Oetinger Villa_Web_Foto Jan Ehlers
Foto: Jan Ehlers

Wenn des Nachts in der Gründer­zeitvilla die etwas morsche Holz­­­­­­­­­­­­treppe ächzt, das Licht schummrig flackert und ein zarter, leicht modriger Windhauch durch die Stockwerke säuselt, dann ist der Hausgeist wieder unterwegs. Und der lässt auch schon mal jemanden verschwinden.  So zumindest die schöne Märe, mit der Konzertveranstalter Markus Hoffmann in der Oetinger Villa nächtigende Künstler immer wieder zu verschrecken vermag. Manch angetrunkener Musiker, der den Weg von der Toilette zurück zum Schlafraum nicht mehr fand, ver­­brachte daraufhin die dunklen Stunden wimmernd auf dem Klo. Angeblich.

Imposant thront die Oetinger Villa verborgen zwischen Kranichsteiner Straße und dem Studentenwohnheim Karlshof. Umrandet von einem kleinen Park ruht sie dort wie ein gewaltiger Monolith. Wirklich ruhig ist es allerdings selten, denn in der Villa wuselt kreatives Leben.

Ein Blick zurück. Im Jahre 1898 wurde die Oetinger Villa auf dem Gelände des Karlshofes erbaut. Bauherr war August Josef Ludwig Freiherr von Oetinger. Von jener Zeit an bis in die 1960er Jahre war das Ge­­biet vom Spessartring über den Bürgerpark bis zu den Bahnschienen in Kranichstein kein Wohngebiet, sondern weitgehend landwirtschaft­lich genutztes Areal. Die Villa selbst galt als Gutshaus, in der die Familie Oetinger zeitweise lebte. Im No­vem­­­ber 1960 vererbten die Töchter des Bauherrn die Villa an die Stadt Darm­­­­-stadt. Danach wurde das Gebäude partiell als Institut für biologische Schädlingsbekämpfung genutzt, bevor im Oktober 1970 die „Initiativ­gruppe Wohnen“ die oberen Stockwerke besetzte. Wohl Schädlinge im Sinne der Stadtoberen, denn zwei Jahre später wurde das Projekt nach einem heftigen Häuserkampf von der Polizei geräumt. Um den Konflikt etwas zu entschärfen, beschloss die Stadt, die Villa künftig als offenes Jugend­­zentrum zu nutzen.

Es mangelte nie an Aufregung in und um die Oetinger Villa. Da flogen schon mal Fäuste, wenn ungleiche Meinungen aufeinanderprallten. Das zeugt von der Lebendigkeit und Leiden­schaft. Wohl an keinem Ort in Darmstadt gab es über die Jahre mehr lokale wie internationale Bands und Künstler zu bewundern. Genre-Grenzen gibt es keine. Eine charmante Vielfalt, bei der gerne auch mal Extreme ausgelotet werden. Und nicht wenige Bands – als Beispiel Tomte oder Boysetsfire – machten erst „in der Villa“ Station, bevor sie in großen Hallen aufspielten.

www.oetingervilla.de

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