Foto: Jan Ehlers

Triorität wurden für ihren modernen Jazzentwurf bereits mit dem Darmstädter Musik(förder)preis ausgezeichnet. Anfang November veröffentlicht die Band, bestehend aus Alexander Hoffmann (Drums), Gerrit Ebeling (Keys) und Grégoire Pignède (Bass), ihre erste LP namens „ALG0“, die den Jazzsound aus den Fängen von Warteschleifenmusik und frickeliger Hochkultur befreit und ihn stattdessen mitten auf der Tanzfläche exponiert. Wer [vor Corona] schon mal eine Show der Darmstädter Band besucht hat, der weiß, dass es sich hierbei um eine höchst körperliche Erfahrung handelt: Schweiß tropft von der Decke, während Haare durch den Raum geschleudert werden. Umso gespannter sind wir auf die erste LP der drei Musiker, die uns im Interview mit ihrem musikalischen Wissen beeindrucken.

In Eurem Pressetext findet man „Metal Fusion Dancefloor Jazz“ als wohlklingende Genrebezeichnung für Eure Musik. Was hat es damit auf sich?

Gerrit: Dancefloor Jazz kam tatsächlich aus dem Publikum.

Alex: Ich glaube, das kam direkt von Lukas Lehmann. Und es passt ja auch super zu der neuen Platte mit der ganzen elektronischen Influence, bisschen mehr Beat, bisschen mehr Four on the floor. Dancefloor Jazz ist auf jeden Fall der prägendste Ausdruck.

Grégoire: Das Wort „Jazz“ ist ja immer ein schwieriges Erbe. Viele Leute verbinden etwas mit Jazz, mit dem wir uns gar nicht unbedingt identifizieren. Wie wir uns connecten, wo wir spielen und in welchen Kontexten, hat erst mal mit der Jazzszene relativ wenig am Hut. Dennoch sehen wir uns natürlich im Erbe: Was wir machen, ist ja durchaus aus der Jazztradition entstanden. Jazz und Dancefloor, das ist für die meisten erst mal „Hä!?“, weil man nicht unbedingt erwartet, dass man zu Jazz tanzen kann oder dass Jazz im Clubkontext funktioniert. Was war der Rest vom Begriff noch mal?

 

Metal Fusion!

Grégoire: Fusion ist ganz einfach der Begriff, von dem wir herkommen. Also Fusion Jazz. Wir haben einfach so übelst viele Influences und wollen HipHop, Breakbeat, Drum’n’Bass, Techno und Dubstep in unseren Sound inkorporieren. Metal war natürlich eher ein Witz, aber irgendwo ist es auch geil, weil wir echt extrem laut spielen.

Alex: … es ist häufig übelste Drescherei, gerade bei der letzten Nummer auf dem Album: „Inelegant Peeing“. Irgendwie ist es halb ernst, halb Witz.

 

Ihr habt eben schon kurz auf Eure vielfältigen Einflüsse hingewiesen. Erzählt doch dazu noch ein wenig mehr.

Gerrit: Der Grundstamm bei Alex und mir kommt aus unserer Kindheit. Ich war besonders bei den Keys sehr durch meinen Vater geprägt, es gibt von Donny Hathaway dieses Live-Album, das lief superhäufig bei uns daheim und da ist extrem viel hängengeblieben – auch unbewusst. Eigentlich kann man sagen, dass ich mit Kopfhörern und solcher Musik auf die Welt gekommen bin. Die „Crusaders 1“ mit Joe Sample am Piano ist noch so eine einflussreiche Platte. Und dann natürlich die krassen Fusion-Nummern, „Nuclear Burn“ von Brand X mit Phil Collins an den Drums zum Beispiel.

Grégoire: Als ich dazu gestoßen bin, waren die Anhaltspunkte dann eher Weather Report, Mahavishnu Orchestra, Herbie Hancock oder Chick Corea. Die ersten Jahre haben wir eigentlich nur so Mucke nachgespielt und hatten gar keine eigenen Songs.

Gerrit: Wir haben eher die Grundstrukturen der Songs genommen und dazu improvisiert, da hat schon viel von uns drin gesteckt.

Grégoire: Und wir haben auch richtig verkopften Shit gemacht, mit krummen Rhythmen und so.

Alex: Wir wollten uns das Leben mal so richtig schwer machen und schauen, wie kompliziert wir werden können. [Alle lachen.]

Grégoire: Aber wenn wir abgehangen haben, dann haben wir auch viel elektronische Musik gehört, viel HipHop und besonders J Dilla. Damals kam eigentlich immer irgendwann der Dilla-Moment. Wir haben uns zuerst mit der ganzen L.A.-Szene um Flying Lotus und Thundercat beschäftigt, dann kam die ganze London-Szene, wie zum Beispiel Yussef Kamaal. Wir haben das alles immer aufgesogen und aus all den Einflüssen unsere eigenen Tunes gebastelt. In Jazz-Clubs sind wir nicht so häufig gegangen, sondern waren eher zusammen feiern. Und dann stehst du im Club, bist geflasht und sagst dir: So Musik will ich mit meiner Band auch spielen.

 

Noch mal zu Euren Anfängen. Wie seid Ihr denn eigentlich dazu gekommen, eigene Songs zu schreiben?

Grégoire: Wir wurden gezwungen!

Gerrit: Es hat eigentlich mit einem Anruf beim Alex angefangen: „Hier, horsch emal, junger Freund, Sie haben das Darmstädter Musikstipendium gewonnen.“ Das war im Herbst 2017, bis dahin hatten wir noch keine einzige eigene Nummer komponiert. Als wir dann das Geld erhalten haben, hat Alex gesagt, dass wir damit eine Platte aufnehmen – ohne das vorher mit uns abzusprechen.

 

Und dann kamt Ihr aus der Nummer nicht mehr raus?

Gerrit: Genau! Unser guter Freund Lukas Lehmann, der schon für uns produziert hat, wies uns darauf hin, dass Songs nachspielen urheberrechtlich kompliziert ist und gab uns den Tipp, lieber was Eigenes zu machen. Wir haben das Lui Hill Studio hier am Hauptbahnhof gebucht – und dann war die Deadline da und wir mussten in zwei, drei Wochen eine kleine EP an den Start bringen.

 

Hattet Ihr vorher schon Erfahrung mit Songwriting? Wie hat das dann so spontan geklappt?

Grégoire: Meistens hat einer von uns beim Jammen oder beim Üben allein daheim eine supersimple Idee. Dazu kann man dann gut jammen, wir nehmen einfach alles auf und schauen uns danach zusammen an, welche Stellen wir geil finden. Manchmal ist da auch tagelang gar nichts dabei. Aber damit das unser Sound ist, muss die Idee aus einem Jam entstehen. Am Anfang ist ein gewisses Grundarrangement meistens da. Wir nehmen dann die Schnipsel, die uns gefallen, und fügen die zu fertigen Stücken zusammen. Der Grad von Struktur und Arrangement ändert sich auch von Song zu Song. Manchmal geht es eher um den Vibe und darum, ins Studio zu gehen, ohne die Sachen vorher zu überproben, damit noch Platz für Improvisation da ist – Raum, der gefüllt werden kann.

Gerrit: Es entsteht sehr viel aus dieser extremen Symbiose von uns dreien. Wir spielen einfach schon so lange zusammen. Mit Alex spiele ich schon 20 oder 21 Jahren zusammen, vor acht Jahren kam dann Greg dazu [Zwischenruf: Shit!]. Schon unsere Väter haben damals zusammen in einer Band gespielt, vor allem auch dieselben Instrumente. Wir wurden praktisch schon mit dem „Maxi-Cosi“ in den Proberaum von unseren Vätern mitgenommen [Alex und Gerrit sind übrigens Cousins].

 

Ich hab das Gefühl, dass Jazz bei den coolen Kids wieder in ist und es mit Superstars wie Kamasi Washington auch mal auf ein Cover schafft. Wie seht Ihr die Entwicklung und profitiert Ihr davon am Ende auch?

Grégoire: Der Sound des Jazz war ja niemals weg, sondern er wurde in Clubmusik, Disco oder HipHop gesampled. Gerade entsteht aber wieder eine enorme Lust an dem ganz besonderen Vibe von Livemusik. Bestimmte Künstler wie Kendrick Lamar haben ja auch bewusst ihre Plattform verwendet, um die Musiker aus dem Hintergrund zu holen. Kamasi Washington hat zum Beispiel bei Snoop Dogg gespielt, da hat sich noch niemand für ihn interessiert. Dann gibt es auch Radio-DJs wie Gilles Peterson, die bewusst in London auf die Szene und neue Strömungen aufmerksam machen. Das bringt den Jazz in eine super Position und es hilft den Musikern aus dem Purismus. Man traut sich, endlich wieder Mucke zu spielen, die man wirklich fühlt, und ist weit weg von so einem … [denkt kurz nach]

Gerrit: … überproduzierten Plastik!

 

Wie kam es denn zur Kollaboration mit Lukas Lehmann, Ihr scheint ja sehr vertraut?

Alex: Eine Ex-Freundin von mir hat bei Lukas‘ Eltern mal ein Praktikum gemacht, da haben wir uns auch kennengelernt. Er hatte damals sein Studio im Keller seines Elternhauses und ich bin dann natürlich direkt mit runter und wir haben erst mal Mucke gehört. Wir waren direkt auf einem Nenner und haben Flume oder Bassnectar gefeiert. Wir haben uns dann immer häufiger getroffen und durften bei seinen „The Big Beat“-Veranstaltungen oder beim Schlossgrabenfest auch immer mal live dazukommen. Diese Kombi mit Livemusik war natürlich für DJ-Veranstaltungen immer ein Sahnehäubchen.

 

Und das kam direkt gut an?

Alex: Übertrieben, die Leute sind direkt ausgerastet. Durch die ganze Vorgeschichte war dann auch klar, dass wir „ALG0“ bei ihm und Philipp Rittmannsperger im Lui Hill Studio aufnehmen. Lukas spielt auch auf zwei Tracks selber Synths beziehungsweise Vocoder und unterstützt uns manchmal auch live. Oder beim Videodreh jetzt am letzten Samstag.

 

Was hat es damit denn auf sich? Könnt Ihr schon etwas erzählen?

Grégoire: Es gibt in Frankfurt das Jazz Montez [Ableger vom KV Familie Montez]. Gerrits Freundin hat uns auf einen Facebook-Post hingewiesen, in dem eine Band für einen Videodreh gesucht wurde, um die veranstaltungsfreie Corona-Zeit zu überbrücken. Die fanden uns und unseren Vibe auch direkt super und haben dann vorgeschlagen, den „Georgio“-Track mit Lukas auf dem Dach des Städel Museums zu filmen. Und das Städel hat überraschenderweise zugesagt, was eine absolute Ausnahme ist.

Alex: Es wurde sogar eine Drohne eingesetzt und das ist schon krass mit den ganzen runden Kreisen [Glasscheiben im Dach]. Als wir dann die ersten Snippets gesehen haben, waren wir von der Professionalität geschockt – das passt gar nicht unbedingt zu uns! [Alle lachen.] Das ist schon eher Hollywood-Kendrick-Lamar-Niveau.

Gerrit: Aber für den Trash-Aspekt haben wir direkt am darauffolgenden Tag ein eigenes Video mit Nelson (Nepumuk) gedreht. Das wird dann eher lustig, mit Seifenblasen, Sportbändern und Kinderinstrumenten.

 

Lustig ist ein gutes Stichwort. Wenn man sich die Trackliste von „ALG0“ anschaut, findet man Titel wie „Death Pacito“, „Bonopo“ oder „Inelegant Peeing“. Gibt es zu den Song auch Geschichten oder ist das eher Blödelei?

Gerrit: Helge Schneider hat uns schon sehr geprägt vom Humor. Aber gerade bei Songtiteln sind wir komplett auf einem Nenner, die sollten nicht so serious und steif sein. Wir labern einfach auch sehr viel Schrott und dabei entstehen tolle Nonsense-Titel.

Grégoire: Manchmal sind es auch einfach nur Versprecher, dafür bin ich häufig der Experte. Es ist aber auch viel Situationskomik, wir haben schon eine dadaistische humoristische Seite, die ist manchmal in der Musik schwer rüberzubringen, uns aber total wichtig. Sonst wird es schnell abgehoben und zu künstlerisch. Deswegen versuchen wir durch Songtitel und Plattencover ein bisschen Selbstironie reinzubringen, denn das ist ja auch ein Teil unserer Persönlichkeit.

 

Ihr veröffentlicht das Album über Euer neues eigenes Label Ouvo. Wie kam es dazu, dass Ihr ein eigenes Label gegründet habt?

Grégoire: Das ist ein super Zeitpunkt, um mal Luca aka DJ Ion zu erwähnen, der auch auf unserer Remix-EP vertreten war. Luca ist ein guter Freund aus Leipziger Zeiten, der uns immer unterstützt und auch mit unserem ersten Label connected hatte. Eigentlich bei unserem ganzen Unternehmen.

Gerrit: Das klingt aber ganz schön kapitalistisch! [Alle lachen.]

Grégoire: Auf jeden Fall hatten wir mit Luca immer mal wieder über ein eigenes Label geredet. Natürlich herrschte da auch erst mal Skepsis, denn es ist ein großer finanzieller und organisatorischer Aufwand und auch ein Risiko, weil Strukturen fehlen, die ein gestandenes und etabliertes Label bieten kann. Bei den Verhandlungen haben wir uns dann aber nie komplett wohl gefühlt, manchmal waren es die Leute, manchmal der Katalog. Und wir hatten gerade mit unserem ersten Label leider nicht die besten Erfahrungen gemacht.

Gerrit: Wir bringen auch alle verschiedene Kompetenzen mit ins Label ein. Ich hab‘ eine kaufmännische Ausbildung, Alex hat über seinen Papa viel Ahnung von Finanzamt-Kram und Greg kümmert sich um die Kommunikation.

Grégoire: Letztlich dachten wir, dass wir lieber klein anfangen und organisch wachsen. Was nicht heißt, dass wir keine Kollaborationen mit anderen Labels machen, wir erscheinen jetzt auf einer Compilation und planen eine Platte mit Nepumuk, der ja schon ein gewisses Standing hat. Und im Endeffekt sind wir einfach saumäßig glücklich damit, uns vor niemandem außer uns selbst und DJ Ion verantworten zu müssen.

Das sind doch tolle Aussichten und Schlussworte. Ich bedanke mich für das super Gespräch und hoffe, wir sehen uns bald wieder auf einem Dancefloor in Darmstadt!

 

Triorität live – und auf Platte!

FÄLLT AUS: Release-Konzert im Jagdhofkeller | Fr, 06.11. | 19 Uhr | 10 € (Tickets: im Restaurant Belleville)

Die Debüt-LP „ALG0“ (44 Minuten lang, 8 Tracks) könnt Ihr anhören und kaufen über:

trioritaet.bandcamp.com

facebook.com/trioritaet

instagram.com/trioritaet

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