Foto: Nouki Ehlers, nouki.co

Darmstadt hat sich zur heimlichen Hauptstadt des Dubstep entwickelt – jener speziellen Art der Bass-Musik, bei der tiefstmögliche Frequenzen (Croyden/London und Jamaika als Referenzen) das Gerüst für Melodie und Rhythmik bilden. 2009 formierte sich das Kollektiv Chrome und organisierte wirklich legendäre Partys im 603qm, Schlachthof Wiesbaden und der Oetinger Villa. Im Jahr 2012 stieß Philipp (DJ Einzman) zur Crew und wurde in Sachen Style, Skillz und Frequenz schnell zu einem der markantesten DJs in Darmstadt. Das P sprach mit ihm über seine Vita, die Historie von Chrome und das neue Label in Zeiten der Pandemie.

 

Kurz zu Deiner Vita und wann Du das erste Mal Dubstep für Dich entdeckst hast …

Ich bin gebürtiger Heiner, 1991 geboren, meine Familie ist aber zugezogen … [zwinkert] Sind hier ja alle bisschen pingelig, ab wann sich einer Heiner nennen darf. Ich war dann erst in der Graffiti-/Skater-Szene, bis ich 2009 auf der ersten Chrome-Party im damaligen 603qm [dem Vorläufer des 806qm] gelandet bin. Walsh aus England legte da auf. Ein absolutes Brett! Alles hat gebebt – das hat mich sofort gekickt.

 

Wann wurdest Du Teil von Chrome?

Damals bei Walsh lernte ich die damalige Crew kennen [siehe Blackbox-Interview in P #23, April 2010], legte zwischenzeitlich aber noch im Team mit Justin Haber als The Germz auf und stieß erst 2012 wirklich dazu. Von damals sind noch Jürgen [Flexomat], Joel, Szym, Kraftma & Kuss Kuss dabei. Olli ist heute Booker im Tanzhaus West in Frankfurt und Dirk [damals Dublic Enemy] macht heute als Phonk D eher House-Musik.

 

Wer ist heute Chrome! Dub?

Neben Jürgen, Joel, Szym und mir sind heute noch LVNT und Capta dabei. Und auf keinen Fall dürfen wir natürlich die Visuals von Kraftma & Kuss Kuss vergessen. Das ist so der harte Kern. Aber drumherum gibt es sicher noch mal 20 bis 30 Leute, die helfen, wenn Bedarf. Das ist ja gerade das Geile: Man macht Partys mit und für Freunde. Im überschaubaren Darmstadt gibt es da auch coole Verbindungen zu anderen Crews wie Uppercut, IDC oder New Sound Order. Alle kennen und supporten sich.

 

Das 603qm war so etwas wie Eure Homebase. Es gab da legendäre Events wie das 2011 mit Benga, einem der absoluten Superstars des Genres. Wie war der Übergang zum 806qm?

Ich stieß ja erst richtig dazu, als das 603qm leider wegen des Gebäudeabrisses schließen musste. Das war schon ein gewaltiger Verlust. Wir hatten dann aber in der Räucherkammer im noch alten Gebäude des Schlachthofs Wiesbaden und vor allem im Keller der Oetinger Villa saugute Partys. Vor allem im hinteren engen Raum des Villa-Kellers war das bei DJ Madd [Ungarn] und Joe Nice [USA] krass. Das ganze altehrwürdige Gebäude hat gewackelt.

 

Ich war da und kann das bestätigen. Der Bass war wie ein rhythmischer Bulldozer, der alles zermalmt. Jede einzelne Körperzelle befand sich in Schwingung. Noch Tage später.

Ich habe noch Kontakt zu Joe Nice, der in den USA und im gesamten Dubstep durchaus eine große Nummer ist. Der schwärmt heute noch von Darmstadt und dem Gig damals. Aber zurück zur Frage. Als das 806qm dann Ende 2018 öffnete, durften wir eine der ersten großen Partys, das landesweit bekannte Tieffrequenz-Festival, dort veranstalten. Das war klasse, dass uns das neue Team wie damals im 603qm sofort als Teil von sich sah. Da hat man dann auch richtig Bock.

 

Aber dann kam Corona.

Bis dahin hatten wir noch sechs richtig gute Veranstaltungen dort, bei denen wir uns mit regelmäßig 200 bis 450 mit den Großstädten Berlin, Hamburg, Köln und vor allem München mit den Local Heroes Schlachthofbronx echt messen lassen können. Aber klar, mit Corona war erst mal Feiern vorbei. Im Mai 2020 haben wir dann die erste Dubstep-Party auf der Online-Plattform twitch.tv gefeiert. Seitdem gab es fünf Online-Partys, bei denen wir zum Beispiel an Silvester von DJ zu DJ und Wohnzimmer zu Wohnzimmer geswitcht sind. Und es schauen von Mal zu Mal mehr zu.

 

Aber dann gibt es ja noch ein ganz neues Baby bei Chrome! Dub: Ihr habt nach zwölf Jahren endlich ein Label.

Ja, das hat echt lange gedauert. [schmunzelt] Die ersten Pläne gab es wohl schon 2010. Egal. Der wirkliche Anlass diesmal war das DJ-Team Abduzidub aus São Paulo, die im Dezember 2019 beim Gig von Gantz aus Istanbul im 806qm als Support auflegten. Die haben dann noch eine Woche bei uns abgehangen, das war einfach großartig.

 

Darmstadt International. Genau unser P-Style.

Ja, genau. Damals haben wir sofort entschieden: Mit den Brasilianern müssen wir was machen. Und so gab es endlich – trotz Corona – im Oktober 2020 unser allererstes Release als Vinyl. Dubstep vermischt mit Baile Funk aus den Favelas Brasiliens. 100 Vinyl gepresst. Nach 48 Stunden ausverkauft.

 

Wow! Gibt es eine Nachpressung oder etwas digital?

Nein. Kein Repress und nichts digital. Einmalige Chance wahrnehmen oder lassen – das war auch so bei unserem zweiten Release im Februar dieses Jahres: Soukah aus Augsburg. Die Platte war nach 34 Stunden ausverkauft. Mit Bestellungen aus 15 Ländern.

 

Gibt es bei Dir noch ein Leben außerhalb Chrome! Dub?

Natürlich, ich habe einen regulären Job, der auch viel Zeit erfordert. Lange Zeit war auch Fußball ein wichtiger Faktor bei mir, als Fan der Lilien. Aber mit Job und Freundin blieb da nicht mehr viel Zeit, als noch gespielt wurde. Heimspiele klar, aber auswärts war dann zu zeitraubend. Mal sehen, was das diese Saison noch wird. Herzblut ist da natürlich immer noch dabei.

 

Wie geht es weiter mit Partys und dem Label?

Online werden wir sicher regelmäßig was machen, bis Corona vorbei ist. Nach der Pandemie aber gleich hoffentlich wieder reale Partys. Beim Label haben wir so vier Releases im Jahr angedacht. Am 07. Mai gibt es das Release von Sam Cosmic aus Amsterdam, der aber eigentlich gebürtiger Darmstädter ist. Wir sind optimistisch.

 

Na, dann aber ranhalten, wer ein Vinyl kaufen will. Ist diesmal wahrscheinlich nach 24 Stunden ausverkauft. Danke für das Gespräch.

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