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Foto: Jan Ehlers

Mit Album Nummer zwei „Tales Of Transit City“ und einem Major-Label-Deal im Gepäck ging es für Okta Logue die vergangenen drei Jahre rund um den Globus. Die Darmstädter spielten Touren in den USA und Kanada, waren im Vorprogramm von Größen wie Portugal. The Man und Neil Young zu sehen und auch die Presse von Spex bis Visions war voll des Lobes für den frischen Psychedelic-Prog-Rock der Vier. Jetzt erscheint „Diamonds And Despair“ – eine Platte geprägt von Veränderungen: neuer Sound, neue Besetzung. Das P traf Benno, Robert, Philipp und Max, um über Beats, MGMT und die Flucht aus der Retro-Schublade zu quatschen.

 

Das P: Sechs Jahre sind seit dem letzten P-Interview vergangen. Damals ging es noch um Eure Deutschpunk-Vergangenheit und vor allem um den neuen Namen.

Robi: Ja, das war eines unserer ersten Interviews überhaupt.

Benno: Genau, das haben wir in Griesheim in Robis Zimmer gemacht. Krass, wie die Zeit vergeht.

Seitdem ist viel passiert. Jetzt erscheint Album Nummer drei – eine Platte, mit der sich wieder viel verändert hat. Vom Sound bis zur Besetzung.

Philip: Ja, gerade in der Zeit, die zwischen dem zweiten und dritten Album liegt, ist mit der Band enorm viel passiert. Diese Veränderung spiegelt sich auch wider. Die ganzen Erfahrungen, die lange Zeit, die wir unterwegs waren …

 

Fangen wir mit dem Offensichtlichen an: Nicolai ist nicht mehr in der Band. Wie kommt’s?

B: Nick hat uns bereits vorletztes Jahr intern eröffnet, dass er sich das auf lange Sicht nicht mehr vorstellen kann. Er sagte aber ganz klar, dass er total Bock hat, die neue Platte noch mit uns zu schreiben, aber auf keinen Fall mehr damit auf Tour geht. So hatten wir die Chance, mit der Situation umgehen zu können. Und dann kam Max – ein Glücksfall.

Max: Zufällig lernte ich Philipp kennen und wurde gefragt, ob ich nicht Lust hätte aufzuspringen. Für die neue Platte habe ich nur ein Rhodes-Solo eingespielt und Background-Gesang beigesteuert. Das Meiste hat Nick gemacht. Aber wir haben viel und intensiv geprobt und ich kann mich gut mit den Songs identifizieren – es fühlt sich nicht fremd an.

B: Mit Nick sind wir nach wie vor in einem sehr guten Kontakt. Er hat ja auch das Video zur Vorab-Single „One Way Ticket To Breakdown“ gemacht. In der Zukunft wird es bestimmt auch noch weitere Formen kreativen Austauschs geben. Es war auch örtlich nicht mehr einfach, weil Nick in Leipzig wohnt.

 

Schon das erste Stück der Platte macht klar: Hier passiert Neues. Statt an Pink Floyd denkt man an MGMT. Wie haben es Synthesizer und Electro-Beats in Euren Proberaum geschafft?

R: Früher hatten wir viel Orgel-Sound – jetzt hatten wir einfach Bock auf eine Weiterentwicklung. Hing auch damit zusammen, dass Nick sich viel mehr mit Synthesizern beschäftigt und das aktiv eingebracht hat. Wir merkten, dass wir in diese Richtung – auch experimentell – geil arbeiten können. Wir haben nichts mehr ausgeklammert. Alles war möglich. Bei jedem Song. Früher hätten wir nie mit einem programmierten Beat gearbeitet.

P: Wobei wir auch schon auf der ersten Platte leichte Elektro-Parts hatten.

B: Stimmt!

P: Wir haben schon immer mit so was rumgespielt. Jetzt ist es prägnanter. Es ging einfach darum, auch mal was anderes zu machen. Das Ergebnis ist eine total vielseitige Platte. Es gibt Nummern mit tanzflächen-orientierten Beats, die ins Bein gehen – da hatten wir Bock drauf. Auf der anderen Seite gibt es absolute Space-Outs, die es früher auch nicht so gab, weil wir es uns nicht getraut haben. Diesmal war das Motto: Let it all go, let it happen!

Alle [nach ehrfürchtiger Stille ob der weisen Worte, halb am Totlachen]: Kannst Du das bitte als Überschrift nehmen?! Das ist saugeil!

 

In die Retro-Schublade kann Euch jetzt auf jeden Fall niemand mehr stecken. Nix mehr mit Papas Plattenkiste …

Alle [aufgebracht und durcheinander]: Diese Retro-Schublade wollten uns alle immer aufdrücken! Das kam immer von oben herab. „Oh ja, da kommen die kleinen Jungs“, die „jungen Blues-Veteranen mit Papas Plattenschrank“. Das hat einer geschrieben mit der Plattenkiste – und dann stand das überall!

B [lacht]: Das war fies!

R: Nur, weil die uns einmal gefragt haben, ob wir auch irgendeine Platte über unsere Eltern entdeckt hätten. Und klar, das ist auch so, aber das heißt ja nicht, dass der ganze Musikgeschmack von den Eltern geprägt ist.

P [grinst empört]: Diese Presse-Schweine!

B: Zu Deiner Frage …

R: … was war die Frage?

 

Weg von Papas Plattenkiste …

B: Genau! Raus aus dem Rock und rein in den Club!

P: Das hat damit, glaube ich, gar nicht so viel zu tun. Die Platte ist auch knackiger. Wenn man viel unterwegs ist, merkt man, dass man statt der ein oder anderen elegischen Nummer auch mal was spielen kann, was …

B: … was nach vorne geht!

 

Habt Ihr dennoch eine Aufbruch-Platte geschrieben? Im ersten Song heißt es: „Get out of town / Move on“. Als die Band gegründet wurde, wart ihr teils erst 14 Jahre alt – seid Ihr jetzt erwachsen geworden?

B: Definitiv. Die Texte sind noch ein Stück persönlicher geworden. Dann fallen Zeilen wie die von Dir genannte natürlich sofort auf. Und den Gedanken dahinter hast Du auch schon richtig erkannt. Wobei es keine bewusste Überlegung war. Es hat sich einfach ergeben.

 

Das dritte Album zu schreiben, ist für Bands oft eine Herausforderung. Das Debüt schüttelt man meist aus dem Ärmel, die zweite Platte knüpft daran an und bei der dritten geht’s ans Eingemachte.

P: Das Debüt schüttelt man wirklich einfach aus dem Ärmel.

B: Ich fand die Zweite fast schwieriger. Jetzt wissen wir, was unsere Stärken sind, was wir wollen. Bei der Zweiten waren wir noch mehr am Suchen.

B: Es war diesmal mit viel mehr Tüftelei verbunden. Wir haben uns intensiv mit den Arrangements auseinandersetzt, Proben mitgeschnitten, vorproduziert. Mit dem Material haben wir immer weiter Sachen ausprobiert, bis alles gepasst hat. Das neue Album ist soundtechnisch eine klare Weiterentwicklung.

 

Und das passiert alles auch noch in einer Garage in Griesheim?

B [euphorisch]: Genau!

Euer Label führt Euch nämlich nicht mehr als Darmstädter, sondern als hessische Band. Ist die aktuelle Entwicklung auch ein Loslösen vom Lokal-Kontext?

R [lacht sich schlapp]: Wir haben uns langsam aus dem Darm gelöst!

Wenn wir eins lieben, dann Fäkalhumor!

B: Nee, das hatte einfach nur praktische Gründe. Wenn ich ein Interview gegeben habe, sagte ich, dass ich in Frankfurt lebe, wir aber in Griesheim [das Griesheim bei Darmstadt!] proben. Manche Magazine haben dann Frankfurt-Griesheim draus gemacht. Nick ist mittlerweile in Leipzig, Max ist aus Wiesbaden. Robi wohnt in Griesheim und Philipp ja auch nicht wirklich in Darmstadt. Wir sind einfach in Rhein-Main verteilt. Trotzdem ist es so, dass sich Darmstadt als unsere Base anfühlt.

P: Ist es ja auch gewesen, in unserer Gründungsphase. Aber klar, es stimmt schon, was Du meinst …

B: Wir sind aber immer noch eher eine Darmstädter Band als ’ne Frankfurter Band.

P: Wir sind aber auch keine Band, die hauptsächlich in der lokalen Musikszene unterwegs ist. Im Gegenteil. Wir machen ja eher sehr selten noch in Darmstadt Station.

 

Hat sich das vielleicht auch damit gelöst, dass Ihr gerade mit Album Nummer zwei international unterwegs wart: England, USA und Kanada?

P: Sicherlich. Man löst den Blick, ob man das jetzt will oder nicht. Im gleichen Atemzug, wenn man als Band viel unterwegs oder im Studio ist, verliert man den Bezug zur lokalen Musikszene.

B [grinst ganz besorgt]: Leute, Ihr müsst doch wissen, mit welchem Magazin wir gerade reden! Nix Falsches sagen!

R: Oh oh!

P [lacht]: Kannst Du bitte noch mal zurückspulen?

Nix gibt’s! Das wird die Headline!

P: Nee, das ist auch gar nicht böse gemeint.

B: Ich weiß schon noch ungefähr, was hier abgeht und finde vieles spannend und gut.

 

Aus der Nummer kommt Ihr nicht mehr raus, Jungs! Jedenfalls: In der Darmstädter Musikszene werdet Ihr weiterhin auch als die Band wahrgenommen, die es „geschafft hat“.

B: Es gibt einige jüngere Leute, die wir treffen, die so alt sind, wie wir damals waren, als wir angefangen haben. Die kommen zu uns und sagen: „Hey, das ist voll cool, dass Ihr das so macht. Ihr habt uns inspiriert, auch so ’ne Band zu starten, und weil Ihr da seid, wo Ihr seid, glaube ich auch daran, dass ich das mit meiner Band schaffen kann. Obwohl ich aus der hessischen Provinz bin.“ Das ist natürlich großartig!

P: Auf jeden Fall! Wenn wir hier sind und in Darmstadt spielen, dann merken wir auch immer, dass wir hier unsere Wurzeln haben. Wir spielen hier unsere größten Konzerte …

 

Wo soll es denn mit der neuen Platte hingehen? Was sind Eure Erwartungen und Hoffnungen? Zu Album Nummer zwei ist richtig viel passiert, das letzte Quäntchen Glück im richtigen Moment hat aber noch gefehlt, damit das „dümmste Hobby der Welt …“

R [grinst über beide Ohren]: … zum schönsten Beruf der Welt wird!

B: Das wünscht man sich natürlich immer. Es geht immer viel um Glück. Wie viele Platten kennt man von Bands, die man total krass feiert, die aber nie den Sprung geschafft haben. Wir haben große Erwartungen an die Platte und würden uns natürlich sau freuen, wenn wir noch größer werden könnten. Gleichzeitig haben wir durch die sieben, acht Jahre als Band auch diesen Druck verloren. Wir machen auch weiter, wenn alles so bleibt, wie es ist. Wir machen dieses Ding zusammen. Wenn es passiert, ist es toll. Wenn nicht, machen wir trotzdem weiter.

P: Wir machen Musik, weil wir diese Musik lieben und machen wollen, und sind dankbar, wenn wir das entsprechende Feedback von den Leuten da draußen bekommen, die unsere Platte hören, unsere Konzerte besuchen. Und wie jede Band sind wir froh, wenn es einen Schritt nach vorne geht. Weil es dem Aufwand der Platte entsprechen würde und es ein tolles Gefühl ist zu sehen, dass der Aufwand, den man betreibt, nicht ins Leere läuft, sondern irgendwie auf Feedback von Leuten stößt.

 

Dann hoffen wir mal, dass das, was vor sieben, acht Jahren mit dem Einmotten Eurer Slime-T-Shirts begann …

B [mit glänzenden Augen]: … ansonsten wird das Slime-T-Shirt wieder ausgemottet und an den „Lui“ gestellt!

 

Dankeschön für das Gespräch.

 

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„Diamonds And Despair“ erscheint am 15. April 2016

Okta Logue live

Maifeld Derby Festival mit James Blake, Daugther, Dinosaur Jr., Algiers, Okta Logue und vielen, vielen mehr.

Mannheim | 03. bis 05.06. | Tagestickets ab 47 Euro | www.maifeld-derby.de

www.oktalogue.com

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