Foto: Fourmat Film

Mit einem besonderen Stoff hat es Darmstadt 98 dieser Tage ins Kino geschafft. Regisseurin Sylvie Hohlbaum sucht in ihrem Kurzfilm „Kutte“ nach einem bestimmten Lilienfan. Sie will wissen, wem eine SVD-Kutte gehörte, die sie vor vielen Jahren – ausgerechnet – in Offenbach auf einem Flohmarkt erstanden hat. Spoileralarm: Die Suche muss in die Verlängerung gehen.

Kutten sind ein Hingucker. Kutten sind ein Statement. Kutten sind ein Lebensgefühl. Ganz gleich, ob aus Jeans oder aus Leder (und ob im Fußball-, Biker- oder Metal-Kontext): Die liebevoll gestalteten Westen sind für ihre Besitzerinnen und Besitzer der Stoff, aus dem ihre Träume sind. Das zeigt der 15-minütige Film „Kutte“ von Sylvie Hohlbaum eindrucksvoll. Ausgangspunkt des Plots ist ein Flohmarkt in Offenbach, den die inzwischen in Hamburg lebende Filmemacherin während ihres Studiums vor rund 30 Jahren besuchte. Dort erstand sie eine alte Fußballkutte. Die Aufnäher auf dem Rücken machen klar: Der ehemalige Besitzer war zweifelsfrei Lilienfan.

Die Kutte als frühe Uniform der Fußballfans

Das Erscheinungsbild der Kutte und die Aufnäher weiterer Fußballklubs lassen darauf schließen, dass sie in den späten 1970er oder frühen 1980er Jahren getragen worden sein muss. Eine Zeit, die mit dem heutigen Fan-Dasein nur noch wenig gemein hat. Das verdeutlicht eine Bilderstrecke in der Januar-Ausgabe des „11 Freunde“-Magazins. Sie zeigt damalige Fußballfans aus dem Ruhrgebiet. Auch bei ihnen sind Aufnäher mehrerer Vereine auf den Kutten zu sehen. Analog zur Metal-Szene, in der die Fans die Patches zahlreicher Bands auf ihre Westen nähten. Erst Anfang der 1980er-Jahre kamen laut „11 Freunde“ Anti-Aufnäher auf den Markt, mit denen die Abneigung gegenüber bestimmten Klubs ausgedrückt wurde.

Der Besitzer der alten Lilien-Kutte hatte solche Aufnäher offenbar nicht zur Hand. Er unterstrich den Hass auf andere Klubs deshalb auf seine Art. Entweder, indem er Wappen rivalisierender Klubs ankokelte, zerschnitt, durchstrich oder ihnen einfach handschriftlich den Tod wünschte. Etwa dem Karlsruher SC, Eintracht Frankfurt und dem 1. FC Nürnberg, ebenso wie dem Erzrivalen aus Offenbach. Ihm wurde überdeutlich auf dem Kragen per Edding das Ableben nahegelegt.

Foto: Fourmat Film
Foto: Fourmat Film

Die Bikerszene als Keimzelle der Kuttenkultur

Hohlbaum fasziniert das einzigartige Kleidungsstück so sehr, dass sie nach all den Jahren beschließt, sich endlich auf die Suche nach dem Träger der Kutte zu machen. Von einem Hamburger Freund, dem gebürtigen Darmstädter und Lilien-Fan Dirk Koppert, bekommt sie den Tipp, den uns allen bekannten Nouki zu treffen: „Der ist Darmstadt. Der kennt alle. Der hilft Dir.“ Gesagt, getan. Die Filmemacherin macht sich auf den Weg nach Südhessen. Der Auftakt für einen Roadtrip, in dem sich Hohlbaum der Entstehungsgeschichte und Bedeutung der Kuttenkultur widmet. Diese war durch Biker aus den USA nach Europa geschwappt und verdeutlichte die Zugehörigkeit zu einer exklusiven Gemeinschaft, einer echten Familie. Auf ihrer Fahrt spricht Hohlbaum mit Kuttenträgern – und solchen, die es werden wollen. Sie trifft in der Pfalz eine herrlich nerdige All-Girl-Mofa-Gang. Und sie besucht natürlich ein Metal Open Air, bei dem ein Kutten-Träger stolz auf eine neben ihm stehende Frau verweist, die sich als seine Mutter entpuppt, selbstredend in Kutte. Ein anderer Festivalgänger schlussfolgert derweil überzeugt: „Wenn Du die Kutte wäscht, dann hast Du eine Macke.“

Foto: Fourmat Film
Foto: Fourmat Film

„Wunderschönes Teil“

Bei all ihren Begegnungen erhält Hohlbaum charmante Einblicke in eine Kultur, die Außenstehenden schrullig bis gestrig erscheinen mag. Überdeutlich wird dabei jedoch, was Kutten für ihre Besitzer sind: ein emotionaler Bezugspunkt und Ausdruck eines ganz besonderen Lebensgefühls. Als Nouki die Lilienkutte zu Gesicht bekommt, gerät er ins Schwärmen: „Yeah, das ist ja geil. Wunderschönes Teil.“ Er zeigt sie Lilien-Präsident Markus Pfitzner, der begeistert ist von diesem zeithistorischen Kleidungsstück. Am Bölle sind Kutten heute unterrepräsentiert. Die Liebe zum Verein zeigt man durch das Tragen der alljährlich neu designten Trikots. Doch einige Lilienfans halten die Kuttenkultur weiterhin hoch. Auch sie trifft Nouki, um den Besitzer der Weste ausfindig zu machen.

Foto: Nouki
Foto: Nouki
Foto: Nouki

„Das machen tatsächlich Kerle“

Doch bei aller Begeisterung für das Oberteil bleibt das Rätselraten um den Besitzer groß. Ein Kind beziehungsweise Jugendlicher könne es gewesen sein. Eine Frau schließt Kutten-Kalli hingegen kategorisch aus. Sie würde die Verwünschungen anderer Klubs niemals auf ihrer Kutte ausdrücken. „Das machen tatsächlich Kerle.“ Da hat er einen Punkt. Zumal ein Lilien-Aufnäher, der eine erhobene Faust zeigt, nachträglich mit einem Schlagring verziert wurde. Immerhin lässt sich die Weste dem Fanklub „Taifun“ zuordnen. Doch auch dort kann heute niemand mehr so recht sagen, wem sie gehört haben mag. Klar ist hingegen, dass die Kutte unfreiwillig den Besitzer wechselte. Nicht umsonst ist sie in Offenbach auf dem Flohmarkt gelandet. Auch der Gründer des OFC-Museums, der die Kutte nur in Handschuhen anfassen mag, geht davon aus, dass sie angesichts des auf ihr ausgedrückten OFC-Hasses von dortigen Fans geraubt wurde.

Wer kennt den Besitzer?

Doch wem gehörte nun das einzigartige Stöffsche? Der Film kann die Frage nicht auflösen. Nach seiner Premiere im Rex vor Weihnachten, wird er Anfang Februar noch mal im Darmstädter Programmkino zu sehen sein (Details: siehe Infobox). Macht Euch also selbst ein Bild und helft Regisseurin Sylvie Hohlbaum und dem Darmstädter Produzententeam Fourmat Film, den ursprünglichen Besitzer zu finden. Denn bei all dem Hass auf damalige Rivalen steckt in ihr und ihrer Entstehungsgeschichte auch ganz viel Liebe. Liebe für den SVD – und Liebe zu einer einzigartigen Fankultur.

 

„Kutte“ läuft noch mal im Rex!

Am Donnerstag, 5. Februar, 19.30 bis 20 Uhr

Im Format „rexKurzfilmgespräch“: 15 Minuten Film plus 15 Minuten Gespräch mit Marie Marxmeier und Nicolas Kronauer von Fourmat Film.

Eintritt: 5 €

Win! Win! 1 x 2 Tickets

instagram.com/kutte_der_film

fourmat-film.de/kutte

Den Trailer findet Ihr hier: https://vimeo.com/1107336555/c27176b311

Grafik: Fourmat Film

 

Wegweisender Februar

So, 1.2., 13.30 Uhr: Hertha BSC – SV Darmstadt 98

Sa, 7.2., 20.30 Uhr: SV Darmstadt 98 – 1. FC Kaiserslautern

Sa, 14.2., 13 Uhr: Eintracht Braunschweig – SV Darmstadt 98

Sa, 21.2., 13 Uhr: SV Darmstadt 98 – Fortuna Düsseldorf

Fr, 27.2., 18.30 Uhr: Dynamo Dresden – SV Darmstadt 98

sv98.de

 

Matthias und der Kickschuh

Seit Ende 2011 schreibt Kickschuh-Blogger Matthias „Matze“ Kneifl über seine große Leidenschaft: den Fußball. Gerne greift er dabei besonders abseitige Geschichten auf. Kein Wunder also, dass der studierte Historiker und Redakteur zu Drittligazeiten begann, über die Lilien zu recherchieren und zu schreiben. Ein Resultat: das Taschenbuch „111 Gründe, den SV Darmstadt 98 zu lieben“, das (auch in einer erweiterten Neuauflage 2019) im Schwarzkopf & Schwarzkopf Verlag erschienen ist. Zudem führt er seit einigen Jahren Interviews für den „Lilienkurier“. Genau der richtige Mann also für unsere „Unter Pappeln“-Rubrik!

kickschuh.blog