Illustration: Hans-Jörg Brehm
Illustration: Hans-Jörg Brehm

„Was macht Schreiben eigentlich für einen Sinn?“ Eine interessante Frage, zumal sie mir im März nach einer Lesung auf der „lit.kid.Cologne“, einem Literaturfestival in Köln, von einem Zehnjährigen gestellt wurde.

Ich dachte kurz nach, dann beantwortete ich sie ebenso gewissenhaft wie die Fragen seiner Schulkameraden, ob ich berühmt sei, wie ich auf die Ideen meiner Bücher komme, wie viele davon ich überhaupt schon geschrieben hätte, warum mein Sohn ausgerechnet Molche als Haustiere hielte und wie hoch genau mein Kontostand sei.

„Ich schreibe, weil es mir unglaublichen Spaß macht. Und weil ich Kindern gern Geschichten erzähle, die ihnen Freude bereiten.“ Dass ich ihnen damit auch Mut machen, ihnen Respekt für andere und gelegentlich subtil etwas Wissen vermitteln möchte, verschwieg ich wohlweislich. Denn dass so mancher Angst hat, geht nicht jeden etwas an, und nichts ist öder und dröger als lernen. Weil sie nun also alle da waren und während der Lesung gelacht und lustvoll „Buh!“ und „Bäh!“ gerufen hatten – ich las natürlich das allerekligste Kapitel vor – , hatte die ganze Sache schon einen Sinn gemacht. Der kleine Kerl nickte wissend. ich war begeistert und hoffe auch in Zukunft auf weitere grandiose Kinderfragen.

Zum Beispiel beim 2. Jugend- und Kinderliteraturfestival Darmstadt „Huch, ein Buch!“. Fünf Tage lang, vom 7. bis 11. Mai, geben in der Centralstation sowie an besonderen und ungewöhnlichen Orten zwölf Autorinnen und Autoren ihre Geschichten zum Besten. Ich bin eine davon. Unter dem Motto „abtauchen & abfahren“ werden Romane und Sachbücher für Kids zwischen 7 und 17 Jahren gelesen, um ihnen genau das zu bieten – abtauchen und abfahren mit Hilfe von Worten und Geschichten in die Gefilde der Fantasie und, ja, auch des Wissens. Viele mag das erst einmal verwundern oder sie haben es vergessen, doch Literatur kann eine Droge, Geschichten können Stimulanzien, Worte Glückspillen sein.

Dass lesen Lebenskompetenz vermittelt, ist dem Erwachsenen ein bekannter, aber auch alter Hut. Damit bekommt man mit Sicherheit die Kleinen und Größeren nicht hinterm Rechner, dem Fernsehgerät oder unter der ersten liebe hervor. Nein, das Geheimnis ist das Versprechen einer Reise an unbekannte aufregende Orte voller fiktiver oder wissenschaftlicher Abenteuer. Lesen ruft eigene Bilder hervor, es erregt die Fantasie aufs Unermessliche und erzeugt ein Kribbeln im Kopf.

Warum sollte einer, der Gary Ross heißt, ein besseres Bild vom Land „Panem“ haben als Du? Eben! Peter Jackson muss Dir nicht die Diashow seiner Reise zeigen! Den Reiseführer hat J.R.R. Tolkien geschrieben, er heißt „Der Herr der Ringe“ – und Du könntest damit sofort selber losfliegen und einen eigenen Film im Kopf drehen. Um einfach mal zwei Beispiele zu bringen.

Als Mutter weiß ich: Lesen will jedoch gelernt sein und manchen erscheint es erst einmal unbequem. Wenn Eltern ihren Kleinkindern nicht vorlesen, werden sie seltener als lesende Menschen in die Welt entlassen. Ich, als vorlesende Kinderbuchautorin, werde so ein Versäumnis sicher nicht auffangen können, doch lese ich gern und häufig an Schulen oder auf Veranstaltungen, die von Schulklassen besucht werden. Denn hier erreiche ich eben auch jene, die nicht von ihren engagierten Eltern in literarische Nachmittagsveranstaltungen gebracht werden, die zuhause noch nicht einmal vorgelesen bekamen. Diese Kids haben oft die aufgerichtetsten Ohren, die glänzendsten Augen und die meisten Fragen.

Die abschließende Meldung der Fragezeit letztens in Köln kam von einem kleinen Jungen mit großen Augen und lautete: „Kannst Du, äh, ich meine, Sie, bitte weiterlesen?“ Darum freue ich mich darüber, beim Darmstädter Literaturfestival den Kindern wieder aus meinem Buch vorlesen zu können. Natürlich das allerekligste Kapitel. Versprochen.

 

Das P gratuliert!

Antje Herdens aktuelles Buch „Letzten Donnerstag habe ich die Welt gerettet“ (Tulipan Verlag) bekam mit der Begründung „Lesespaß mit einem lesefördernden Ansatz“ den Leipziger Lesekompass der Leipziger Buchmesse verliehen und wurde in die Liste „Die besten 7“ des Deutschlandfunks aufgenommen. Die gesamte P-Redaktion freut sich darüber!

Huch ein buch/ausgabe 44
Foto: Privat
Artikel drucken Artikel versenden