Illustration: Hans-Jörg Brehm

Es mutete an wie ein April-Scherz kurz vor Weihnachten. Vielmehr wie vier April-Scherze. Als Oberbürgermeister Jochen Partsch die vier alternativen Standorte für das von vielen Fans geliebte Böllenfalltorstadion präsentierte, schwankte der kritische Beobachter zwischen „da sollen wohl Lilien-Präsi und DFL beruhigt werden“ und „ach, is’ denn scho’ Wahlkampf?“. Zwei der neuen Standorte – in Eberstadt an der JVA und südlich der B 26 – befinden sich mitten im Darmstädter Westwald. Der dritte am Gehaborner Hof in Weiterstadt (und dort formiert sich schon der Protest, auch auf politischer Ebene). Und der vierte Standort liegt etwa zur Hälfte auf Ackerland in Arheilgen, das 36 Bauern gehört, mit denen man sich bestimmt gaaanz schnell einig wird. Realistischer Weise wird die Lilien-Heimstätte also am Böllenfalltor bleiben. Das P freut sich, hat gleich mal knallhart investigativ recherchiert (Quellen dürfen wir aber natürlich nicht nennen!) und deckt auf: Im Geheimen wird die maximale Pimpung des „Bölle“ geplant, um weiterhin Profifußball in Darmstadt zu ermöglichen! Wir stellen die wichtigsten der geplanten Neuerungen vor.

Sie werden eine wichtige Einnahmequelle der Zukunft sein – auch, wenn wahrscheinlich nur die Hälfte von ihnen belegt sein wird: die 18 Lilien-VIP-Logen. Aus Platz- und Statik-Gründen werden die Luxuskabinen auf dem Dach der Hauptribüne platziert. Sie lagern auf riesigen, mit heißer Luft gefüllten Kissen, um den statischen Druck aufs Tribünendach zu minimieren. Sicher ist auch: Von hier aus wird man einen atemberaubenden Blick aus der Vogelperspektive aufs Bölle-Grün genießen.

Der bisher als VIP-Zelt genutzte Vorbau an der Hauptribüne wird dadurch frei und einfach umfunktioniert: Im Erdgeschoss lädt die Einkaufs-Mall „Bölle-Village“ den Edelfan zum exquisiten Shoppen ein – vor dem Spiel, nach dem Spiel und in der Halbzeitpause. Als Ankermieter bestätigt sind bislang: Swarovski, Lagerfeld und Louis Vuitton. Das Obergeschoss dagegen wird zur Wohlfühloase für Medienvertreter: mit Massage-Sesseln, Champagner-Bar und Lilien-Schrein, der zu jedem Spiel neu dekoriert und beschallt wird von DJ Chromo („Ich glaube an den SVD“). Wohlwollende Berichterstattung inklusive!

Auch die Haupttribüne wird gepimpt: Sitzheizungen – natürlich solarbetrieben – gibt’s für wirklich alle Plätze. Damit die Popöchen auch im Lilien-Winter warm bleiben. Die Ventilatoren für den Sommer spart man sich, da die Hauptribüne zu dieser Jahreszeit sowieso immer angenehm schattig ist.

Am Durchgang zwischen Haupt- und Südtribüne können euphorische wie auch frustrierte Fans in der Speaker’s Corner Sandro Wagner endlich mal Klartext reden – oder visionär fabulieren.

Auch das kulinarische Angebot wird aufgewertet. Die Stadion-Worscht wird künftig mit Blattgold statt Currypulver bestäubt. Außerdem sind über das ganze Stadion verteilt Fressalien-Automaten mit regionalen Spezialitäten aufgestellt: Zieh Dir knackige Essig-Gummern ausm Oorewald, n geiles Handkäs-Grindkopp-Breedsche – oder ne frische Milch von glücklichen Weidekühen. Außerdem eröffnet Da Carlo Eisdiele Nummer 98 in Darmstadt, direkt im Familienblock des Bölle. Pro Eintrittskarte gibt’s ein Bällchen Eis für umme.

Nicht nur bei Fernsehübertragungen stört der leere Pufferblock auf der Gegengeraden optisch total. Doch damit ist bald Schluss, die Leere wird gefüllt mit einem Riesen-Bierfass aus Edelstahl. Von dort aus wird der 4,9-prozentige Gerstensaft unterirdisch über Schläuche gepumpt – natürlich direkt zu den Zäpfhähnen, die in die Wellenbrecher der Gegengerade integriert sind. Einfach zwei Euro einwerfen und sich sein 0,33er-Pils selbst zapfen. Das steht auch nicht so schnell ab! In den Gästeblock werden natürlich keine Leitungen gelegt.

Seines Bieres entledigen kann sich der Gegengerade-Besucher künftig über die Regenwasser-gespeiste Freiluft-Pinkelrinne am oberen Rand der Gegengeraden. Außerdem werden auf Höhe jeder Eckfahne Ökoklos mit Sägemehl (als Toilettenpapierersatz – die gibt’s wirklich!) aufgestellt. Das Sägemehl kann dann auch als Konfetti-Ersatz beim Torjubel eingesetzt werden, besonders gerne gegen Mannschaften wie Red Bull Leipzig, Bayer Leverkusen und VW Wolfsburg.

Analog zum langweiligen LED-Würfel in der Frankfurter Commerzbank-Arena schwebt im gepimpten Bölle die traditionsreiche Dugena-Uhr an Stahlseilen hoch oben über dem Mittelkreis.

Apropos Mittelkreis: Der wird durch einen ausfahrbaren Unterbau, der sich dreht, zur Drehbühne für die Halbzeitshow. Dann schmettern Decubitus („Allez les bleus“, „Heller is schneller“), Milton Fisher („Europapokal“) und Alberto Colucci („Die Sonne scheint“) die wahren Lilien-Alltime-Hits. Da wird jeder Superbowl-Veranstalter neidisch nach Darmstadt blicken!

Bass! Bass! Wir brauchen Bass! Deshalb werden an allen vier Flutlichtmasten fette Soundsysteme à la Galerie Kurzweil und Dubstadt montiert.

Der nach wie vor roughe Charme der Kabinen und Räume in der Haupttribüne wird vergoldet und an Veranstalter authentisch-nostalgischer Boot-Camp-Trainings vermietet. Und Survival-Experte Rüdiger Nehberg spart künftig Reisekosten und dreht hier bald seine neue Doku „Überleben im Haifischbecken Bundesliga“.

Um die Nerven der wehklagenden Anwohner zu beruhigen, wird die Parksituation am gepimpten Bölle maßgeblich verbessert. An der Nieder-Ramstädter-Straße werden Stapel-Parkhäuser (das Smart-Center lässt grüßen!) aufgestellt, die dank ihrer imposanten Höhe gleichzeitig auch als Schallschutz dienen.

Dadurch ist auf dem Parkplatz vor der Böllenfalltorhalle endlich genügend Raum für einen Helikopter-Landeplatz. Eine ganz wichtige infrastrukturelle Maßnahme, um potenzielle Lilien-Investoren aus Quatar, Saudi-Arabien und den USA anzulocken. Oder – noch viel lieber: den frisch gebackenen Lilien-Fan Barack „C U @ the Bölle“ Obama!

Bislang nur ein Gerücht, aber eines, das sich hartnäckig hält: Ein Mann, der sich nur Politiker nennt und aus dem Land der angeblich unbegrenzten Möglichkeiten stammt, wird das gepimpte Stadion volkstümelnde Parolen schmetternd einweihen. Er steigt als Teilhaber in das Geschäft Bundesliga ein, ihm sollen künftig 98 Prozent des SV 98 gehören (wer schert sich heutzutage noch um die 50+1-Regel?). Neuzugänge aus dem Ausland nehmen spürbar ab. Mc Donald’s und Exxon Mobil werden Hauptsponsor – nicht nur der Lilien, sondern aller Bundesligisten. Klingt übertrieben? Ja, stimmt. Vielleicht doch nur ein alternative fact.

So oder so: Uns wird mulmig in der Magengegend bei all diesen Pimpungen und Wirrungen. Gutes altes Bölle, wir vermissen Dich jetzt schon! Und genießen jedes Heimspiel umso mehr.

 

Lieber Zweite Liga?

Sa, 04.03., 15.30 Uhr: Werder Bremen – SVD

Sa, 11.03., 15.30 Uhr: SVD – 1. FSV Mainz 05

Sa, 18.03., 15.30 Uhr: VfL Wolfsburg – SVD

Sa, 01.04., 15.30 Uhr: RB Leipzig – SVD

www.sv98.de

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