Foto: Jan Ehlers

Was eint einen US-Amerikaner, einen Halbschweden, einen Italiener, einen portugiesischen Heiner und einen Odenwälder? Fünfmal Vollbart und eine Band: Bushfire. Der „Lowbrow“-Macher Marcus Bischoff (38 Jahre/Gitarre) und der charismatische Hüne Bill Brown (45/Gesang) gehörten bereits zur Urformation der Band Bushfire, die zu Beginn 2004 Stoner-Rock als Genre anvisierte. 2008 stieß der zweite Gitarrist Miguel Pereira (40) dazu, 2014 Bassist Vincenzo Russo (37) und Schlagzeuger Sascha Holz (29). Im unterkellerten Proberaum-Komplex in der Liebigstraße erzählen sie dem P von skurrilen Reise-Erlebnissen, schmerzhaften Verletzungen und dem brandneuen Album „When Darkness Comes“, das jetzt im Oktober erscheint.

 

Gleich mal zu Beginn die Frage: Stoner-Rock im Sinne von Bands wie Kyuss passt jetzt nicht mehr so ganz als Genre, oder?

Marcus: Nein, das hat eigentlich nie ganz gepasst. Wir wollten damals Stoner-Rock spielen, weil es das so als Band in Darmstadt noch nicht gab. Es klang aber von Anfang an schon irgendwie anders.

Miguel: Wir nennen es heute lieber Heavy Blues Rock oder Heavy Stoner Rock oder …

Bill: Das Stoner passte wirklich nie richtig. In der Band war eigentlich immer nur einer richtig stoned [grinst und zeigt mit dem Finger auf sich]. Wir spielen auf Blues-Festivals, Stoner-Rock-Festivals, Heavy-Metal-Festivals … das ist so egal. Am Ende ist alles Rock. Nur das zählt.

 

Bushfire gibt es seit 2004. Was habt Ihr davor gemacht?

Marcus: Ich war einst bei Fate und bei Asaru, der ersten Blackmetal-Band Darmstadts, die jetzt sogar noch in Norwegen weiterexistiert, Bill war bei der Band Schnayder, Miguel bei Immergrün. Das reicht mal als grober Überblick.

Bill stammt ja eigentlich aus den USA. Das erste Mal nahm ich ihn Mitte der 1990er wahr, als er in der Krone im 1. Stock den Bierausschank machte. Ich hatte da immer etwas Angst, weil er so groß war und grimmig schaute … außer bei Mädels.

Bill [lacht]: Gut so. Ich kam 1981 als Neunjähriger nach Deutschland, weil meine Mutter bei der US-Army stationiert war. 1993 war ich dann selber als US-Soldat für zwei Jahre in der Cambrai Fritsch-Kaserne hier in Darmstadt stationiert. Ich lernte dann meine Frau kennen und blieb. Und bereue es bis heute nicht.

 

Zurück zu Bushfire. Das ist jetzt das dritte Album in 13 Jahren. Ein eher langer Zeitraum.

Bill: Insgesamt haben wir drei Demo-Aufnahmen und drei richtige LPs aufgenommen, alle im Lofthaus-Studio produziert von Mark Rückert, der seit jeher fast alle unsere Sachen aufnimmt und auch Schlagzeuger in unserem ersten Band-Line-up war. Plus eine Split-Single mit Hammerlock aus Kalifornien auf Decoy-Industry-Records.

Marcus: Wir haben als Band aber nie wirklich eine Pause gemacht. Das würde auch gar nicht zu mir passen. Ich mache seit meinem 15. Lebensjahr durchgehend Musik, weil ich das brauche. Nach unserem zweites Album 2013 gab es einige Besetzungswechsel mit Vince am Bass und Sascha am Schlagzeug. Das brauchte dann etwas Zeit.

Sascha: Mit Vince und mir gab es eine neue Rhythmussektion. Das hört man sicher raus. Ich kam quasi als Fan dazu und kannte die Musik, aber jeder Schlagzeuger hat ja seine eigene Spielweise. Anfänglich hörte ich öfters „spiel ein bisschen schneller, ein bisschen härter“, aber das hat sich schnell angepasst. Trotzdem war es gut, sich etwas Zeit zu lassen, um richtig zu harmonieren.

Bill: Da musste erst mal für Konzerte alles neu eingespielt werden. Deshalb dauerte es auch vier Jahre bis zu unserem neuen Album. Wir wollten uns da nicht stressen.

Marcus: Wir haben unsere Familien und jeder seinen Job. Und als Band Riesenspaß. Wieso sollten wir das ändern. Wir versuchen jedes Jahr, eine kleine Tour hinzukriegen, ansonsten Wochenend-Gigs, wenn es gerade passt. Genauso brauchen wir auch nicht wirklich ein Label oder eine eigene Agentur, die nur Geld schlucken. Wir wissen, wie es funktioniert, und machen es selber.

Vince: Diese Einstellung macht uns auch stärker. Es baut sich kein Druck auf. Was kommt, das kommt.

 

Bills Texte sind ja sehr intensiv und ausdrucksstark. Sprecht Ihr als Band vorab über die Texte und wie entsteht der musikalische Part?

Marcus: Ich mache ja am längsten mit Bill Musik. In der Vergangenheit kam ich meist mit den musikalischen Grundideen und den markanten Riffs, Miguel ist da mittlerweile zum Glück auch viel aktiver … jedenfalls hört sich Bill das dann an und lässt sich dadurch zu seinen Texten inspirieren. Das ist so eine Art von Spüren, was dazu textlich passt. Und wenn er dann mit den Texten kommt, finde ich wirklich immer, dass es passt.

Miguel: Natürlich geben wir mal Ideen für Themen und sprechen Details der Komposition dann gemeinsam ab, aber nur so, dass es für beide Parts flüssig klingt. Bill kommt auch nie an und will ein Riff ganz anders haben. Wir quatschen einfach extrem viel miteinander, aber umso besser passt es dann.

Bill: Ich schrieb für das Album „Heal Thy Self“ (2013) zum Beispiel einen Song für Marcus, der gerade Vater geworden war. Es war ein eher schmerzhafter Prozess für mich, weil es darum ging, ihm die Vaterrolle zu wünschen, die mein Vater für mich nie hatte.

War das der Song „Dream“, zu dem es auch das wunderschöne Video mit den vielen Eltern und ihren Babys gibt?

Bill: Genau, das sind alles Freunde von uns, die teilweise zu der Zeit gerade Eltern wurden. Es war also nach außen hin ein harmonischer Song. Aber es geht bei mir immer wieder auch um Ängste, im neuen Album weit mehr als in dem davor. Da hat sich das Konzept mit der Zeit sehr verändert, weil meine Mutter schwer krank wurde – das spiegelte sich dann auch in meiner Herangehensweise an die Texte wieder. Ich sprach viel mit den Jungs darüber und habe meine damalige Situation in die Songs einfließen lassen. Der Titel „When Darkness Comes“ kommt ja auch nicht von ungefähr. Wenn du am tiefsten Punkt angelangt bist, musst du lernen, das Licht zu finden. Das ist wohl die Grundaussage des Albums.

 

Der Titel kam also wegen der schweren Erkrankung Deiner Mutter zustande?

Bill: Ich bin insgesamt schon eher ein negativ eingestellter Mensch. Ich hasse so viel, was da draußen in der Welt passiert. Aber ich will dann wenigstens meinen Freunden und den Fans der Band Aussagen bieten, mit denen sie was anfangen können. Das soll aber jetzt nicht zu hippiemäßg klingen, ich will nicht predigen wie Zack De La Rocha von Rage Against The Machine. Ich schreibe die Texte ja irgendwie auch für mich – das ist ein schmerzhafter, aber ebenso herzöffnender Prozess. Das war wichtig für mich, und wenn das Leute für sich auch so empfinden, ist das wunderbar.

 

Für eine Darmstädter Band klingt Ihr sehr international, was vielleicht einerseits an Euren verschiedenen Nationalitäten, aber sicher auch an Euren vielen Tourneen durch ganz Europa liegt.

Marcus: Wir haben fünf verschiedene Nationalitäten in der Band. Das prägt allein schon ein wenig, auch wenn drei von uns quasi in Deutschland aufgewachsen sind. Wenn man in Europa rumfährt, hört man oft neue Sounds, erst recht bei Festivals, wo viele internationale Bands spielen. Das prägt natürlich den Sound mehr, als wenn man immer nur in der lokalen Szene rumtingelt.

Vince: Es einfach auch schön, wenn man international unterwegs ist. In Novi Sad, einem kleinen Ort in Serbien, kamen die Konzertbesucher danach überschwänglich auf uns zu, weil da sonst nie Bands aus dem Ausland spielten. Das sind einfach schöne Erlebnisse, die unvergessen bleiben.

Marcus: Oder der Zollbeamte an der rumänischen Grenze, der unseren stinkenden Neunsitzer-Bus – wir waren damals mit der Darmstädter Band Wight auf Osteurpoa-Tour unterwegs – kontrollierte und völlig überfordert war, als er so viele dreckige Typen und unterschiedliche Nationen-Pässe bei sich in der Einöde vorfand [alle lachen] … „Was zum Teufel machen die hier? Wo wollen die hin? Hier gibt’s doch nix“, dachte der sicher misstrauisch… und als er dann Bills US-Pass vorfand, drehte er endgültig rund: „Americano? Computercontroll! Park there!“ .. dann ist der in sein Kabuff, hat seinen C64 hochgefahren und erst mal nur geschnauft. Schließlich kam er völlig entnervt mit den Pässen raus und meinte nur „Go! Go! Go!“.

 

Auf der Tour gab es ja noch ein Ereignis, was irgendwie in die Annalen der Bandgeschichte einging: Bills spektakulärer Fußbruch.

Marcus [grinst]: Oh mann ja, das war 2014 auf der gleichen Tour in Thessaloniki. Bill sprang barfuß von der extrem hohen Bühne ins Publikum – damals typisch für Bill … jetzt leider nicht mehr [alle lachen] – kam mit der Ferse auf und sackte in sich zusammen.

Miguel: Wir haben das erst gar nicht gerafft. Er stand dann ja wieder im Publikum, nur hielt er sich krampfhaft an Peter, dem Bassisten von Wight, fest. Das sah etwas skurril aus.

Bill: Ich konnte überhaupt nicht mehr stehen, krallte mich an Peter fest, sang immer eine Zeile und flüsterte zwischendurch Peter ins Ohr: „Verdammt, ich habe mir den Fuß gebrochen“, dann wieder eine Zeile gesungen und wieder geflüstert: „Ich brauche `ne Ambulanz“ … so ging das bis zum Ende des Songs. Mein Gesang klang dann wegen der Schmerzen wohl auch eher wie eine Operndiva [alle lachen].

Marcus [grinst]: Er wollte auch unbedingt weiterspielen, bis der Krankenwagen kam. Wir haben ihn dann mit viel Eis auf der Bühne platziert und er hat die restlichen Songs liegend gesungen. Danach kam er ins Krankenhaus und bekam erst mal nur einen Gips …

Bill: Ich wollte die Tour unbedingt weiterspielen. Der Doktor meinte, dass der Bruch unbedingt innerhalb der nächsten zwei Wochen operiert werden müsste. Wir hatten noch zehn Tage Tour, also haben wir es riskiert, bis zur Rückkehr in Darmstadt zu warten. Ich war dann die nächsten Tage mit viel Alkohol und starken Schmerzmitteln nur noch zugedröhnt.

Marcus: Der Bill lag dann immer voll auf Schmerzmitteln hinten im Bus vergraben. Wir hatten nur einen Neunsitzer-Bus für zwei Bands, das war also saueng und noch tausende Kilometer vor uns. Andere Bands brechen solche Touren garantiert ab. Bei den Konzerten haben wir ihn dann mit einem Stuhl auf die Bühne gesetzt und er hat halb im Delirium die Show bewältigt. Das war legendär.

Bill: Ich wurde dann nach der Heimkehr in Darmstadt operiert, spüre aber immer noch die Nachwirkungen. Rennen oder springen geht nicht wirklich mehr. Der Bruch war so kompliziert, dass der Arzt meinte, vor 100 Jahren hätten sie den Fuß amputiert.

 

Was ist mit mit Eurer Homebase Darmstadt?

Bill: Anfangs spielten wir sehr viel hier. Das ist zu Beginn auch gut, um sich in der Homebase bekannt zu machen. Danach muss man sich aber etwas rarer machen, sonst sind die Leute schnell gelangweilt. Darmstadt als Ganzes hat aber eine verdammt große Musikszene. Allein hier im Proberaum-Komplex gibt es so viele verschiedene Bands, das ist wirklich spannend.

Marcus: Das war ja hier immer schon spannend. Als ich in den 1990ern mit Musik-machen anfing, gab es Bands wie Dead Beat, Narsaak, Skeleton Army … und ich war immer total baff, dass die alle aus Darmstadt kamen. Das war eine riesige abgefahrene Szene. Und heute treffe ich die alle noch wieder und es kommen dauernd neue Leute wie zum Beispiel Terrotika dazu. Das wird immer größer.

Bill: Nur ein Fluss fehlt. Ein verdammter Fluss. Sonst ist alles vorhanden.

Miguel: Und ein eigenes Haifisch-Becken. Pfungstadt kriegt eins. Warum wir nicht? [alle lachen]

Bill [traurig]: Und das Steinbrücker Teich-Festival, also ein wirklich reines Rock’n’Roll-Festival fehlt total.

Marcus: Das stimmt. Überhaupt fehlt eine große Bühne für die Rockszene wie zum Beispiel der Hafenklang in Hamburg. Es gibt natürlich zum Glück die Villa, die Bessunger Knabenschule oder die Krone, aber eine größere und genau für die Szene passende Bühne fehlt in der Innenstadt. Sowas wie das Lowbrow in groß. Mal sehen, was mit dem neuen 806qm wird. Wir warten da gespannt drauf.

Jetzt aber abschließend zu Eurem neuen Album. Es gibt dazu bereits an grandios animiertes Video. Wie hoch ist die Auflage der Platten und wird es weitere Videos geben?

Marcus: 1000 CDs, 500 LPs … [lächelt] 300 davon mit Bills Blut nummeriert [Bill stöhnt]. Die alten Platten mussten wir auch nachpressen, deshalb kann das später noch mehr werden. 27. Oktober ist der CD-Release-Party in der Krone. Die LP dauert drei Monate länger. Es gibt nur drei Vinyl-Presswerke hierzulande, deshalb gibt es da viel Nachfrage. Daher machen wir die LP-Release-Party im Januar beim Freak-Valley-Festival im Vortex-Surfer-Musikclub in Siegen. Das ist unsere zweite Heimat, weil wir da schon oft spielten und viele Freunde haben. Es gibt also zwei Partys. Und es sind zwei weitere Videos geplant, die an ganz besonderen Schauplätzen gedreht werden.

Wir sind gespannt. Danke für das Interview.

 

CD-Release-Party:

Bushfire & Terrotika

Goldene Krone | Fr, 27.10. | 22 Uhr | 7 €

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