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Foto: Jan Ehlers

Da startet einer in die Tiefe des Raums zwischen Deep House und Borussia Dortmund. Noch erscheint sein Name auf Plakaten und Flyern meist in zweiter Reihe – als Support für landesweit bekannte House- und Techno-DJs. Aber schon im Oktober 2009 spielte er auf 603qm den eigentlichen Hauptact Paul Kalkbrenner fast an die Wand. Daher scheint es nur eine Frage der Zeit, bis Samuel „Sammy“ Maasho als Headliner selbst in der ersten Reihe auftaucht. Seine zweite Leidenschaft gilt dem runden Leder. Also traf sich das P mit ihm am ersten Februar-Samstag zum gemütlichen Sofa-Plausch vor der Glotze zur heiligen Sportschau-Zeit. Tags zuvor gab es nur eine Nullnummer zwischen Dortmund und Schalke. Sammy war dementsprechend leicht angefressen.

Neuer war wirklich gut gestern im Tor bei Schalke.

Samuel: Nerv‘ nicht.

Warum bist Du ausgerechnet Dortmund-Fan? Weil die gerade um die Meisterschale spielen?

Klar, bin erst seit einer Woche Fan. Quatsch. Der Brasilianer Júlio César ist schuld. Der spielte Ende der 90er bei den Borussen. Irgendwann sah ich in der Sportschau, wie der einen Gegenspieler locker-flockig austanzte. Da hatte es mich erwischt.

Aber heute wird Bayern in Köln gewinnen. Davon gehe ich fest aus. Dann wird es noch mal knapp.

Du nervst wieder. [Im Hintergrund plätschert die Sportschau vor sich hin.]

Was war Deine erste bewusste Begegnung mit Musik?

Meine allererste? Das war wohl eine Platte von Bob Marley, die „Confrontation“. Da muss ich sieben Jahre alt gewesen sein. Ich fand das Cover mit dem Drachen toll. Als Teenager stand ich dann zuerst auf MC Hammer und Kriss Kross. Ich trug sogar die Hosen verkehrt rum wie die Jungs von Kriss Kross.

Wann wurde es dann … ernsthafter bei Dir mit der Musik? Was war Deine erste Platte?

Wart mal, wart mal! Elfer!! [Diego wird beim Spiel Wolfsburg gegen Hannover gefoult und schießt selbst. Daneben.] Was ein Depp. Ich hätte den versenkt. Links oben. [schmunzelt] Worum ging’s?

Dein erstes Tor …, ach quatsch, Deine erste Platte natürlich.

„Under mi Sleng Teng“ von Wayne Smith im Jahr 2000. Damals identifizierte ich mich stark mit Reggae und Dancehall. Das war auch die erste Musik, die ich als DJ auflegte. HipHop kam später dazu. Das war um 2005 herum. Meine Anfänge als DJ waren aber ziemlich holprig.

Und wann entwickelte sich Deine Affinität zu House-Musik?

Das hat seltsamerweise ziemlich gedauert. Konnte lange mit House gar nichts anfangen. Wie bei Rotwein. Irgendwann schmeckt er plötzlich. Bei mir war es ein Gig von Loco Dice im damals noch existierenden Room 106. Da hat es „Klick“ gemacht und ich habe die ganze Nacht durchgetanzt. [Bayern geht in Köln gerade in Führung.] Samuel [leicht geschockt]: Blödes Beispiel. Ich mag eigentlich gar keinen Rotwein. [Gomez schießt für die Bayern das zweite Tor.] Samuel [ernüchtert]: Ich hasse Rotwein sogar.

Ab 2008 tauchst Du dann die ersten Male als House-DJ auf.

Erst nur mit sehr kleinen Gigs im Level6 und 603qm. Mein Durchbruch, zumindest was Darmstadt angeht, kam dann wirklich mit dem Support für Paul Kalkbrenner. Danach sprachen mich noch Wochen später wildfremde Leute an.

Ist es nicht ernüchternd, oft nur als Support für vermeintlich große Namen ran zu dürfen?

Kommt drauf an. Am liebsten spiele ich vor und nach einem Live-Act, wie bei Kalkbrenner. Da bin ich quasi für Start und Landung zuständig. Man führt die Leute zum Höhepunkt und holt sie da auch wieder ab. Der Zeitraum ist dann besser abgegrenzt. [Köln erzielt den Anschlusstreffer. Hoffnung keimt auf.]

Wie baust Du ein DJ-Set auf?

Letztlich ist es ein einziges langes Musikstück ohne Punkt, aber mit vielen kaum hörbaren Kommas. Man sollte zurückhaltend beginnen und sich langsam steigern. Gleich aufs Tempo zu drücken ist zumindest bei einem House-Set unpassend. Das muss sich entwickeln, die Leute müssen behutsam eintauchen und sich darin immer mehr verlieren können. Wie in einem meditativen und hypnotischen Akt. Wenn dann der DJ die Dosis fast unmerklich, aber stetig steigert, beginnt die trancehafte Euphorie bei den Leuten. Und dann in Wellenform immer anheizen und leicht abkühlen. [Köln gleicht aus. Sammys Puls steigt in Wellenform.] Du gehst als guter DJ mit Deinem Publikum eine Art Beziehung ein. Fast schon sexuell. [kurzer Seitenblick zum P] Rein metaphorisch natürlich. Man trägt als DJ eine Verantwortung. Die Leute wollen tanzen und ausflippen. Und ich habe die Möglichkeit, sie dazu zu bringen, aber auf meine ganz eigene Art und Weise. Das ist ein verdammtes Privileg. [Köln spielt die Bayern schwindelig und geht 3:2 in Führung. Sammy dreht durch.]

Wäre das jetzt der sexuelle Höhepunkt in einem DJ-Set?

BORUSSIIIIAAAAAAA !!!!

[das P in Sorge] Sammy?

Samuel [schnauft]: Ja?

Was kommt nach dem Höhepunkt?

Die Tabelle.

Also wie die Zigarette nach dem Sex. Und wie sieht das in einem DJ-Set aus?

Ich liebe vor allem das letzte Viertel einer DJ-Nacht. Die Leute sind schon selig und überhitzt, und ich führe sie dann in langsameres Fahrwasser und beruhige ihren Puls wieder. Das Glücksgefühl bleibt, aber die Betriebstemperatur normalisiert sich. Umso besser schlafen die dann.

Und träumen von Dir?

Oder vom P.

Bist Du eigentlich gebürtiger Heiner?

Nein, geboren wurde ich in Eritrea. Aufgewachsen bin ich aber in Seeheim-Jugenheim.

Wie beurteilst Du die Darmstädter Club- und DJ-Szene?

Es hat sich in Darmstadt wirklich eine gute Szene mit vielen neuen DJs gebildet, auch wenn es derzeit wieder leicht abflaut. Im Level6 und 603qm gibt es fantastische Nächte. Und es passiert auch beständig mehr im Schlosskeller. Ich liebe vor allem die Bass-an-der-Freud-Veranstaltungen zusammen mit Thomas Hammann und Pee Mastah Poo. Gerade Thomas bewundere ich als DJ. Nicht zu vergessen Gerd Janson. Die haben mich immer mehr zum Deep House geführt, also der tiefgründigeren und innigeren Variante von House-Musik.

Du legst mit Laptop, also MP3s auf. Warum kein Vinyl, wie es viele Puristen fordern?

Vinyl ist auf Dauer einfach zu teuer für mich. Und bei MP3s kann man eben online viel leichter nach Perlen tauchen. Fehleinkäufe sind da seltener.

Jetzt steht Deine erste eigene Produktion an.

Ohne eigene Produktionen hast du fast keine Chance, außerhalb der Region auflegen zu dürfen. Ich habe zwar mal in Spanien gespielt, aber das war die Ausnahme. Du wirst erst wahrgenommen, wenn du eigene Tracks anbieten kannst. Es hat fast zwei Jahre gedauert, bis ich das technische Know-how dazu hatte. Im April werde ich aber jetzt endlich zwei Stücke auf Basti Piepers „Herz ist Trumpf“-Label veröffentlichen.

Ob Sammys Borussia wirklich Meister wird, werden erst die nächsten Wochen zeigen. Sammys eigene DJ-Saison verspricht schon jetzt große Erfolge. Der Weg zur Champions League der DJs ist weit, aber der Kerl hat verdammt viel Talent. Da hätte Neuer an den Decks keine Chance.

www.facebook.com/SamuelMaasho

 

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