Foto: Nouki Ehlers, nouki.co

Das Fotografieren ist seine Leidenschaft. Eine Digitalkamera hängt um seinen Hals, als wir Walter Schels im Hessischen Landesmuseum Darmstadt zum Black-Box-Gespräch treffen, kurz vor Eröffnung seiner Ausstellung „Walter Schels. Fotografien“, die noch bis 08. Januar 2023 dort zu sehen ist. In unregelmäßigen Abständen macht er Fotos von der Interviewszene – „für mich, als Souvenir“, wie er klarstellt. Walter Schels fotografierte viele bekannte Persönlichkeiten, wie Angela Merkel, Arnulf Rainer, Campino oder den Dalai Lama. In seinen Arbeiten offenbart er die komplexe Mimik und Körperhaltung von Mensch und Tier oder er untersucht gesellschaftliche Perspektiven. 1936 im bayrischen Landshut geboren, arbeitete Schels zunächst als Schaufensterdekorateur in Barcelona, Kanada und Genf, ehe er nach New York ging, um Fotograf zu werden. Zurück in Deutschland machte er sich als freier Fotograf schnell einen Namen. Ab 1975 arbeitete er für Zeitschriften und Magazine wie „Eltern“, „Elle“ und „Stern“, er fotografierte große Kampagnen für die Lufthansa, Jägermeister oder die Bundesbahn. Seit 1990 lebt und arbeitet Walter Schels in Hamburg.

 

Herr Schels, Sie wurden ja gerade von unserem Fotografen Nouki Ehlers fotografiert. Wie ist das für Sie, als Fotograf selbst fotografiert zu werden?

Na ja, es ist immer komisch, weil man nicht weiß, was dabei herauskommt. Ich habe ein unsicheres Gefühl, wenn ich fotografiert werde. Oft wird dabei irgendeine unkonzentrierte Mimik gezeigt, die einfach unpassend ist. Das Foto, was Nouki jetzt gerade gemacht hat, hat allerdings einen anderen Anspruch, es ist ja eher ein Situationsbild.

Ab 1975 hatten Sie als Modefotograf Aufträge von bekannten Zeitschriften, wie kam es dazu?

Eigentlich wollte ich ja Modefotograf werden. Von der Mode kam ich gewissermaßen her, bis dahin war ich Schaufensterdekorateur. In New York habe ich bei Modefotografen assistiert und wochenends mit Modellen an meinem eigenen Portfolio gearbeitet. Das war am Ende ganz ordentlich. Aber ich bin kein Modefotograf! Ich selber bin null modisch. Im Gegenteil, ich fühle mich geniert, modisch zu sein. Ich habe schnell gemerkt, dass das nicht meine Welt ist, und ich habe dann auch nicht lange Mode fotografiert. Interessant fand ich aber den Austausch mit den Modellen, den Menschen hinter der Mode. Ich bekam mit, wie sehr manche unter dem Stress der Schönheit leiden. Das ist der Unterschied zu dem, was ich echte Fotografie nenne.

Parallel haben Sie Ihr künstlerisches Werk entwickelt …

Ja, immer!

Wie begann das bei Ihnen mit der „echten Fotografie“?

Mein Geld habe ich lange Jahre hauptsächlich mit Werbefotografie verdient, oft zum Beispiel mit Tierfotos. Die Werbeaufnahmen sollten in der Regel in Farbe sein. Aber ich hatte immer Kameras mit eingelegtem Schwarz-Weiß-Film dabei und habe parallel meine eigenen Bilder fotografiert, sodass es dem Art Director nicht auffiel. So sind meine ersten Tierfotos entstanden.

Inwieweit funktioniert die Übermittlung von Mimik und Gestik in der Schwarz-Weiß-Fotografie besser und wäre sie auch in Farbe denkbar?

Das ist Geschmackssache. In der Porträtfotografie mag ich keine Farben, denn dadurch wirkt alles so medizinisch. Außerdem kann ich Farbfotos selbst nicht entwickeln und bearbeiten. Ich habe ein Schwarz-Weiß-Labor und da kenne ich mich aus. Farbe ist so selbstständig, nimmt so viel von der Kraft weg.

Wie sehen Sie die digitale Entwicklung der Fotografie?

Die digitale Fotografie ist ganz einfach die Gegenwart und die Zukunft der Fotografie. Mit all ihren unbegrenzten Möglichkeiten. Wäre ich heute noch Auftragsfotograf, würde ich selbstverständlich alles digital fotografieren. So aber nutze ich meine digitale Kamera mehr zum Herumknipsen. Bei allem, was mir wichtig ist, arbeite ich analog, weil ich die Technik beherrsche. Die analoge Fotografie erfordert eine ganz andere Disziplin und Konzentration. Ich schaue mehr, bevor ich abdrücke. Das sieht man auch an den Ergebnissen.

Kommen wir auf Ihre Serie „trans*“ zu sprechen, die Sie aktuell noch weiter verfolgen …

An diesem Langzeitprojekt arbeite ich seit 2013. Im Prinzip ist es eine unendliche Geschichte. Die Jugendlichen kommen zum ersten Mal in mein Studio, wenn sie mit der Hormonbehandlung anfangen. Die geschlechtsangleichende Operation kann aber erst mit dem 18. Lebensjahr durchgeführt werden. Für diese Jugendlichen ist das kein leichter Weg. Sie lehnen sich in ihrem ursprünglichen Körper ab. Das Leid, sich in einem fremden Körper zu fühlen, kann ich nach all den Jahren noch immer schwer nachempfinden. Aber das Thema der Selbstablehnung ist mir durchaus vertraut.

In welchem Rhythmus sehen Sie die Jugendlichen?

Manche einmal im Jahr, manche öfter, manche seltener. Zwei der Transjungen, die ich als Teenager zum ersten Mal porträtiert habe, kamen jetzt mit ihren jeweiligen Partnerinnen zum Fototermin. Für viele beginnt das Leben eigentlich erst, wenn sie in ihrem neuen, „richtigen“ Körper angekommen sind.

Wie nehmen Sie Kontakt zu den Jugendlichen auf?

Über einen befreundeten Arzt in Hamburg, der meine Arbeiten kennt. Als Endokrinologe behandelt er seit Langem diese Jugendlichen. Er fragte mich, ob ich Lust hätte, einige seiner Patienten auf ihrem Weg fotografisch zu begleiten. Ich habe zugesagt. Bei dem Projekt arbeite ich mit meiner Frau, der Journalistin Beate Lakotta zusammen, sie ist für die Interviews und Texte zuständig. Mit ihr zusammen habe ich auch mehr als ein Jahr lang Menschen im Hospiz begleitet.

Sie begleiten den Menschen in den Extremsituationen des Lebens. Wie kam es im Gegenzug zu den Tierporträts?

Ich bin mit Tieren groß geworden, mit einem Hund, Katzen, Hühnern, Schweinen. Ich hatte fünf Geschwister, und es war wirklich kein Geld da. Das waren ganz andere Zeiten. Während des Krieges musste man Tierhaltung melden und Eier, Milch und so weiter abgeben. Wir hatten den Keller zum Saustall umfunktioniert, dort hatten wir heimlich zwei Schweine, ein paar Kaninchen und Hühner. Unsere Katzen waren nicht zum Spielen da, sondern zum Mäusefangen. Als Kind waren für mich die Tiere die besseren Freunde als die Menschen. Ich habe mit ihnen mitgelitten, wenn ein Schwein geschlachtet wurde oder wenn meine Großmutter eine Gans mit dem Kochlöffelstiel gestopft hat, damit sie schneller fett wurde.

Diese Nähe kann man ja auch auf die Körperlichkeit beziehen. Wie nah kamen sie zum Beispiel dem Löwen, als Sie ihn fotografierten? Stand der Ihnen direkt gegenüber – und wie kam es überhaupt dazu?

Den Löwen habe ich 1990 im Auftrag der Schweizer Bank Leu fotografiert, im Studio. Sein Dompteur stand immer daneben, und ich habe durch ein Gitter hindurch fotografiert. Da war ich schon sehr vorsichtig. Acht Jahre zuvor hatte ich mit der Großbildkamera einen Pandabären im Gehege im Berliner Zoo fotografiert, ohne Gitter. Der Bär hat mich angefallen und schwer verletzt. Ich lag zwei Monate im Krankenhaus. Das hat mich aber nicht davon abgehalten, weiter Tiere zu porträtieren. Bei allen Farbaufträgen hatte ich parallel meine Schwarz-Weiß-Kameras dabei. Ich habe immer zweigleisig gedacht und gesehen.

Zusammenfassend interessiert Sie dabei immer das, was hinter der Fassade, hinter der aufrechterhaltenden Optik steckt – richtig?

Ja. Ich mochte die Werbefotografie nie. Es ist so eine klischeehafte, falsche Welt.

Was würden Sie sagen: Sind Tiere oder Menschen schwieriger zu fotografieren?

[Lacht.] Also … es ist schwieriger, Tiere zu fotografieren, weil man ihnen nicht sagen kann, was sie machen sollen, zum Beispiel: in die Kamera schauen. Andererseits ist es mein Ziel, im Porträt eine gewisse Selbstvergessenheit zu zeigen. Das ist bei Tieren leichter. Anders als Menschen denken sie nicht darüber nach, wie sie aussehen.

Was fanden Sie an Joseph Beuys und Andy Warhol so faszinierend, dass Sie gerade diesen beiden Künstlern eine eigene Serie gewidmet haben?

Als ich in den Sechzigerjahren in New York lebte, war Andy Warhol einer der Großen in der Kunst. Die Zeit des Attentats auf ihn habe ich sehr intensiv in Erinnerung. Joseph Beuys habe ich zuerst 1977 auf der „documenta“ in Kassel erlebt, mit seiner Honigpumpe. Mich hat weniger seine Kunst interessiert, vielmehr faszinierte mich sein Mut, mit dem er Materialien wie Filz und Fett oder einen alten VW-Bus als Kunst deklarierte. In New York sah ich dann die große Beuys-Ausstellung im Guggenheim Museum. Zeitgleich zeigte das Whitney Museum Andy Warhol. Das war für mich ein großes Erlebnis. Seither hatte ich den Wunsch, beide zu porträtieren.

Wie kamen Sie an die beiden Berühmtheiten ran?

1980 hatten die beiden eine gemeinsame Ausstellung in einer Galerie in München, wo ich mittlerweile lebte. Es war nicht leicht, zu ihnen vorgelassen zu werden, dabei waren Beuys und Warhol selbst eigentlich unkompliziert. Die Beuys-Serie entstand mit der Kleinbildkamera, während er mit Besuchern in der Galerie diskutierte. Für Warhol bekam ich eigens einen Termin in der Galerie. Da konnte ich auch meine Großbildkamera benutzen, eine Holzkamera mit original Luftdruckobjektiv, ungefähr aus dem Jahr 1900. [Lacht.] Damit hat man Belichtungszeiten von zwei oder mehr Sekunden. Der Porträtierte muss sich ganz ruhig halten, und dabei vergeht ihm auch das Lachen. Das ist mir nur recht, denn das typische Fotolächeln verdeckt das Wesentliche, die Grundtonart eines Menschen. Entscheidend ist für mich der Blickkontakt. Die Augen können das ganze Gefühlsspektrum offenbaren.

Wie viele Kameras besitzen Sie eigentlich insgesamt?

Wenn ich alle zusammenrechne, auch die vielen kleinen und alten Kameras, komme ich auf vielleicht Hundert.

Wow. … Und welche Ihrer Foto-Serien hat Sie persönlich emotional am meisten berührt?

Es sind zu viele! [Denkt kurz nach.] Natürlich die Porträts im Hospiz, die Begegnungen mit Menschen vor und nach ihrem Tod. Das war eine ganz existenzielle Arbeit, sehr dicht, sehr emotional. Aber auch ganz andere Arbeiten. Es gab mal die Kinderzeitschrift „Yps“ mit dem Gimmick. Einer Ausgabe hatte die Redaktion eine kleine Kamera aus Plastikteilen zum Zusammenstecken beigelegt. Mich hatten sie als Testfotografen ausgewählt. Die Kamera hatte keinen Verschluss – praktisch eine Lochkamera. Mit der fotografierte ich im Winter im Englischen Garten in München Kinder und Hunde im Schnee. Die Bilder habe ich später bestickt. Ich liebe meine Bilder aus der „Yps“-Serie sehr, weil sie aus dem Nichts entstanden sind.

Haben Sie eigentlich jemals einen Moment gehabt, in dem Sie keine Lust mehr zu fotografieren hatten?

Nein! … [zögert kurz] Doch! 1975, nach fünf Jahren harter Werbefotografie, kam ich zu dem Schluss, dass das nichts für mich ist. Ich habe mein Studio aufgelöst, habe alles weggegeben und wollte Maler werden. Also kaufte ich eine Kiste Acrylfarben, die ich aber kein einziges Mal öffnete. Dann kam ein Auftrag herein, für die Zeitschrift „Eltern“ Kindermode zu fotografieren. Das reizte mich. Ich wählte keine Kindermodelle, wie sie einem die Agenturen schicken, sondern bin aufs Land gefahren und habe dort selbst Kinder ausgesucht. Der Redaktion gefiel das. Und sie fragten mich, ob ich für sie eine Reportage über eine Geburt fotografieren wollte. Klar wollte ich das. Ich war dann zwanzig Jahre lang Geburtenfotograf für „Eltern“. Bei dieser Arbeit habe ich die Gesichter der Neugeborenen entdeckt. Seither habe ich mich immer mit Gesichtern beschäftigt. Im Grunde habe ich die Fotografie immer geliebt. Bis zum heutigen Tag ist es das größte Glück.

Vielen Dank für das Gespräch und den persönlichen Einblick in Ihre Arbeiten, Herr Schels.

 

„Walter Schels. Fotografien“

noch bis 08. Januar 2023

im Hessischen Landesmuseum Darmstadt

Di + Do + Fr: von 10 bis 18 Uhr

Mi: 10 bis 20 Uhr

Sa + So + feiertags: 11 bis 17 Uhr

Eintritt: 8 €

walterschels.com

hlmd.de/ausstellungen/aktuell.html

 

„Das Grüne Sofa“: Der Podcast des Hessischen Landesmuseums Darmstadt

Elfte Folge: »Der Zufall ist sowieso das Kreativste!«

Der Fotograf Walter Schels im Gespräch mit Dr. Martin Faass, Direktor des Hessischen Landesmuseums Darmstadt

hlmd.de/vermittlung/podcasts.html

 

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