Foto: Stefan Holtzem, holtzem.comFu

Jetzt ist sie fast schon wieder rum, die Zweitliga-Saison 2021/22. Unabhängig, ob am Ende Aufstieg oder Klassenerhalt stehen: Die Lilien wussten zu gefallen. Als Mannschaft verdiente sich die Truppe von Torsten Lieberknecht ein riesiges Fleißkärtchen. Seit dem Ende der Hinrunde war die Spitzengruppe das Revier der 98er. Mitentscheidend für ihren Höhenflug war die mannschaftliche Geschlossenheit. Dennoch ragten einige Kicker heraus – und einer ganz besonders.

Der SVD, er überzeugte in den vergangenen Monaten im Kollektiv. Nach coronabedingt schwerem Start fand das Team rasch in die Spur. Die zahlreichen Ausfälle zu Saisonbeginn, sie beschleunigten gar den Teambuilding-Prozess. Zudem zeichnete den Kader eine enorme Breite aus. Das zeigte sich nicht zuletzt daran, dass mancher Spieler erst einmal außen vor schien, im Saisonverlauf aber plötzlich eine tragende Rolle spielte. Etwa Thomas Isherwood und Aaron Seydel. Nicht unerwähnt bleiben soll natürlich Clemens Riedel. Der Youngster, der noch in der U19 auflaufen darf, funktionierte von jetzt auf gleich, wie Co-Trainer Ovid Hajou zuletzt im Lilienkurier sagte. Auch im Saisonverlauf kam er noch auf seine Einsatzzeiten und dürfte in der kommenden Saison eine reale Chance auf einen Platz im Spieltagskader haben.

Abgänge fielen nicht ins Gewicht

Wie stark die Mannschaft in dieser Spielzeit auftrumpfte, zeigt sich auch daran, wie schnell das Team die Abgänge vom letzten Sommer vergessen ließ. Immanuel Höhn, Nicolai Rapp, Victor Pálsson und natürlich Serdar Dursun galten vor Saisonbeginn als schwer zu ersetzen. Doch ihr Fehlen fiel letztlich gar nicht ins Gewicht. Dass Dursun nicht eins zu eins zu ersetzen sein würde, das war klar. Dass ihn aber mit Luca Pfeiffer und Phillip Tietz zwei Neuzugänge im Doppelpack kompensierten, damit war nicht zu rechnen. Okay, sie knipsten in der Rückrunde kaum noch, dafür sprang dann Aaron Seydel in die Bresche. Pálssons Lücke schloss Klaus Gjasula im Nu. Und war der mal nicht verfügbar, stopfte Tobi Kempe Löcher und drückte parallel dem Offensivspiel des SVD seinen Stempel auf. Auch der Routinier war einer der prägenden Faktoren in der nun zu Ende gehenden Spielzeit.

Eine geile Sau

Daneben hob Keeper Marcel Schuhen sein Torwartspiel in den vergangenen Monaten auf ein höheres Level. Er entschärfte Elfmeter, verbesserte sein Spiel mit dem Fuß und wurde nach dem Weggang von Pálsson noch mehr zum Emotional Leader der Blau-Weißen. Mit Fabelleistungen wie in Bremen begeisterte er die Fans, die ihn als „geile Sau“ – nun ja – adelten. Weitere Dauerbrenner waren die Außenverteidiger Fabian Holland und Matthias Bader, die sogar das Toreschießen für sich entdeckten und für die ein oder andere Vorlage verantwortlich zeichneten.

Von 221 Minuten zum Leistungsträger

Wenn es allerdings darum geht, den Spieler der Saison zu küren, dann führt kein Weg an Patric Pfeiffer vorbei. Der Innenverteidiger war die Konstante im Deckungsverbund der 98er. Neben ihm verteidigten wechselweise Riedel, Isherwood, Jannik Müller oder Lasse Sobiech. Pfeiffer selbst wurde aber stets aufgeboten – sofern er fit oder nicht gesperrt war. Als Patric Pfeiffer vor drei Jahren in Darmstadt aufschlug, hießen die Stammverteidiger noch Immanuel Höhn und Dario Dumic. An den beiden war für ihn kein Vorbeikommen – und so blieb dem damals 19-Jährigen nur, sich hinten anzustellen und in den 221 Minuten, in denen er eingesetzt wurde, zu lernen. Der Jungspund, der von der Zweiten des Hamburger SV gekommen war, er war mithin ein Transfer für die Zukunft. Nur ein Jahr später kam mit Adrian Stanilewicz ein Spieler mit einem ähnlichen Background aus Leverkusen. Doch während Stanilewicz bis heute keine Rolle spielt, startete Patric Pfeiffer allmählich durch.

Ligaweit spitze

In dieser Saison hat er sich zu einem kompletten Zweitligaspieler entwickelt. Er ist trotz seiner fast zwei Meter ein schneller Verteidiger, der die Leichtsinnsfehler aus den vergangenen Jahren weitgehend abgestellt hat. Ihn zeichnet ein sicheres Passspiel aus und seine langen Bälle sind immer wieder ein wichtiges Mittel im Spielaufbau des SVD. Zudem macht ihm im Kopfballspiel so schnell keiner etwas vor – und auch sein Stellungsspiel kann sich sehen lassen. Zweikämpfe gewinnt der Ruhepol in aller Regel auch noch. Kein Wunder, dass ihn der „kicker“ schon achtmal in die „Elf des Tages“ nominierte, das gelang neben ihm nur St. Paulis Guido Burgstaller. In der Notengebung zählt er zu den Top-3-Defensivakteuren der Liga. Auch das Fußballstatistik-Portal whoscored.com sieht ihn im Unterhaus als einen der Spitzenverteidiger. Es ist toll zu sehen, wenn sich ein Spieler bei den 98ern derart herausragend entwickeln kann.

Trikotwechsel?

Mit seinen Leistungen hat er sich längst in die Notizblöcke anderer Vereine gespielt. Es würde deshalb nicht verwundern, wenn er den Lilien in diesem Sommer verloren ginge. Sein Vertrag am Bölle läuft noch eine Saison. Das gilt gemeinhin als Zeichen, dass der Abgang eines so jungen Spielers mit ordentlich Potenzial wahrscheinlicher ist als ein Verbleib. Die Lilien würden dann immerhin eine hübsche Ablösesumme generieren. Es sei denn, sie würden für eine Vertragsverlängerung ordentlich in die Tasche greifen. Und wer weiß? Vielleicht zieht sich Pfeiffer im Sommer nicht nur ein neues Vereinstrikot über, sondern im Winter auch noch ein neues Auswahltrikot. Bislang spielte er in vier Partien für Juniorennationalteams des DFB. Da er ghanaische Wurzeln hat, halte ich es nicht für allzu weit hergeholt, wenn die Nationalelf Ghanas in der zweiten Jahreshälfte einmal auslotet, ob Patric Pfeiffer nicht Lust hätte, bei der WM für sie aufzulaufen.

 

Aufstieg? Relegation gegen Bielefeld? Goldene Ananas?

Fr, 06.05., 18.30 Uhr: Fortuna Düsseldorf – SV Darmstadt 98

So, 15.05., 15.30 Uhr: SV Darmstadt 98 – SC Paderborn

Potenzielle Relegationsspiele: Do, 19.05., 20.30 Uhr + Mo, 23.05., 20.30 Uhr

sv98.de

 

Matthias und der Kickschuh

Seit Ende 2011 schreibt Kickschuh-Blogger Matthias „Matze“ Kneifl über seine große Leidenschaft: den Fußball. Gerne greift er dabei besonders abseitige Geschichten auf. Kein Wunder also, dass der studierte Historiker und Redakteur zu Drittligazeiten begann, über die Lilien zu recherchieren und zu schreiben. Ein Resultat: das Taschenbuch „111 Gründe, den SV Darmstadt 98 zu lieben“, das (auch in einer erweiterten Neuauflage 2019) im Schwarzkopf & Schwarzkopf Verlag erschienen ist. Seit Juli 2016 begleitet Matthias gemeinsam mit vier Mitstreitern die Lilien im Podcast „Hoch & Weit“. Genau der richtige Mann also für unsere „Unter Pappeln“-Rubrik!

kickschuh.blog

 

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