail an umweltamt@darmstadt.de.

 

Lokalpolitik-Kolumne im P

Sebastian Weissgerber hat bis 2009 für die Frankfurter Rundschau aus dem Darmstädter Stadtparlament berichtet. Im P schreibt er seit Februar 2017 als „Vierte Säule“ über die hiesige Politik.

 

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