Foto: Jan Nouki Ehlers
Foto: Jan Ehlers

Darmstadt und Mainstream, das ist so ’ne Sache. Seit Tobsucht und ihrem Song „Zum Lachen in den Keller gehen“ tat sich da nicht wirklich viel. Nun, gut zehn Jahre später, schicken sich vier junge Musiker an, den Tiefschlaf zu beenden: Anny. Das P traf mit Perschya (Gesang), Kai (Schlagzeug) und Hansi (Gitarre) 75 Prozent der Band zum Plausch. Ob sie wirklich „das nächste große Ding“ werden, bleibt abzuwarten. Spargel kochen können sie schon mal.

Hier riecht’s aber gut …

Kai: Ja, ich bin am Kochen. Spargel mit Kartoffeln und Leberkäse. Hansi hat geschält, also darf man gespannt sein, ob es was wird.

Gut, dass ich schon gegessen habe… Die ersten drei Konzerte sind absolviert, alle in der Heimatstadt. Wie fällt Euer Feedback aus?

Perschya: Es waren schöne Frauen da.

Kai: Anny wurde besser angenommen, als wir dachten. Selbst die alten Casketnail-Fans fanden es gut. Dass die Band professionell angegangen wird, konnte jeder sehen.

Schön, dass Du die Ex-Bands ansprichst. Die waren nämlich allesamt härter, schneller und durchaus populär. Wie kam der Sinneswandel, nochmal bei Null anzufangen und Musik zu machen, die mit der Vergangenheit so gut wie nix zu tun hat?

Kai: Wir brauchten eine musikalische Weiterentwicklung und haben nach neuen Herausforderungen gesucht. Immer nur Geschrei ging uns auf den Sack.

Hansi: Man hat viel mehr Möglichkeiten, wenn man nicht nur auf Geschrei aus ist. Alles, was man sich an Melodien ausdenkt, am Klavier und so, kann man für den Gesang benutzen. Aber wir schließen es nicht aus, auch mal wieder härtere Parts einzubauen.(Kai rennt in die Küche, weil der Spargel überkocht.)

Euren Stil beschreibt ihr als „modernen Pop/Rock“ mit deutschen Texten. Auf den ersten Blick: Gääähn! Wie unterscheidet sich Anny von den Silbermonden und Revolverhelden dieser Welt?

Kai: Anny ist echter, vielleicht auch ’ne Schiene cooler. Die Musik mag ja meinetwegen als Mainstream abgestempelt werden, aber schau uns an: Wir sind keine Plastikleute. Was wir machen, kommt einfach, weil wir es machen wollen – und das ist keine behinderte Masche, sondern Fakt. Und das merkt man uns eben auch an!

Hansi: Die Songs sind nicht so konstruiert wie bei Silbermond oder Juli. Es ist viel Nicht-poppiges dabei, die ganzen progressiven Instrumentalparts zum Beispiel. Das ist einfach anspruchsvoller, deshalb passt der Vergleich in meinen Ohren auch gar nicht. Ich würde Anny eher als ’ne Mischung aus Dredg und Ich+Ich bezeichnen.

Wie lautet die Message von Anny? Friede, Freude, Harmonien – oder steckt mehr dahinter?

Kai: Wir wollen keinem ans Bein pissen oder so. Einfach das ausdrücken, was wir empfinden, wenn wir zusammen Musik machen. Spaß haben, den Moment genießen. Es geht um ’ne gute Zeit.

Hansi: Anny ist wie ein Freund, zu dem man gerne kommt. Die Texte sind echt, aus dem Leben. Mal lyrisch, mal direkter, aber immer so, dass sich jeder darin finden und vielleicht auch etwas für sich mitnehmen kann. (Kai rennt wieder in die Küche, weil die Kartoffeln überkochen.)

Welche Nachteile hat es, als hoffnungsvolle Nachwuchsband aus Darmstadt zu kommen und nicht aus einer gehypten Metropole wie Hamburg oder Berlin?

Hansi: (überlegt) Es ist einfach schwerer, sich von hier aus nach oben zu spielen. Bands, die sich „Berlin” oder „Hamburg” auf die Fahne schreiben, werden generell als hipper und cooler wahrgenommen. In Darmstadt gibt es keine Mainstream-Szene, alles ist irgendwo im Underground verwurzelt. Aber wir haben gemerkt, dass vor allem die jungen Leute offen für was Neues sind. Und die alteingesessenen Heiner denken nach außen hin wahrscheinlich „Was’n Scheiß!“, aber heimlich finden sie es cool, einfach mal wieder auf ein Konzert zu gehen, bei dem eine positive Atmosphäre herrscht und wo man nicht nur auf Coolness aus ist.

Kai (kommt zurück): Männer, der Spargel ist fertig. Hab ich was verpasst?

(Hansi wiederholt die Frage)

Kai: Ich sehe das eher als Vorteil, dass man hier nicht eine von tausend Metropolen-Bands ist, die alle den gleichen Background haben und die gleiche Musik machen. Hier werden die Leute viel schneller auf Dich aufmerksam, egal ob sie die Musik mögen oder nicht.

Also seid Ihr keine zweiten Everest, die damals voller Hoffnung den Sprung nach Berlin wagten – und dort gescheitert sind?

Kai: Das würde sich für uns aktuell überhaupt nicht lohnen. In Berlin gibt es nichts, was uns momentan mehr bringen könnte als hier in Darmstadt. Außerdem ist Mannheim nicht weit, das ist ja mittlerweile so was wie die neue Musikhauptstadt. Äh, die Soße, ich muss dann noch mal schnell … (Stille)

Perschya: Schreib bitte, dass Hansi Achselschweiß hat.

Sagst du eigentlich auch mal was Gescheites?

Perschya: Ich denke nach.

Ja, das sieht man. Okay, Frage nur für Dich: Wie pflegst Du eigentlich Dein volles, lockiges Haar?

Perschya: Türkischer Honig. Der Rest ist geheim. Wo bleibt denn der Kai, verdammt?! (Kai kommt zurück)

Kai, Du studierst im dritten Semester an der Popakademie in Mannheim. Was bringt Dir das im Hinblick auf die Band?

Kai: Durch die Zeit bei Casketnail habe ich schon einiges mitbekommen und Dinge gelernt, die wir jetzt in den Vorlesungen behandeln. Aber vieles entdeckt man neu oder sieht es plötzlich unter einem ganz anderen Gesichtspunkt. Das versuche ich dann, auf die Band zu übertragen. Und wenn es darum geht, die richtigen Leute kennen zu lernen, ist die Popakademie einfach unschlagbar. Die Kommilitonen, das Netzwerk – man findet überall Support. Und das braucht man heutzutage.

Tägliche Myspace-Promotion, Podcasts, eigener Twitter- und Youtube-Channel: Ihr tanzt ja wirklich auf allen Web 2.0–Hochzeiten. Schonmal darüber nachgedacht, was passiert, wenn sich der virtuelle Erfolg nicht in die Realität umsetzen lässt?

Kai: Du erreichst die Leute übers Internet leichter als real, das ist klar. Aber das Feeling, die Energie bei einem Konzert, das kriegen sie dort nicht. Wir hoffen, dass Anny mit der Web 2.0-Promo einen so großen Anreiz bietet, dass die Leute sagen „Geil, die will ich live sehen!“.

Hansi: … dass sie es miterleben und ein Teil des Ganzen sein zu wollen.

Kai: Der virtuelle Raum dient zum Anfüttern für das, was dann im wahren Leben passiert. Ich schau dann nochmal nach den Kartoffeln.

Besten Dank für das Gespräch.

 

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