
Die großen Ferien sind für die Kicker des SV Darmstadt 98 vorbei. Seit wenigen Tagen bereitet sich der Kader auf die neue Zweitligasaison vor, die am zweiten Augustwochenende beginnt. Aktuell hilft uns Fans die Weltmeisterschaft in Nordamerika, die „fußballlose Zeit“ zu überbrücken. Doch das unschuldige Gefühl von früher, das stellt sich beim Schauen der WM schon lange nicht mehr ein.
Der Auftakt des Turniers in Kanada, den USA und Mexiko fand in einer Kathedrale des Weltfußballs statt, dem Aztekenstadion in Mexiko-Stadt. Die riesige Betonschüssel weckt bei mir Kindheitserinnerungen. Die WM 1986 in Mexiko war die erste, die ich bewusst wahrgenommen habe. Die Spiele wurden am Abend und in der Nacht übertragen, sodass ich häufig erst morgens erfuhr, wie die DFB-Elf gespielt hat. Die Fernsehübertragungen aus Mexiko wirkten wie aus einer anderen Welt. Der Ton war gedämpfter, die Bildqualität nicht immer top. Die Anstrengungen der Spieler in der mexikanischen Nachmittagshitze, sie waren aber förmlich bis vor das TV-Gerät zu spüren. Und dann das große Finale: Deutschland gegen Argentinien. Matthäus gegen Maradona. Ein jubelnder Rudi Völler, nach seinem Ausgleich auf der Rasenkante kniend. Hans-Peter Briegel, der dem enteilten Argentinier auf dem Weg zum Siegtreffer hinterhersprintet. Wann immer ich diese Szene sehe, hoffe ich insgeheim, der flinke Verteidiger möge den Torschuss noch irgendwie verhindern. Leider vergebens.
Übergriffiger Typ und Eventies
Ähnlich wenig Hoffnung besteht für das aktuelle WM-Turnier. Erschien mir als Kind die 1986er-WM so faszinierend, so bunt, so unschuldig, so ist der Eindruck heute ein völlig anderer. Damals ging es irgendwie nur um Fußball. Mehr jedenfalls als heute. Dass damals die Staatsmänner der Finalnationen bei der Pokalübergabe dabei waren, nahm ich beiläufig zur Kenntnis. Beim Gedanken daran, dass sich Mitte Juli irgend so ein Donald bei der Finalzeremonie als Hauptdarsteller inszeniert, bekomme ich heute schon miese Laune. Waren die Staatsgäste damals Beiwerk, so schwebt der übergriffige MAGA-Typ von Beginn an über der Veranstaltung.
Der Blick auf das laufende WM-Turnier ist nicht nur wegen ihm ein gänzlich anderer als auf die damalige WM. Seinerzeit staunte man bei den Partien über hitzegeplagte Fußballfans aus aller Welt, die die weite Reise auf sich genommen hatten. Und sie waren in erster Linie genau das: Fans, die den Sport liebten. Heute gibt es zwar immer noch Fans (sofern ihnen die Einreise in die USA gelang), aber eben auch immer mehr Eventies. Sie können sich die Unsummen locker leisten, die Ticket, Verpflegung und Unterkunft verschlingen. Beim Auftaktspiel fingen die TV-Kameras eine Gruppe Mexikanerinnen mit Sektglas in der Hand ein. Sie verströmten die Gewissheit, zu den Schönen und Reichen zu zählen, die nach der Partie direkt in den nächsten Nobel-Club weiterziehen. OH, WOW! Ebenfalls waren immer wieder Smartphones zu sehen. Denn wer schon dabei ist, der will das auch zeigen. Am besten in den sozialen Medien. Dort erzeugt Fußball eine enorme Aufmerksamkeit und Reichweite. Das macht ihn für Werbetreibende interessant, die von der FIFA neuerdings gar Werbe-…, äh Trinkpausen geschenkt bekamen. Inzwischen springt jedes noch so unbedeutende Unternehmen auf den Hypetrain auf. Etwa indem es ein original Deutschland-T-Shirt mit seinem Schriftzug unters Volk bringt. OH, BOY! In Anlehnung an den früheren US-Präsidenten Bill Clinton möchte man allen Fans zurufen: „It’s the business, stupid.“
Fußball als Investition und Lifestyle-Produkt
Die FIFA vergab die aktuelle WM in ihrem ureigensten Interesse nicht an den aussichtsreichsten Mitkandidaten Marokko. Dieser hätte Einnahmen von „nur“ etwas mehr als sieben Milliarden US-Dollar versprochen. Die Prognose für die Nordamerika-WM ging von über 14 Milliarden aus! Und dann hält der Weltverband beim Zweitmarkt für Tickets nochmals die Hand auf, wenn sechs- bis siebenstellige Summen (!!!) für eine Karte aufgerufen werden. OH, F**K! In Trumpistan und FIFA-Land scheint es nur drei Triebfedern zu geben: Geldgier, Egomanie und Macht. Das Spiel verkommt zur Staffage. Wer tiefer in das schier mafiöse Gebaren eintauchen will, dem seien Podcasts wie der „Rasenfunk“ empfohlen. Sie blicken umfangreich und fundiert hinter die Kulissen.
Bei alledem bekommt man wenig Lust, diesem auf Hochglanzprodukt gepimpten Spiel die gleiche Aufmerksamkeit zu schenken wie früher. Und auch im Klubfußball ist einiges ins Rutschen geraten. Da kaufen Staatsfonds Klubs, besitzen Investoren mehrere Vereine in aller Welt, die untereinander Spieler hin- und herschieben, und leisten sich zwei indonesische Brüder und Milliardäre den norditalienischen Klub Como 1907. Dem Verein gelang es im Eiltempo, aus der vierten Liga emporzuschießen. Nächstes Jahr spielt er gar in der lukrativen Champions League. Ihr Erfolgsmodell wollen die beiden Brüder an andere Klubs verkaufen. Plus: Sie wollen Como als „weltweit führendes Reiseziel für Fußballtourismus“ aufziehen. Womit wir wieder bei den eingangs erwähnten Eventies wären, die den Fans den Rang ablaufen. Lifestyle? Rules! Fanbasis? Who cares?!
Ein klein wenig heile Fußballwelt
Da lebt es sich als Anhänger des kleinen SV Darmstadt 98 doch einigermaßen unbeschwert. Selbst wenn der Sportverein im Haifischbecken Profifußball mitschwimmt und Saison für Saison an den Ticketpreisen dreht. Dennoch ist er weiterhin ein eingetragener Verein, in dem die Mitglieder mitbestimmen. Und so hat man angesichts der Hybris und Selbstinszenierungen rund um die diesjährige Fußball-WM den Eindruck, beim SVD doch ganz gut aufgehoben zu sein.
Vorbereitung, Saisonstart, DFB-Pokal
Sa, 4.7., 13 Uhr (Freundschaftsspiel): SG Arheilgen – SV Darmstadt 98
Sa, 11.7. 15 Uhr (Testspiel): VfR Fehlheim – SV Darmstadt 98
Di, 14.7., 18 Uhr (Testspiel): SV Darmstadt 98 – FC Homburg
Fr, 17.7., 18 Uhr (Testspiel): FC-Astoria Walldorf – SV Darmstadt 98
Sa, 1.8., 14 Uhr (Testspiel): SV Darmstadt 98 – Portsmouth FC
Fr, 7.8. bis So, 9.8. (2. Liga): 1. Spieltag der Saison 2026/27
So, 23.8., 15.30 Uhr (DFB-Pokal, 1. Runde): FC Carl-Zeiss Jena – SV Darmstadt 98






