Hinten raus wurde es dann doch ganz schön dünn. Nachdem die Lilien lange um den Aufstieg mitspielten, ging ab Mitte März fast nichts mehr. So steht am Ende eine in der Gesamtbilanz gute Saison, gemessen am Saisonverlauf aber eine enttäuschende. In der Sommerpause werden nun die Voraussetzungen für die nächste Spielzeit gelegt. Weiterhin verantwortlich dafür: Paul Fernie und Florian Kohfeldt.

Anfang Mai machten die 98er Nägel mit Köpfen. Sportdirektor Paul Fernie verlängerte seinen Vertrag und fungiert fortan als Geschäftsführer Sport. Während er also in der Hierarchieebene nach oben klettert, bleibt mit Florian Kohfeldt der Chefcoach ebenfalls an Bord. Somit herrscht Kontinuität beim Sportverein. Einmal beim Strippenzieher hinter den Kulissen und einmal beim Spiritus Rector an der Seitenlinie. Fernie selbst beschrieb zuletzt im „Lilienkurier“ die Beziehung zwischen dem Sportdirektor und dem Trainer „als die wichtigste in einem Verein“. Da hilft es ungemein, dass sich beide immer wieder wertschätzend übereinander äußern. Dem SVD bleibt insofern ein vertrauensvoll zusammenarbeitendes Duo erhalten. Mit Fernie als Triebfeder. Der 39-Jährige tut dem SVD schon allein deshalb gut, da er sich als Teamplayer versteht. Zugleich hat er die Strukturen rund um die Profimannschaft in den letzten beiden Jahren spürbar professionalisiert.

Geringer Trainerverschleiß eröffnet Chancen

Im schnelllebigen und hypernervösen Profifußball ist personelle Kontinuität eher die Ausnahme als die Regel. Sie bietet aber die Chance, dass sich Dinge schrittweise und planvoll entwickeln können. Das beste Beispiel ist der SC Freiburg. Trainer genießen dort traditionell einen großen Vertrauensvorschuss. Und auch auf Managementebene gibt es keine große Fluktuation. Das Ergebnis: Der langjährige Zweiligakontrahent aus den 1980er-Jahren agiert seit langem genauso bodenständig wie erfolgreich in der Bundesliga. Der Lohn: Inzwischen spielen die Freiburger in einem modernen Stadion und sie qualifizieren sich regelmäßig für Europa, diesjähriges Europapokalfinale inklusive. Dennoch ist das alles für die Breisgauer keine Selbstverständlichkeit und sie gehen weiterhin mit Köpfchen vor.

Die Lilien tun folglich gut daran, wenn sie zwar ambitioniert agieren und dosiert ins Risiko gehen, sich dabei aber nicht verrennen. Letztlich ist es unerlässlich, dass der Klub von oben vorgibt, wohin und mit welchen Mitteln die Reise geht. Nicht – wie anderswo – ständig neue Sportdirektoren und Trainer holen, die mitunter völlig unterschiedliche Philosophien fahren – und den Klub somit irgendwann gegen die Wand. Hire & Fire sollte für Darmstadt folglich keine Option sein. Seit dem Bundesligaabstieg 2017 war es das auch nicht. Von allen Zweitligaklubs der abgelaufenen Saison haben die 98er mit die wenigsten Trainer verschlissen. Nur Düsseldorf, Karlsruhe, Elversberg und Paderborn haben seither seltener ihre Coaches gewechselt. Allesamt Klubs, die abgesehen von Elversberg die aktuellen Zweitliga-Dinos sind, und die – Düsseldorf zuletzt ausgenommen – auch nie in großen Abstiegsnöten schwebten. Ganz im Gegenteil, sie sind eher zu den Teams zu zählen, die das obere Tabellendrittel in Angriff nehmen können; oder mehr. Siehe jüngst Paderborn und Elversberg.

Transfers als Wachstumshebel

Beim Kader dürfte sich in Darmstadt gleichwohl in den nächsten Wochen einiges tun. Manchen Spielern werden Fernie und Kohfeldt sicher keine Steine in den Weg legen. Andere haben hingegen große Begehrlichkeiten bei anderen Klubs geweckt. Sollten Torjäger Isac Lidberg und der spielstarke Fraser Hornby weiterhin am Bölle spielen, käme das doch sehr überraschend. Immerhin betonte Paul Fernie im „Lilienkurier“: „Wir müssen Spieler so entwickeln, dass wir mehr für sie bekommen, als wir gezahlt haben.“ Für die beiden Offensivspieler ist ein Markt da. Anfragen gibt es. Und nach den gezeigten Leistungen würde man mit beiden Geld verdienen. Etwas, das für Fernie unerlässlich ist: „Für mich kommt es darauf an, den richtigen Zeitpunkt zu finden, um Spieler mit Freude zu verkaufen. Denn wir haben keine Geldprobleme, aber wir wollen natürlich wachsen.“

Das Geschäftsmodell der Lilien – und letztlich auch der anderen Klubs – ist es somit, Spieler gewinnbringend zu verkaufen, um dann einen Teil des Erlöses wieder für entwicklungsfähige Spieler ausgeben zu können. Natürlich zu vertretbaren Summen. Bei den Verpflichtungen will Fernie weiterhin seinem Credo treu bleiben: kreativ scouten, nicht zuletzt im Ausland. Das Kaufen und Verkaufen der Profis soll dann so einträglich sein, dass die Lilien laut Fernie „immer den nächsten Schritt in unseren Möglichkeiten anstreben“ können. Und deshalb müssen die 98er die Spieler, die hier durchstarten, irgendwann veräußern. Sportlich mag das wehtun, aber wirtschaftlich ist es unerlässlich. Kohfeldt scheint der richtige Mann zu sein, der im Entwickeln von Spielern einen Teil seiner Aufgabenbeschreibung sieht. Auch wenn das nicht gleich wieder für einen oberen Tabellenplatz reichen muss.

Möglicher Umbruch ganz vorne und auf den Außen

Doch wo wird es im Sommer zu Veränderungen im Kader kommen? Fernie meinte, dass die Lilien „auf einigen Positionen an Stellschrauben drehen und auf anderen Positionen etwas komplett Neues machen“ werden. Auf der Torhüterposition besteht kein Handlungsbedarf. Im defensiven Mittelfeld sind mit Kai Klefisch, Hiroki Akiyama, Merveille Papela und – sofern er aus seiner Leihe zurückkehrt – Paul Will Spieler unter Vertrag, die ganz sicher gehobenes Zweitliganiveau darstellen. Am großen Rad sollte hier also nicht gedreht werden. Genauso wenig wie in der Innenverteidigung, sofern kein Leistungsträger weggekauft wird. Auf den defensiven Außenbahnen und bei den Schienenspielern ist hingegen mit Verstärkungen zu rechnen, um sich in der Breite besser aufzustellen. Und – ja – in der Offensive, da wird es zwangsläufig zu Änderungen kommen. Lidberg und Hornby würden, wie erwähnt, Transfererlöse generieren, die die 98er nur schwer ausschlagen können. Fynn Lakenmacher, Serhat Semih Güler und Bartosz Bialek fallen gegenüber den beiden spürbar ab. Der größte Umbruch, er dürfte sich also dort vollziehen, wo viele Klubs nachlegen wollen: im Angriff. Letztlich werden die Einnahmen darüber entscheiden, wie gut und wie stark der SVD nachlegen kann. Denn es könnte auch eine Überlegung wert sein, den Kader grundsätzlich etwas breiter aufzustellen. Schließlich waren die vielen Verletzungen zum Saisonende ein Teil der Erklärung für den Einbruch auf der Zielgeraden.

Alles in allem könnte die nächste Transferperiode durchaus knifflig werden. Aber wer hat denn gesagt, dass es im Profifußball einfach wäre? Womöglich sind die ersten Zugänge schon fix, wenn diese Ausgabe erscheint. Zu Fernie würde es passen. Er geht jedenfalls planvoll vor und erledigt seine Hausaufgaben am liebsten frühzeitig.

 

Matthias und der Kickschuh

Seit Ende 2011 schreibt Kickschuh-Blogger Matthias „Matze“ Kneifl über seine große Leidenschaft: den Fußball. Gerne greift er dabei besonders abseitige Geschichten auf. Kein Wunder also, dass der studierte Historiker und Redakteur zu Drittligazeiten begann, über die Lilien zu recherchieren und zu schreiben. Ein Resultat: das Taschenbuch „111 Gründe, den SV Darmstadt 98 zu lieben“, das (auch in einer erweiterten Neuauflage 2019) im Schwarzkopf & Schwarzkopf Verlag erschienen ist. Zudem führt er seit einigen Jahren Interviews für den „Lilienkurier“. Genau der richtige Mann also für unsere „Unter Pappeln“-Rubrik!

kickschuh.blog