Foto: JazzInstitut
Fotos: Jazzinstitut

Mal ehrlich: Darmstadt ist nicht gerade der Nabel der Welt. Mal ganz unbescheiden: Wo befindet sich in Sachen Jazz der Mittelpunkt Europas – wenn nicht in Darmstadt?

Von Norden die Heidelberger Straße entlang, links eingebogen in die Bessunger, ein kleines Stück bergauf, dann rechter Hand ein Hin­weisschild auf das Jazz­institut Darmstadt. Man gelangt auf ein karg bepflanztes, recht weitläufiges Areal, auf dem eine kleine barocke Villa thront. Vor knapp drei Jahrhunderten war dieses Gelände ein Jagdhof samt Kavaliers­haus. Heutzutage befasst man sich in den Gemäuern mit der Geschichte des Jazz. Und genießt dafür seit 1990 weltweit hohes Ansehen.

Jazz, entstanden in New Orleans zu Beginn des 20. Jahrhunderts, hervorgegangen aus Gospel, Blues, Ragtime, Brass, afrikanischer Rhyth­mik und Voodoo, hat eine be­wegte Chronik hinter sich. Mit allerlei Metamorphosen, allerlei Dramen, allerlei Charakteren. Damit und mit weit mehr befasst sich das kleine, leidenschaftliche Team rund um Wolfram Knauer und Arndt Weidler.

Warum gerade Jazz? Von manchen als „schwierig“, „anstreng­end“ und „verkopft“ geächtet, machen für Arndt Weidler solche Attribute auch den Reiz dieser Musik aus, die von „besonderer Ästhetik und Intensität“ lebt. „In keiner Musik wird live so unmittelbar aufeinander reagiert. Wenn ein Musiker etwas verändert, verändert sich unmittelbar das Spiel der anderen. Meistens mit einem lachenden Blick. Man bespielt sich gegenseitig“, schwärmt Weidler. Feste Strukturen gäbe es selten, keine Musik sei so frei, so grenzenlos.

Seit dem Umzug ins jetzige Gebäude im Jahr 1997 beherbergt das Jazz­institut auf drei Stockwerken eine der wichtigsten Jazzsammlungen Europas. Hier wird dokumentiert, archiviert und geforscht. Neben einem monatlichen Jazz­­kalen­der bringen die Darmstädter alle zwei Jahre den aktualisierten und bundesweit beachteten „Wegweiser Jazz“ heraus. Er ist Fibel, Almanach und Travel Guide in einem. Das On­line-Archiv des Instituts sucht seinesgleichen im globalen Web.

Anschaulich gestaltet, weltweit frequentiert – eine virtuelle Enzy­klopädie des Jazz. In den Gängen und Räumen der barocken Villa in Bessungen stapeln sich prall gefüllte Kartons aus Schenkungen und Nachlässen. Zehntausende Bücher, Magazine, Schriften, Plakate, Fotos und Tonträger bis zurück in die 1920er umfasst die bereits archivierte Sammlung. „Man bekommt langsam Platzangst“, schmunzelt Weidler.

Mitunter begegnet man in den Gängen auch dem ein oder anderem Künstler von Weltrang in natura, denn ein Abstecher nach Darmstadt gehört zum guten Ton in Jazz-Kreisen. Im Gewölbekeller ist Raum für zahlreiche Konzerte, Talks und Ausstellungen mit internationaler Prominenz. Ein offenes Haus für jeden, der dem Jazz verfallen ist oder nur mal reinschnuppern will. Alljährlich organisiert das Institut die stadtweiten Jazz Conceptions, alle zwei Jahre das renommierte Darmstädter Jazz­forum.

Trotz aller Relevanz – schrumpfende Kulturetats bereiten Weidler zu­nehmend Sorge: „Natürlich muss gespart werden, aber irgend­wann bleibt nichts mehr. Wie in einer Wüste ohne Bewässerung.“ Von Sponsoring und dessen „notwendiger Logik“ hält er wenig. Das Institut profitiere aber von der außergewöhnlich lebhaften und kreativen regionalen Jazz-Szenerie. Im Vergleich zu anderen, auch größeren Städten sei Darmstadt da geradezu ein Eldorado. Mit dem Juwel Jazz­­institut in seiner Mitte.

 

Mehr Informationen – auch zu den nächsten Konzerten – im Internet unter:

www.jazzinstitut.de

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