Matthias Kneifl
Foto: Jan Ehlers

Die Begeisterungswelle über den zweiten Sensationsaufstieg des SV Darmstadt 98 in Folge ist noch nicht verebbt, schon füllen sich nicht nur die Kleiderständer der Sportmodegeschäfte, sondern auch die Regale der Buchhändler mit blau-weißen Produkten. Fast im Wochenrhythmus erscheint ein neues Buch über die „Lilien“. Und der Verdacht liegt nahe, dass ihr Entstehen nicht ausschließlich vom Herzblut des jeweiligen Autors befeuert wird, sondern dass die Verlage mit dem einen oder anderen eilig auf den Markt geworfenen Machwerk einfach mal den schnellen Euro mitnehmen wollen.

Dass dies bei Matthias Kneifls „111 Gründe, den SV Darmstadt 98 zu lieben“ auch so sein könnte, lässt ein Blick ins Herbst-Winter-Programm des Schwarzkopf & Schwarzkopf Verlags befürchten: Dieser scheint der Meinung zu sein, es gebe doch tatsächlich ebenso viele Gründe, 1899 Hoffenheim, RB Leipzig, HipHop, Sachsen, Eisenbahnen oder Computerspiele zu lieben. Und das ist nur ein Bruchteil der neu erscheinenden Titel … Der 38-jährige Autor ist deshalb ein wenig besorgt, dass sein „Lilien“-Buch bei den Hardcore-Fans durchfallen könnte: Klarer Fall von Kommerz- und Erfolgsfan-Verdacht! Dass es aber sehr voreilig wäre, bei dieser Haltung zu bleiben, weiß jeder, der Matthias‘ ambitionierten Fußball-Blog kickschuh.wordpress.com verfolgt. In dem geht es nämlich neben den eher abseitigen Aspekten des „beautiful game“ auch seit Jahren immer wieder um den SVD, und zwar immer fundiert und unterhaltsam. [Das P berichtete; siehe P-Ausgabe 51 vom Februar 2013, Anm. d. Red.].

Wie aber kam der junge Familienvater, der in der Presseabteilung eines IT-Unternehmens arbeitet und an der Bergstraße lebt, auf die Idee, ein „Lilien“-Buch zu verfassen? Matthias erklärt’s: „Mich hat eine Literatur-Agentur kontaktiert, die bewusst auf der Suche nach einem 98er-Blogger für das Buchprojekt war. Meine Leseproben gefielen und so habe ich im Dezember 2014 mit dem Buch begonnen, als der erneute Aufstieg des Vereins bei Weitem noch nicht absehbar war. Außer der 111-Gründe-Struktur hat mir der Verlag auch keinerlei Vorgaben gemacht – nur, dass das Buch im Juni fertig sein musste. Deshalb hab ich auch mitgemacht: Ich hatte ja alle Freiheiten, das Buch so zu schreiben, wie ich es wollte! Den Titel muss man pragmatisch sehen: Eigentlich sind’s 98 Gründe, drei Einwechselgründe und am Ende noch zehn Interviews im Originalton.“

Vom Kickschuh-Blog zum ersten Buch

Einmal in Fahrt gekommen, sprudelt es aus Matthias nur so hinaus: So erfahre ich, dass Mergim Mavraj, dem heute beim 1. FC Köln spielenden Kapitän der albanischen Nationalmannschaft, sein Ex-Verein immer noch am Herzen liegt. Dass Jens Kirschneck vom Fach-Magazin „11 Freunde“ im letzten Jahr schon zu Saisonbeginn den Aufstieg der Lilien prophezeit hat [wahrscheinlich im Scherz, Anm. d. Red.]. Dass Eckhard Krautzun, der die „Lilien“ dreimal trainierte, es beinahe gar nicht zu seinem zweiten Engagement geschafft hätte, da er 1988 auf die später über Lockerbie abgestürzte Unglücksmaschine gebucht war. Und dass der „Über-Heiner“ Peter Schmidt schon seit den 1940er Jahren ans Böllenfalltor pilgert. Um nur einige Interviewpartner zu nennen, die Matthias für das Buch gesprochen hat. Dazu kamen neben der Recherche in Büchern und im Internet zahlreiche Besuche in Archiven, die zu der unglaublichen Anzahl von 719 Fußnoten führten. Das weist den studierten Historiker aus. „Ich wollte alles, was im Buch steht, belegen können. Die Leser sollen ruhig sehen: Da steckt Arbeit drin“, sagt der Blogger nicht ohne Stolz.

Doch was hat Matthias, der wie der ebenfalls von ihm interviewte „Lilien“-Stürmer Marco Sailer aus der Region Hohenlohe stammt, überhaupt dazu gebracht, sich so dezidiert und detailliert mit den Geschehnissen beim SVD zu beschäftigen? „Ich geh seit Gründonnerstag 2000 zu den Lilien. Damals war ich Student hier in Darmstadt und es gab eine Aktion von ,Gold Ei’: Die waren ,Lilien’-Sponsor und boten an, dass die Zuschauer erst nach dem Spiel bezahlen müssten – und auch nur so viel, wie ihnen das Spiel wert war. Ich erlebte ein 0:3 gegen Augsburg, Regionalliga Süd. Es war grottig, außerdem fand ich den Anfeuerungsruf ‚Lilie‘ harmlos und kurios. Die ,Gold Ei’-Aktion war übrigens ein ziemlicher Rohrkrepierer: Die Mannschaft hatte in der ganzen Saison nur vier Heimniederlagen … aber zwei davon waren ‚Eier-Spiele’. Die Zuschauer waren angeblich teilweise so angefressen, dass sie sogar Geld zurückhaben wollten, statt zu zahlen. Im Rückblick verlief mein Einstieg geradezu typisch, denn die 98er sind nun wirklich kein Erfolgsverein. Man muss als Fan hier leidensfähig sein. Das vergisst man in der aktuellen Euphorie-Phase schnell.“

„Man muss als Fan schon leidensfähig sein“

Von da an ging es Matthias wie vielen: Die Stadionbesuche fanden einen festen Platz in seinem sozialen Leben, mit der Oberliga-Hessen-Saison 2003/04 unter Bruno Labbadia verfestigte sich das Fan-Sein noch mehr, und selbst als er 2007 aus beruflichen Gründen ins Rheinland umzog, wollte er auf die Besuche am Böllenfalltor nicht verzichten.

Angesprochen auf ein paar der außergewöhnlicheren seiner „111 Gründe“, kommt er erneut ins Erzählen: Über den (bislang!) einzigen „Europapokal“-Ausflug des Sportvereins 1979, über eine Studie der Universität St. Gallen, die den jüngsten Höhenflug am Bölle wissenschaftlich rational erklärt, über die Hintergründe, die dazu führten, dass Bum-Kun Cha, der „Beckenbauer Asiens“, am „Bölle“ lediglich 78 Minuten im „Lilien“-Trikot absolvierte, und über die Stadion-Hymne „Allez les bleus“, die zuletzt am Hamburger Millerntor beliebter war, als lange Zeit am Böllenfalltor.

Fehlt zum Abschluss unseres faktenreichen Gesprächs noch der Blick nach vorne: Unter welchen Umständen könnten die „tristen Jahre“ des Vereins, von denen im Buch die Rede ist, wiederkehren? Mr. Kickschuh erwidert nach einigem Nachdenken: „Wenn man die Demut, die seit der Beinahe-Insolvenz 2008 herrscht, verliert, wenn man finanziell wieder ins Risiko geht und wenn die Kontinuität auf dem Präsidenten- und dem Trainerstuhl verloren geht.“ Auch zum Thema Stadionneubau hat „Matze“ eine klare Meinung: „Ich würde mir wünschen, dass die Vorstellungen von ,Uffbasse’ und Fan-Bündnis verwirklicht werden. Was hätten denn die Stadt als Eigentümer und der Klub davon, wenn bei langanhaltenden sportlichen Misserfolgen nur noch ein paar Fans hinter den Toren stehen und das restliche Stadion leer bleibt, weil es auf der Gegengerade keine Stehplätze mehr gibt?“

Und wo spielen die „Lilien“ in fünf Jahren? „Hmmm … nüchtern betrachtet sind sie dann ein schlechter Zweit- oder ein guter Drittligist.“ Man sieht: Als „Lilien“-Fan muss man leidensfähig sein. Wobei alle, die schon seit den „tristen Jahren“ ans Böllenfalltor pilgern, Matzes Prognose wohl gar nicht mal als etwas sooo Negatives sehen werden.

 

Kickschuh-Blogger mit „Lilien“-Buch

„111 Gründe, den SV Darmstadt 98 zu lieben“ von Matthias Kneifl

Taschenbuch, 320 Seiten, 9,99 Euro

Verlag Schwarzkopf & Schwarzkopf

Win! Win! Das P verlost hier 3 Exemplare „111 Gründe, den SV Darmstadt 98 zu lieben“.

 

Und noch ein Buch…

„Das Wunder von Darmstadt“ – Ein Buch von Fans – für Fans (Fan– und För­der­ab­tei­lung des SV Darmstadt 98)

Erschienen ist das Buch mit Berichten von Fans, Offiziellen, Spielern und Medienvertretern sowie schönen Schnappschüssen von den Feiern in Bielefeld und Darmstadt in der „Spielmacher“-Reihe des Verlags Edition Panorama. Die 234 Seiten im Hardcover kosten Euch 34,80 Euro.

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