Foto: Jan Ehlers
Foto: Jan Ehlers

In meiner Heimatstadt legte vor etwa 20 Jahren bei den besten Partys immer ein DJ-Duo namens Alcohol Disaster Team auf, dessen Anführer „der Wennes“ war, der genauso aussah, wie er hieß, und immer schwarze Jogginghosen mit ausgeleiertem Bund trug. Wie komme ich da jetzt drauf? Wo ich doch eigentlich das vornehmlich in der „Krone“ aktive DJ-Duo „Wish You Were Beer“, bestehend aus Jens Cessenaro und Nicolai Phantozzi, vorstellen will? Nun, vielleicht, weil es zwischen diesen beiden Schallplattenunterhalter-Kollektiven ziemlich viele Parallelen gibt. Abgesehen von der schwarzen Jogginghose natürlich. Und nach über zwei Jahren unermüdlichem Einsatz im Darmstädter Nachtleben wird es Zeit, mal zu überprüfen, wie sich die beiden Diskotheker im großen Das-P-präsentiert-kritische-und-grenzwertige-Trinklieder-Test schlagen.

 

Human Drama „Wish You Were Here“

Die Ballade, die unserem Team den Namen verlieh, stammt (wie allgemein bekannt) von Pink Floyd. Hier in der empfehlenswerten Version der L.A.-Waver um den Grufti-Bariton Johnny Indovina.

Nicolai: Bobby Conn!

Nee!

N: Echt nicht? Die Stimme klingt voll nach Bobby Conn!
Jens: Meat Loaf! Nein? Aber das Lied kennt man, oder?
N: Das iss „Wish You Were Here“, Mann!!!

Äh… [hüstel], genau. Ich dachte, Ihr hättet Euch nach dem Lied benannt? Seid Ihr nicht große Pink-Floyd-Fans?

J: Doch, wir haben uns nach dem Song benannt, aber es steht auch kein großes Konzept hinter dem Namen.
N: Den gab’s auch schon woanders, als T-Shirt. Das ist Dualismus: Zwei geniale Ideen zur gleichen Zeit an zwei verschiedenen Plätzen.
J: Wir selbst machen aber kein Merchandise. Wir wollen uns nicht verkaufen. Und das hier ist auch eins der ganz raren Interviews, die wir geben.

 

Eisenpimmel „Bau keine Scheiße mit Bier“

Vom gleichnamigen Album der Ruhrgebiets-Punker.

J: Beck‘s Pistols vielleicht?

Nein, aber nah dran. Kleiner Tipp: Es ist ein kritischer Song.

N [beim Einsetzen des Refrains]: Ahh! Früher im Freundeskreis war das ein Motto: „Bau keine Scheiße mit Bier“!

Das Stück stammt von einem Tribut-Album, das sich die Band selbst gewidmet hat. Die teilnehmenden Gruppen hießen Chromröhre, Blechlatte und so weiter.

N und J [fast gleichzeitig aus einem Munde]: Ah, klar: Eisenpimmel! Äh … hab ich vorher aber noch nie gehört … ehrlich.

 

Gunter Gabriel „Papa trinkt Bier“

1977er-Country-Schlager-Single von der LP „Meine Helden und andere Pechvögel“.

J: Truck Stop!

Nicht ganz.

N: Wie heißt dieser Asso im Wohnwagen? Gunter Gabriel! [Auch nicht ganz. Der Wohnwagen ist ein Hausboot, Anm. d. Red.]

Genau. Auf den frühen Platten, die auf dem Label „Der andere Song“ herauskamen, hat er sich noch als Kämpfer gegen die sozialen Missstände gegeben, wie hier gegen Arbeitslosigkeit. Der deutsche Bruce Springsteen sozusagen.

N: Eher der deutsche Johnny Cash! Der deutsche Bruce Springsteen dürfte eher Peter Maffay sein [singt lauthals mit: „Papa trinkt Bier, Mama ist krank, und kein‘ Pfennig auf der Bank“]. Und Joy Fleming ist die Janis Joplin des Krautrock.
J: Du siehst: Das ist schon genau unser Ding!

Nicolai klatscht derweil begeistert mit.

 

Fehlfarben mit Jochen Distelmeyer „Alkoholen“

Die Punk-Heroen holen sich den Ex-Blumfeld-Sänger ins Studio und lassen ihn einen ihrer unbekanntesten und ungewöhnlichsten Tracks singen.

J [nach fünf Sekunden]: Das sind die Fehlfarben, „Alkoholen“!

Ja, aber mit Gastsänger …

N: Ahh, das ist bestimmt Jochen Distelmeyer… höhö…

Richtig!

N [überrascht]: Echt jetzt? Ich dachte, das ist ein Text, den der Distelmeyer nie singen würde. Das ist übrigens voll der crazy Typ. Ich hab ihn mal backstage erlebt und weiß zum Beispiel, dass er total versessen auf den Gitarrensound von Bernd Begemann ist.
Jens [über das Lied]: Das ist auch genau unser Ding!

Und das, obwohl der Song so alkohol-kritisch ist?

J: Wir sind ja auch sehr kritisch. Unsere Kritik ist nur sehr subtil und … äh … doppelbödig.

 

Die Ärzte „Hass auf Bier“

2001 kamen die ewigen Teenie-Idole (zum zweiten Mal) auf die grandiose Idee, ein stilechtes Deutschpunk-Album aufzunehmen: 25 Einminüter, die sich fast ausnahmslos um die Themenkomplexe „Bier“ und „Bullen“ drehen. Das ganze Album geben Die Ärzte übrigens nach wie vor als kostenlosen Download raus, und zwar HIER!

N: Die Kassierer? Beck‘s Pistols? Broilers?

Nein, eine Band aus Berlin, die man eher weniger als Punkband wahrnimmt.

N: Knorkator? Boss Hoss?

Nein.

J: Die Ärzte!

Ja, tatsächlich.

J: Aber schon wieder so was Kritisches – „Hass auf Bier“! Ich weiß nicht, wie ich das finden soll.

 

Tankard „Die With A Beer In Your Hand“

Ein Spätwerk der Eintracht-Frankfurt-verherrlichenden, alkohollastigen Thrash-Metal-Band, von ihrer 2010er LP „Beast Of Bourbon“.

J [beim Intro]: Blind Guardian? Nein? Auf jeden Fall guter Powermetal!

Wie bitte? Idiotenmetall?

J: Nein? Powermetal! [Intro ist vorbei, das Gebolze setzt ein] Kreator?

Nein, die sind hier aus der Region.

Jens [wie aus der Pistole geschossen]: Dann Tankard!

Der Titel des Stücks bleibt aber ungeraten, oder?

N: Nein, wart mal … [hört angeregt zu, bis der „Refrain“ einsetzt] Das heißt „Die With A Beer In Your Hand“. Es gibt ja wohl keinen Metalsong, in dem der Titel nicht gesungen wird.
J: Tankard war das zweite Konzert, auf das ich jemals durfte.
N: Und ich erinnere mich auch noch gut an Wehrmacht und ihre „Biermacht“-LP [durchaus kontroverse US-amerikanische Vertreter des Beercore-Genres, in mancherlei Hinsicht Tankard nicht unähnlich, Anm. d. Red.].

Jens, Du warst also Metaller?

N: Klar! Guck Dir mal sein Führerscheinbild an!
J: Ja, aber jetzt hör ich nur noch Jaaaaazz …
N: … und trinkst Portwein. Ich hab gesehen, dass es beim Discounter mittlerweile auch welchen für unter fünf Euro gibt. [Das Lied blendet nach drei Minuten aus] Moment! Was iss’n das? Eine Metalband, die ihren Song ausfadet?

Nein, das war ich. Ich hab‘s nicht mehr länger ausgehalten!

 

Heinz Erhardt „Immer wenn ich traurig bin“

Der Komiker des Wirtschaftswunders hier mit einer geilen Nummer von der 1972er LP „Was bin ich wieder für ein Schelm“. Es wird Korn getrunken …

J: Ahh .. das ist … nicht Harald Juhnke, sondern …
N: Heinz Rühmann?
J: Hans Albers?
N: Günter Strack?

Nein. Der Sänger ist eher als Schauspieler und Komiker bekannt. Er hat auch Filme gemacht … und Gedichte.

N: Georg Büchner!

Äh … Nicolai, das nehme ich jetzt mal als unseren endgültigen Abschluss des Büchnerjahres, okay?

N: Und wer war‘s wirklich?

Heinz Erhardt.

 

Paul Kuhn „Es gibt kein Bier auf Hawaii“

Der arme Paul – obwohl er sich jahrzehntelang einen Ruf als ernsthafter Jazzer erarbeitet hatte, wurde in allen Nachrufen, als er im September starb, immer nur auf diesen Jahrhundert-Schlager aus dem Jahr 1963 hingewiesen.

J: „Es gibt kein Bier …“, von Freddy Q… nee …
N: Manfred Krug!

Nein. Der ist ähnlich wie Ihr eigentlich ein Jazzer. Und im letzten Jahr ist er gestorben.

J: Argh … das war noch eins der Lieder, auf die ich mich für dieses Hörspiel vorbereiten wollte. Läuft auf jeden Fall noch auf Originalsingle in der „Krone“-Jukebox.

Es ist Paul …

N: …Kuhn! Ich hab sein Werk nicht so genau verfolgt…

… und das als Jazzer!

 

Element Of Crime „You Only Tell Me You Love Me When You’re Drunk

Zu später Stunde spielen die Romantiker um Sven Regener gerne mal die Pet Shop Boys nach …

J und N: Der Sänger ist auf jeden Fall ein Deutscher. Ist das Regener? Element of Crime?

Ja. Ist aber eine Coverversion.

N: Von Katy Perry?
J: Nein … Pet Shop Boys!

… namens „You Only Tell Me You Love Me When You’re Drunk“.

J: Ja, Nicolai, so geht‘s mir mit Dir auch!

Das war’s dann auch schon. Habt ihr noch eine abschließende Botschaft an die P-Leser?

J: Bier hilft!
N: Nein, bloß nicht! Das ist doch verantwortungslos, die Leser diesem Nervengift zu überlassen!

 

Fazit: Vorbildlich! Am Ende haben die Zwei auch noch ihre soziale Verantwortung übernommen! Und zuvor mit einem wilden Ritt von Bobby Conn über Gunter Gabriel, Joy Fleming und Tankard bis zu Georg Büchner klar gemacht, dass sie keine künstlerischen Scheuklappen kennen, also wirklich gar keine! Nachzuprüfen Monat für Monat bei einem ihrer ebenso lehrreichen wie unterhaltsamen DJ-Sets in der Goldenen Krone!

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