Foto: Jan Ehlers
Foto: Jan Ehlers

Wenn auf einer Stil-Messe, an jedem zweiten Messestand wohlgemerkt, ähnliche Designs präsentiert werden, kann man ziemlich sicher sein, dass genau diese Accessoires und Symbole der modernen Urbanität bei den Hipstern nicht mehr so hip sind wie noch zuvor. Ein Bilderbuchphänomen der Paradoxie von Hype und Style.

Ich sag nur „Casio Retro Collection“: Erst Silber, dann Gold, groß und klein, mit Solar und Taschenrechner, alle Exemplare mussten her, alle im Freundes- und Bekanntenkreis haben jetzt wenigstens eine und ich kann meine eigene Sammlung nicht mehr sehen. Auf der verzweifelten Suche nach einer neuen Uhr und Veränderung wurde ich dann bei Swatch fündig, wahrscheinlich die nächste Falle mit Suchtpotential.

Ähnlich läuft es mit Musik, mit „Elektro“ – und vorher mit der Musik der berühmten Indie-Ära: Zuerst war Indie ziemlich hip und unkonventionell, dann wurde die Sau so richtig ausgeschlachtet. Gefühlte 300 neue „The“ Bands innerhalb kürzester Zeit, begleitet von Indie-Gören (weibliche wie männliche) in Röhrenjeans und deren verklärter Weltanschauung und unzähligen Indiepartyreihen machten schon irgendwie ohnmächtig. Durch das plötzliche Überangebot an Musik, Mode und Attitude – sowie dem zunehmenden Trend, Gitarre und Schlagzeug mit elektronisch erzeugten Sounds zu ergänzen – blieb vielen sowieso nur die Flucht nach vorne, hin zum Elektro. Neueste Auswüchse wie Schredder- und Rave-Elektro oder Quietsche-Songs, die zu 80 Prozent aus Build-Ups bestehen, sind allerdings schon jetzt, kurze Zeit nach ihrem Aufkeimen, kaum mehr zu ertragen, momentan aber bei den kommerziell geschulten Massen beliebt.

Die Musik, mit dem der erste Hype um Synthesizer und Co. einmal leise aufkeimte, rückt immer mehr in den Hintergrund und verliert zunehmend an der ursprünglichen Originalität. Spielt neben dem Kasperle-Theater hinterm und vorm Pult nur noch die zweitwichtigste Rolle – Image, dicke Eier die erste. Zeit der Dinge? Nein, für mich sind die Tage, in denen ich mich nachts in lauten Maschinenhallen mit Blitzlichtgewitter, maskierten DJ-Prols ohne Feingefühl und mit null Empathie herumgetrieben habe, gezählt.

Bitte etwas unaufdringlicher und mit mehr Stil! Man muss nicht auf jeden Zug aufspringen und manchmal macht es eben auch Sinn, aus voller Fahrt vom vermeintlich richtigen Zug abzuspringen.

Zur Zeit hole ich – aus ähnlichen Gründen, weshalb man in Parfümerien zwischendurch an Kaffeebohnen riecht – gerne die alten Indie- und sogar die noch älteren HipHop-Scheiben aus dem verstaubten Expedit-Regal. Trotz des damaligen Überdrusses richtig gute Musik! Und plötzlich weiß ich nicht nur die beiseite gelegten Platten, nein, auch meine Casio, die an ein fast schon vergangenes Lebensgefühl erinnern, wieder zu schätzen. In diesem Sinne überlasse ich den jungen Laptop-DJs guten Gewissens das überharte Elektro-Genre und ziehe rechtzeitig meine Reißleine. Let’s create something new!

Ihr lest Montagsgedanken – Tagebuch eines DJs. Mein Name ist Doris Vöglin.

 

Wer ist eigentlich Doris?

Doris Vöglin ist die eine Hälfte des DJ-Duos „DontCanDJ“ – bekannt aus Schlosskeller („Elektroschule“), 603qm und Centralstation. Seit einiger Zeit schreibt sie ihre „Montagsgedanken“ für den Blog www.bedroomdisco.de. Ab dieser Ausgabe erscheint ihre Kolumne (im monatlichen Wechsel mit „Frag Vicky“) auch bei uns.

www.facebook.com/DontCanDJ

 

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