Abbildung: Stadtarchiv Darmstadt
Abbildung: Stadtarchiv Darmstadt

Wenn man auf der Rheinstraße stadteinwärts Richtung Luisenplatz fährt, wundert man sich als Ortsfremder zunächst über die breite Straße und die architektonischen Sünden, die rechts und links die Straße säumen. Auch die Innenstadt der Heiner-Metropole besticht nicht gerade durch schöne alte Fachwerkbauten. Der Grund dafür liegt in der sogenannten „Brandnacht“ vor 70 Jahren.

Am 11. September 1944 kam der Krieg, der fünf Jahre zuvor von Deutschland seinen Ausgang genommen hatte, mit voller Wucht nach Darmstadt zurück. Innerhalb einer halben Stunde vernichteten britische Bomber die gesamte Innenstadt, Tausende Darmstädter kamen in den Flammen qualvoll ums Leben.

Prägendes Ereignis der Stadtgeschichte

Bis heute weiß man nicht genau, wie viele Menschen in dieser Nacht gestorben sind. „Die Zahl der Opfer kann nur vermutet werden, weil viele bis zur Unkenntlichkeit verbrannt sind und nicht identifiziert und auch nicht vermisst wurden. Knapp 6.000 Opfer sind namentlich erfasst, die wahre Zahl dürfte bei 11.000 oder darüber liegen“, bestätigt Peter Engels, der Leiter des Stadtarchivs. Seiner Meinung nach hat kein Ereignis der Darmstädter Geschichte die Entwicklung der Stadt so nachhaltig geprägt wie die Brandnacht.

Doch warum wurde gerade Darmstadt auf solch auslöschende Weise bombardiert? Ganz klar ist das nicht. Laut Engels zählte Darmstadt gemäß eines Strategiepapiers des britischen Bomber Command vom November 1943 neben anderen Städten zum Zielgebiet „Upper Rhine“, einer von acht mit Vorrang zu bombardierenden Regionen in Deutschland: „Vielleicht wurden diese Regionen einfach nach und nach ‚abgearbeitet‘, und irgendwann war dann auch Darmstadt an der Reihe“, so Engels. Weit verbreitet aber von offizieller Seite ebenso wenig bestätigt ist die Theorie, Darmstadt sei aufgrund der ähnlichen Stadtstruktur eine Art Generalprobe für die Bombardierung Dresdens gewesen.

„Nur politisch, nicht wissenschaftlich“ könne die Frage beantwortet werden, ob es sich um Kriegsverbrechen gehandelt habe. Engels: „Juristisch ist dies niemals wirklich erörtert worden – und historisch kaum endgültig zu bewerten.“ Klar sei hingegen, dass sich die Debatte um die Brandnacht in den letzten Jahrzehnten verändert hat: In den ersten Jahren seien die Ausgebombten immer als unschuldige Opfer gesehen worden, die Brandnacht selbst wurde praktisch ausschließlich als unglaublich tragisches Geschehen beurteilt, erläutert der Chef-Archivar. In den vergangenen Jahren sei immer stärker der Aspekt hinzu gekommen, dass die Deutschen sich die Leiden der Bombenangriffe durch ihre eigenen Angriffe gegen die Zivilbevölkerung überall in Europa selbst zuzuschreiben hätten.

Die Brandnacht in der Erinnerung von Karl Deppert | Abbildung: Kunstarchiv Darmstadt
Die Brandnacht in der Erinnerung von Karl Deppert | Abbildung: Kunstarchiv Darmstadt

Zahlreiche Veranstaltungen

Aus Anlass des 70. Jahrestags der „Brandnacht“ gibt es rund um den diesjährigen 11. September zahlreiche Gedenk-Veranstaltungen. Eine davon ist die Ausstellung „Das Feuer fraß die halbe Stadt“ im Kunst Archiv. Dort sind Bilder von Darmstädter Künstlern zu sehen, die selbst Zeugen der Brandnacht waren und das Erlebte künstlerisch verarbeitet haben. Die Ausstellung ist dem Vereinsvorsitzenden und Galeriebesitzer Claus Netuschil ein besonderes Anliegen. Die Bilder von Karl Deppert, Ernst Vogel, Willi Hofferbert, Annelise Reichmann und Marcel Richter hat er größtenteils selbst zusammengetragen. „Es ist das erste Mal, dass sie in einer Ausstellung gezeigt werden“, betont Netuschil. Das Kunst Archiv verzichte auf eine eigene historische Einordnung der Bombardierung Darmstadts, „die Bilder sollen für sich sprechen“, erläutert Netuschil.

Diskussionen um den richtigen Umgang

Natürlich ist der Jahrestag immer auch Ausgangspunkt für Diskussionen über die Bewertung der Bombardierung. Die Darmstädter Geschichtswerkstatt beispielsweise beteiligt sich bewusst nicht an den Veranstaltungen, wie die Vorsitzende Hanni Skroblies betont. Ihrer Meinung nach solle natürlich der Toten gedacht werden. Aber es müsse eben auch eine historische Einordung vorgenommen werden: „Vor der Bombardierung gab es eine durch weite Teile auch der Darmstädter Bevölkerung geduldete und unterstützte Rüstungspolitik, Terror und Mord gegen die jüdische Bevölkerung sowie einen Raub- und Vernichtungskrieg.“ Skroblies sieht vor allem in der selektiven Darstellung der Ereignisse die Gefahr, dass zukünftige Generationen den Eindruck erhalten könnten, vor allem die Deutschen seien Opfer gewesen. Dies aber sei eine gefährliche, die Geschichte verfälschende Legende.

Abbildung: Stadtarchiv Darmstadt
Abbildung: Stadtarchiv Darmstadt

Die Darmstädter Künstlerin Louise Bostanian möchte mit ihrem Projekt „Durmstädter Brandnamen“ andere Akzente setzen. „Durmstadt“ schrieb einst ein britischer Armeeangehöriger auf eine Luftaufnahme der Bombardierung Darmstadts. Es handelt sich um ein kalligraphisches Mahnmal, wie Bostanian es nennt, das die Namen der Getöteten handschriftlich auf einem einzigen Papierbogen zusammenführt. So seien mithilfe historischer Totenlisten aus dem Hessischen Staatsarchiv Darmstadt bereits 4.000 Brandnamen „eingebrannt“ worden: www.brandnamen.info. Das Mahnmal soll bis zum Jahrestag vollendet sein und dann an einem geeigneten Ort in der Stadt ausgestellt werden. Ihr „sozial-ästhetischer NS-Aufarbeitungsansatz“ hat der Künstlerin viel Kritik eingebracht: „Ich plädiere damit für die distanzierte und akzeptierende Multiperspektivität auf alle leidgebundenen Facetten des Damaligen, das heißt auf NS-Opfer- und NS-Täterleid – ohne hierbei die ‚deutsche‘ Täterschaft beziehungsweise Schuld in Frage zu stellen”, verteidigt sich Bostanian. Solche Aussagen werden die Debatte nicht verstummen lassen, denn sie legen nahe, Täter würden mit Opfern gleichgestellt.

Der AStA TU Darmstadt hat mit der Veranstaltungsreihe „Erinnern, Verdrängen, Vergessen“ bereits im zurückliegenden Sommersemester 2014 mit Vorträgen und Filmen einen kritischen Blick auf die gängige Interpretation der Brandnacht geworfen. Die Organisatoren hatten das Ziel den geschichtlichen Kontext der Brandnacht herauszuarbeiten und die Brücke zu heutigem Judenhass oder Hass gegen Sinti und Roma herzustellen. „Unserer Ansicht nach ist das Problem mit der allgemeinen Perspektive auf die Bombardierung Darmstadts nicht die kriegsrechtliche Einschätzung, sondern die isolierte, ahistorische Betrachtung, als plötzliches Unheil, das über die Stadt kam und die sommerliche Idylle vermeintlich grundlos zerstörte“, fasst Franziska Wende vom AStA die Idee zur Reihe zusammen. Während es in der Wissenschaft einen ehrlichen und differenzierten Umgang mit den Geschehnissen gebe, sei diese Sicht in der Gesamtbevölkerung Darmstadts noch nicht angekommen, so Wende.

Die Diskussionen um den richtigen Umgang mit der Brandnacht sind also auch sieben Jahrzehnte nach der Bombardierung in vollem Gange. Und sie werden sicher auch nach dem Gedenktag weitergehen.

 

Die „Brandnacht“, Darmstadts 11. September

11 Uhr Kranzniederlegung, Gräberfeld auf dem Waldfriedhof

17 Uhr Ausstellungseröffnung „Das Feuer fraß die halbe Stadt“, Kunst Archiv Darmstadt (im Literaturhaus, Kasinostraße 3)

18.30 Uhr Ökumenischer Friedensgottesdienst, Stadtkirche

19.30 Uhr Mahnmal, Kapellplatz

20 Uhr Vorführung der Filme „Brandmale“ und „Running with Mum – Der Weg meiner Mutter“ mit anschließender Gesprächsrunde mit Zeitzeugen, Centralstation, Eintritt frei! www.gropperfilm.de/gf/Brandmale.html

20 Uhr Kammerkonzert mit dem Männerkammerchor des Staatstheaters Darmstadt, „Camerata Musica Limburg“ unter Leitung von Jan Schumacher und Lesung von Texten zur Brandnacht von Mitgliedern des Darmstädter Schauspielensembles, im Staatstheater (Kleines Haus)

23.55 Uhr Gedenk-Glockenläuten aller Kirchen in der Innenstadt

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