Foto: Nouki

Noch einmal feiern! Mit einem finalen Konzert ganz im Animalistics-Style, auf der Dachterrasse des Staatstheaters, verabschieden sich Andreas Balles und Sebastian Giebler mit der „Kammerspektakel“-Reihe aus dem Staatstheater.

Seit acht Jahren haben sie dort als Veranstalter-Duo Animalistics („ein Projekt der Kulturmanufaktur Darmstadt GbR) ein buntes Potpourri an Bands präsentiert.

Im Blackbox-Interview blicken sie außerdem auf eine lange Reihe an Veranstaltungen, Konzerten und immer neuen umgesetzten Ideen zurück.

Nun gönnen sich die beiden erfahrenen Kulturschaffer eine Pause, wenden sich aber auch schon anderen Projekten zu.

 

Direkt zum Einstieg: Warum hört Ihr auf?

Seb: Wenn wir ehrlich sind, brauchen wir einfach mal eine Pause. Das ganze Projekt ist mittlerweile neben dem Spaß auch ein richtiges Geschäft geworden. Wir haben das immer als Hobby gemacht, und jetzt schalten wir mal einen Gang zurück. Ich finde es ganz gut, mal eine Weile nicht dauernd was organisieren zu müssen.

Andi: Es gibt natürlich mehrere Gründe. Ich bin zum Beispiel nach Bensheim gezogen. Das ist nicht weit weg, aber trotzdem bin ich jetzt auch nicht mehr ganz so im Geschehen. Und wir werden beide älter. Außerdem ziehen wichtige Menschen weg, die das Projekt geprägt und ermöglicht haben, es ist schwierig, das Team zusammenzuhalten. Und für dieses Team sind wir extrem dankbar, teilweise haben die das jahrelang umsonst gemacht. Unser Grafiker, unser Fotograf, unsere Kontakte ins Staatstheater, unsere Techniker … Die sind Family.

Seb: Und im Staatstheater hätten sich für uns auch die Rahmenbedingungen geändert. Wir wurden da nicht rausgeworfen, wir hätten auch weitermachen können, aber die wollen das auf andere Beine stellen. Ich hoffe nur, dass das Format nicht ganz einschläft. Vielleicht ist es auch mal gut, wenn da was Neues passiert.

 

Ihr habt ja eine lange Geschichte in Darmstadt, und viele verschiedene Locations bespielt. Wie seid Ihr ins Staatstheater gekommen?

Andi: 2013 haben wir das Blumen an die Leute von „DIESE Studio“ übergeben, die es weitergeführt haben. Ich finde es übrigens toll, dass es das Blumen immer noch gibt und der Verein die Zeit überlebt hat, obwohl die jetzt bestimmt schon in der vierten Generation sind. Auf jeden Fall sind die dann in eine alte Schlosserei [in die Hügelstraße] umgezogen und wir dachten so: „Mega geil, wenn wir da mal Konzerte machen können!“ Bei so einem Event hat Roman Schmitz, der damals Kurator der Kammerspiele des Staatstheaters [schräg gegenüber] war, mitbekommen, dass da Leute Bock hatten, Sachen zu machen. Und nach einiger Zeit fragten wir ihn, ob wir nicht auch da mal ein Konzert machen könnten. Wir haben Leyya gebucht – und das war sofort ausverkauft. Roman meinte dann: „Ey, genau so stelle ich mir das vor!“ Und dann haben wir das übernommen. Das war vor sieben oder acht Jahren, und immer ein super Deal. Roman hat das mit uns ausbaldowert, wir hatten keine wirtschaftliche Verantwortung und konnten ganz frei kuratieren.

Seb: Damals war das ja eigentlich eine Werbeveranstaltung, um junge Leute ins Theater zu bekommen. Daher war Teil des Konzepts auch schon immer diese Newcomergeschichte.

 

Wie hat sich das zu Animalistics entwickelt?

Seb: Nachdem wir aus dem Blumen raus waren, haben wir circa ein Jahr Pause gemacht. Dann kam der Kontakt zum Hoffart auf: Meine Frau hat damals dort einen Flohmarkt gemacht, der hieß „Pop und Plunder“. Da wollte man gerne noch eine Band haben, und da hab ich gesagt: „Okay, buchen wir eine Band!“ So hat das angefangen. Irgendwann hat mich Jacob von Jacob and the Appleblossom angerufen, und hat gefragt, ob wir eine Location hätten. Da sind wir direkt wieder ins Hoffart. Damals war das alles noch unkomplizierter, etwas ungeregelter, und man konnte einfach so veranstalten. Da gab es „Animalistics – Culture. Cooking. Concerts.“ noch gar nicht, das Format haben wir dann später gegründet. Ich hab immer gerne gekocht und wir fanden, wir müssen Kochen mit Musik verknüpfen: Vor dem Konzert gab es ein Dreigängemenü, das ich komplett mit meinem Bruder gekocht habe, live und von der Pike auf, für 40 Gäste für je 15 Euro. Dann das Konzert, und im Anschluss noch DJ. Wir haben da extra eine Küche aufgebaut, so ein 60er-Jahre-Teil aus Frankfurt, und eine lange Tafel. Das war ein riesen Akt! Aber jedes Mal ausverkauft. Geendet hat es mit Corona. Das letzte Booking war My Ugly Clementine … Das ist dann mit der Pandemie leider drei Mal ausgefallen. Aber zwei Mal hatten wir sogar Mine da, bevor sie groß war!

 

Was war Dein Lieblingsessen?

Seb: Risotto!

Andi: Wir haben bestimmt 10 bis 15 Events so gemacht, natürlich mit vielen Helfer:innen. Am Ende sind wir immer gerade so auf Null rausgekommen. Das war ne tolle Zeit, das Hoffart ist einfach eine geile, kleine, schnuckelige Location. 2016 haben wir auch die Kulturmanufaktur gegründet. Uns wurde bei der Namenssuche gesagt, dass eigentlich alles egal ist, Hauptsache das Wort „Manufaktur“ kommt vor. [beide lachen.] Und dann war es später so: Die Kulturmanufaktur produziert, Animalistics präsentiert, und das Staatstheater veranstaltet.

 

Und warum „Animalistics“?

Andi: Das Blumen war fertig, nach dem Floralen musste was Tierisches her …

Seb: … und was Minimalistisches!

 

Ihr veranstaltet ja jetzt schon eine ganze Weile Kultur, wie hat sich die Szene in Darmstadt aus Eurer Sicht in den letzten Jahren entwickelt?

Andi: Damals, als wir angefangen haben, hat es in der Stadt richtig gebrodelt. Dauernd sind neue Sachen entstanden, neben dem Blumen zum Beispiel der Osthang und die Bedroomdisco … Irgendwann habe ich dann schon gedacht: Wann ploppt denn wieder mal so eine neue Gruppe auf, die was startet und wo sich längerfristig etwas draus entwickelt?

Seb: Dann hat noch das 603qm damals zu gemacht und ist seit der Wiedereröffnung auch nicht so, wie alle das vielleicht erwartet hatten. Und es gibt auch einfach weniger Räume. Das Hoffart war lange Zeit einfach der einzige Ort, wo man anrufen und fragen konnte: „Habt Ihr einen Termin für uns?“ Und als Antwort kam: „Ja, dann und dann, kostet so und so viel.“ Dort konnte man alles selber machen. Solche Sachen braucht es wieder mehr.

Andi: Momentan ist es auch einfach kein Zuckerschlecken für die Kultur. Alles wird teurer: das Booking, Hotelkosten, Technik … Viele Locations gehen dadurch jetzt verstärkt auf inländische Acts und holen nicht mehr so viel aus dem Ausland, so ist das einfach gerade. Vielleicht dreht sich das auch irgendwann wieder. Unser Vorteil war immer, dass wir das Ganze nie kommerziell gemacht haben, sondern immer als Hobby. Das machen vielleicht momentan nicht mehr so viele Leute, weil einfach alles so viel schwieriger und komplizierter geworden ist. Aber so was kommt ja auch immer in Wellen. Vielleicht gibt’s bald wieder ein Hoch und es ploppt was Neues auf!

 

„Momentan ist es auch einfach kein Zuckerschlecken für die Kultur.“

 

Habt Ihr bei allem, was Ihr macht und gemacht habt, immer einen Art roten Faden in Eurer Arbeit?

Seb: Gute Musik! Und eine gewisse Linie war auch schon immer zu erkennen. Wir haben nicht ganz kreuz und quer gebucht.

Andi: Manchmal war das aber auch nicht so einfach. Beim Staatstheater haben wir einen fixen Termin bekommen und mussten dann nach Acts suchen, da kriegst du nicht immer deine Wunschband. Meistens hat es aber schon geklappt. Und wir haben eigentlich immer versucht, Newcomer zu buchen, die kurz vor dem Durchbruch sind. Manchmal war es vielleicht sogar einen Tick zu früh … Berq war zum Beispiel mal Support bei uns, da hat er „Rote Flaggen“ gespielt, als das noch nicht mal draußen war. Dann war er bei „Ina’s Nacht“ und Böhmermann – und dann ging’s ab. Gute Newcomer zu finden war eigentlich immer das Ziel.

 

Was waren Highlights, die Euch im Kopf bleiben?

Seb: Als wir damals im Hoffart Mine da hatten, das war Wahnsinn. Da sind die Leute aus dem Konzert rausgegangen und alle Kinnladen hingen unten. Damals hatte sie halt auch schon ihr fettes Bühnenprogramm bei uns „geprobt“! Sie war auch 2012 schon mal bei uns im Blumen, damals noch umsonst. Roosevelt hatten wir auch mal da. Das sind schon krasse Erinnerungen.

Andi: Das war schon immer cool zu sehen, wenn jemand bei uns gespielt hat und da noch ganz unter dem Radar war, und dann groß rausgekommen ist. Cordoba78, die jetzt im Juni bei uns spielen, fangen auch gerade an mit Singles, im Sommer kommt erst das Album und Ende des Jahres dann die Tour. Ob die jetzt riesig werden, weiß ich nicht, aber mal so als Beispiel. Während der Pandemie gab es auch tolle Sachen. Weil wir eigentlich gar nichts drinnen machen konnten, ist das mit den Events auf dem Dach entstanden. Und dort machen wir ja jetzt auch das letzte Konzert. Da hatten wir dann mal ein Konzert mit Mädness, der hat auch früher schon mal bei uns im Blumen gespielt. Das war geil, er stand oben in der Muschel und hat runter auf den Platz gespielt. Oder auch auf dem Dach mit Cari Cari, oder Pauls Jets. Dann waren wir auch mal im 806qm mit Voodoo Jürgens, und in der Centralstation mit Ätna, Temmis … Das hab ich damals so richtig gefühlt. Und die Düsseldorf Düsterboys waren auch mal da.

Seb: Neben dem Mädness-Konzert war auch das „BAUWHAT?“-Festival am Staatstheater [auf dem Georg-Büchner-Platz] ein krasses Highlight.

Andi: In der Blumen-Zeit haben auch mal Satelliters bei uns gespielt, so eine Uralt-Combo aus Darmstadt. Die haben danach noch aufgelegt. Und das ist so aus dem Runder gelaufen, dass es super viele Beschwerden gab und das Blumen schließen musste, weil wir damals noch keine Genehmigung hatten, es nur eine Toilette gab und viel zu viele Leute da waren. Dann gab es Rüffel vom Ordnungsamt und wir haben ein dreiviertel Jahr umgebaut. Danach ging’s weiter – und selbst das war irgendwie cool.

 

Ihr konntet Eure Konzerte als Veranstalter also auch genießen?

Beide: Ja!

Seb: Das war im Blumen immer so: Als Veranstalter hängst du den ganzen Tag rum. Erst ist niemand da, dann kommen alle auf einmal rein, und dann: Alle wieder raus. Du machst sauber. Schon wieder vorbei.

Andi: Wir waren immer die Letzten so um fünf Uhr morgens, haben durchgekehrt, dann noch ein Augustiner aufgemacht. Und dann so: „Das war wieder geil!“ Deswegen macht man es.

 

Ich habe jetzt schon rausgehört, dass Ihr es nicht so ganz sein lassen könnt. Was kommt für Euch als Nächstes?

Seb: Ich habe seit ungefähr einem Jahr – zusammen mit anderen Johannesviertel-Enthusiasten – das „Struppi“ in der Landwehrstraße. Ich hatte schon die letzten fünf Jahre Bock, was zu mieten und so als „Jugendraum für Eltern“ aufzuziehen. Da hab ich dann irgendwann die richtigen Leute für gefunden. Wir sind jetzt sechs Familien, haben da ein bisschen renoviert, und vermieten das für 10 Euro die Stunde beziehungsweise 50 Euro am Tag. Der Verein ist gemeinnützig und heißt „Johannescrowd“, das Ding wie gesagt „Struppi“. Weil es gegenüber von Timm’s Café ist. [alle lachen.] Es gibt Ausstellungen, man kann Tischtennis spielen, ab und zu sind Konzerte … Ich hab auch die alte Küche aus dem Blumen wieder drin. Und das wird auch echt ganz gut gebucht!

Andi: Ich versuche jetzt mal, in Bensheim Kultur aufs Land zu bringen – mal gucken, ob das klappt. Ich wohne direkt neben dem alten Rathaus, wo eigentlich noch ein Jugendraum ist, der aber seit der Pandemie leersteht. Da habe ich Anfang Mai einen neuen Verein gegründet und möchte das irgendwie öffnen, mit Programm für Kinder, Spieleabende, Konzerte, Theater, Ausstellungen … Das Gebäude steht an einem total präsenten Ort, die Ecke ist aber tot. Ich mache das, um den inneren Bock zufrieden zu stellen – und natürlich für meine Kids und die Umgebung, für die es kaum Angebote gibt.

Seb: Und es ist auch nicht ausgeschlossen, dass wir irgendwann wieder zusammen nach Darmstadt kommen. So einmal im Jahr müssen wir eigentlich irgend was machen! Wie anfangs gesagt, sind wir sehr sehr dankbar für alle, die an unseren Projekten beteiligt waren und sind. Das ist ein tolles Netzwerk. Sich was zu überlegen, das Telefon in die Hand zu nehmen und zu sagen: „Ich will das und das machen, geht das?“ Und da jemanden zu haben, der sagt „Ja, so und so, das machen wir schon irgendwie“ – und dann läuft die Sache. Das ist so viel wert.

 

„Kammerspektakel“: The Final Show open air

mit Cordoba78 (Wien) + Vandalisbin (München)

Staatstheater (Dachterrasse) | Fr, 19.6. | 19 bis 22 Uhr | 15 €

Win! Win! 2 x 2 Tickets auf p-stadtkultur.de

Cordoba78 | Foto: Laura Reichert

Cordoba78: „Manchmal klingt ihre Musik wie das Ende einer Party, manchmal wie der Anfang von etwas ganz Großem – Cordoba78 ist beides. Lieder über Wut, Liebe, Überforderung und das kurze Glück dazwischen. Über Europa und Partys, brennende Himmel und rote Sofas, über Menschen, die bleiben, und jene, die man loslassen muss – sie erzählen von Vorarlberg, Wien und Europa, von Liebe, Dekadenz und der Suche nach Bedeutung, ohne sie zu finden.“

Vandalisbin: „Macht Musik, die nicht fragt, ob sie reinpasst – sie nimmt sich Raum. Zwischen Soul, Indie-Rock und poetischem, queerem Pop entsteht ein Sound, der ebenso verletzlich wie kämpferisch ist. Auf der Bühne wird das spürbar: Bei Festivals wie dem „c/o pop“, „Oben Ohne“ oder „Kiezkultur“ oder als Support für Acts wie Fuffifuffzich zeigt sich – hier wird nicht gespielt, hier wird gebrannt. Mit einer Stimme, die an Rio Reiser, Chappell Roan oder Faber erinnert und direkt unter die Haut geht.“ (Ankündigungstexte: Animalistics)

animalistics.de