Darmstadt entdecken. Obwohl man schon alles kennt. Oder man neu ist, die Stadt aber gerne abseits der üblichen Touri-Pfade sehen, riechen und fühlen möchte. Das interessiert Alt- wie Neu-Darmstädter, dachten wir uns – und haben die Serie „Stadt(an)sichten“ gestartet. Darin stellen uns ganz unterschiedliche, in der Südhessen-Metropole lebende Menschen ihre vier persönlichen Darmstädter Orte aus ihrer subjektiven Perspektive vor. Jede Folge ist eine andere Persönlichkeit dran – das kann ein Fußballprofi sein, eine Postbotin, ein Straßenreiniger, der Punk vom Lui oder die Ballerina aus dem Staatstheater. Diesmal zeigt uns ein prominenter Exil-Darmstädter seine vier Orte: Nosie Katzmann, besonders in der Euro-Dance-Ära Anfang der 90er ein weltweit erfolgreicher Songschreiber, Produzent und – wie wir nun wissen – der wahre „Mr. Vain“.

Aus Darmstadt weg zog es Nosie Katzmann schon vor Jahren. Erst nach Potsdam, nun nach Battenberg (bei Bad Dürkheim), in die Nähe der „Anonyme Giddarischde“, einer Pfälzer Kult-Band, die er seit 2015 produziert. Nach Südhessen kehrt er gerne zurück, um seine in Griesheim lebende Mutter zu besuchen. Diese „Stadt(an)sichten“ sind für Nosie also in erster Linie eine Zeitreise. Das heutige Darmstadt sei ihm etwas fremd geworden, sagt er. Immer wieder während unseres zweistündigen Stadtrundgangs weist Nosie auf Orte und Gebäude hin, die er mochte, die aber verschwunden sind. Nach wie vor hat Darmstadt für ihn den Makel einer Beamtenstadt, die zu wenig Lebensfreude ausstrahle. „Die Leute in der Pfalz sind relaxter, tiefenentspannter – und lachen viel mehr“, hat Nosie beobachtet. Kopfschütteln verursacht beim passionierten Autofahrer die Stadt- und Verkehrsplanung in Darmstadt: „Was für ein Chaos!“ Ins Schwelgen gerät der ehemalige Georg-Büchner-Schüler erst, als wir den ersten seiner vier Darmstädter Orte erreichen. War und ist ja doch nicht alles schlecht hier.

 

1. Station: Mini Café (und Paradox Studio)

Foto: Jan Ehlers

Die Sonne brennt auf den Luisenplatz hinunter, wir stehen vor dem Mini Café. „Manche dachten, wir wohnen da“, erinnert sich Nosie – und lacht. Zwischen 1990 und 1993 schraubten Songwriter Katzmann und Produzent Torsten Fenslau vor allem nachts an künftigen Euro-Dance-Welthits wie „Mr. Vain“ von Culture Beat, das in elf Ländern weltweit # 1 der Charts war. Der Bass im Paradox Studio hoch oben über dem Pali-Parkplatz, im Dachgeschoss des Hauses Schleiermacherstraße 2, pumpte so laut, „dass praktisch jede Nacht die Polizei kam“. Tagsüber tankte Nosie Energie, im Mini Café um die Ecke. Hier holte er sich Inspirationen für die Texte seiner künftigen Chartbreaker. „Ich schreibe überall, egal, wo ich bin“, betont der Songwriter aus Passion, „aber das Mini Café war damals meine große Quelle“. Hier schaute Nosie – Luther lässt grüßen – den Menschen aufs Maul. Eines Tages wird er hier als „Mr. Vain“ tituliert. „Da war ein nettes Mädel, zu dem sagte ich total angeberisch: ,Wenn ich für Dich singe und Du meine Stimme hörst, verliebst Du Dich garantiert in mich.‘ Ihre Antwort war: ,unmöglicher, eitler Kerl!‘ “ Übersetzt: Mr. Vain. Der Rest ist Pop-Geschichte. Auch die Grundlage des Textes für „Love is all around“ von DJ Bobo lieferte eine Situation im Mini Café: „Es war Winter, 10 Uhr morgens, arschkalt, zwei Typen stritten, daneben eine Mutter mit ihrem Baby, das schrie …“ Nosie textete daraus (übersetzt): „Sieh es in den Augen einer Mutter mit Kind, sieh es in den Augen eines Freundes … Liebe ist überall.“ Ein alter Songwriter-Trick, wie Nosie verrät: „Etwas Negatives in etwas Positives umwandeln.“

 

2. Station: Goldene Krone

Foto: Jan Ehlers

Wir ziehen weiter. Vorbei an der Baustelle Friedensplatz. Vorbei am Schloss und am brachliegenden „Saladin Eck“. Plötzlich bleibt Nosie stehen. „Ahh, die Emma!“, ruft er. Wir stehen vorm Kultur-Multimediahaus Goldene Krone, über dem Eingang prangt das vom Darmstädter Grafiker Claudius Posch wunderschön-schräg gezeichnete Emma-Konterfei. Praktisch seit ihrer Eröffnung 1975 war die Krone das zweite Wohnzimmer des pubertierenden Nosie – bis Ende der Achtziger. „Damals war die Entscheidung: Krone oder Hippo – für mich ganz klar Krone“, erinnert er sich. Mit seinen Bands The Balloons, Head Over Heals oder Pill And The Baby Boom spielte er hier unzählige Konzerte. „200 bis 400, schätze ich.“ Damals habe es in der Krone sogenannte Monatsbands gegeben, die einen Monat lang jeden Abend auftraten. „Dann benannten wir die Band um und bewarben uns wieder als Monatsband“, lacht Nosie. Den Respekt von Türsteher Fred Hill verdiente er sich, als er schnurstracks an einer langen Schlange am Einlass vorbeilief und voller Überzeugung im Vorbeigehen fallen ließ: „Ich gehör‘ zur Band.“ Was an diesem Abend nicht stimmte, „aber danach ließ mich Fred immer einfach so rein.“ Mit einem der beiden Krone-Betreiber, Peter Gleichauf, nahm Nosie sogar zwei Platten auf („Wir wollen tanzen“ und „1000 Küsse“), die aber eher floppten. Der spätere Erfolgsproduzent betont dennoch: „Von der Krone hab ich meine musikalische Sozialisation und meine Rock’n’Roll-Begeisterung. Dort habe ich gelernt, was es heißt, Musik aufzusaugen.“

 

3. Station: Bessungen

Foto: Jan Ehlers

Der P-Redakteur schwingt sich aufs Lastenrad, Nosie und P-Fotograf Nouki nehmen das Auto. Wir treffen uns in Bessungen vorm „Godot“, das Nosie schon mal mit Milli Vanilli besucht hat („Die waren etwas irritiert, weil an dem Abend ausschließlich Männer im Godot am Feiern waren“). Gemächlich schlendern wir zum Eingang der Orangerie. „Ich habe Bessungen immer geliebt“, erzählt Nosie dabei. „Ein wunderbarer Ort.“ Aufgewachsen ist der Wahl-Battenberger im Roquetteweg. Später, nach den Hits, kaufte er sich eine Villa im Steinbergviertel, ging gerne im „Wilhelminenhof“ essen, dann zu „Pino’s“ oder ins „Godot“ – und durch die Orangerie nach Hause.

 

4. Station: Georg-Büchner-Schule

Foto: Jan Ehlers

Die Wahl der vierten und letzten Station dieser „Stadt(an)sichten“ fällt Nosie Katzmann nicht ganz leicht. Erst möchte er ins Weststadtcafé fahren. „Da habe ich einen Kraftort, draußen, die dritte Bierbank links, da saß ich oft nachmittags und textete … ganz in Ruhe.“ Dann entscheidet er sich doch für „eine tolle Schule mit coolen Lehrern“: die Georg-Büchner-Schule. Hier drückte Nosie ab der fünften Klasse die Schulbank. Lieblingsfächer hatte er keine: „Mir lagen keine Fächer, mir lagen Lehrer.“ Ein „Launenmensch“ sei er damals gewesen – obwohl er viel mit Freunden auf der Lichtwiese abhing und Gitarre spielte. „Ich habe erst in der zwölften Klasse gemerkt, dass ich das mit der Schule für mich mache.“ Die Erkenntnis kam zu spät, das Abi ließ Nosie sausen. Die Nächte und die vielen Auftritte in der Krone und auf Schulfeten hatten ermüdende Spuren hinterlassen. „Mich hatte der Rock’n’Roll längst ergriffen.“ Die Idee, eine Ausbildung zum Kindergärtner zu beginnen, scheiterte daran, dass die Bewerbungsfrist um einen Tag verstrichen war. „Dann eben Gärtner statt Kindergärtner“, dachte sich Nosie und absolvierte eine Lehre bei der Gärtnerei Loos in Bessungen. Anschließend war er an der Technischen Hochschule Darmstadt als Gärtner angestellt. Bis aus heiterem Himmel der Erfolg als Hit-Produzent sein Leben von heute auf morgen in ganz neue Sphären katapultierte.

 

Erfolgsmensch Nosie

Nosie Katzmann hatte mehr als 40 internationale Charthits, er verkaufte Millionen CDs weltweit und erhielt dutzende Gold- und Platinauszeichnungen. Unter dem Namen Culture Beat veröffentlichten Katzmann, Torsten Fenslau und Jens Zimmermann 1989 den Titel „Der Erdbeermund“, der die Clubs – und kurze Zeit später auch die Charts – rund um den Globus eroberte. Der Erfolg war kein glücklicher Zufall, der Song bildete den Auftakt zu einer beispiellosen Serie internationaler Hits aus der Feder von Nosie. Zwischen 1993 und 1996 hatte der Hitschreiber bis zu acht Songs gleichzeitig in den Media Control Charts, weltweit zeitgleich bis zu zwölf Chart-Titel, darunter Welthits wie „Mr. Vain” (Culture Beat), „More And More“ (Captain Hollywood Project) sowie „Right In The Night“ und „Be Angeled“, das er für Jam & Spoon und Reamonn-Sänger Rea Garvey schrieb.

www.katzmann.de

 

Nosies aktuelles Album

Kahne Katzmann: „I See Signs“

Das Pop-Projekt des Bad Dürkheimer Gitarristen Stefan Kahne und des Songschreibers Nosie Katzmann hat im Mai 2018 sein zweites Album veröffentlicht.

Kahne Katzmann live:

Theater Sapperlot, Lorsch | Fr, 19.10. | 20.30 Uhr | 26 €

www.kahnekatzmann.de

 

 

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