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Foto: Jan Ehlers

Es sind 1.300 Meter, die für eines der am heißesten diskutierten Themen Darmstadts sorgen – dabei geht es nur um eine kurze Straßenbahnstrecke. Darmstadts Magistrat will den Standort der Technischen Universität (TU) an der Lichtwiese an das Schienennetz anbinden. Doch eine Bürgerinitiative moniert Trickserei sowie ein „unsolides Gutachten“, befürchtet Geldverschwendung und die Zerstörung ihres Naherholungsgebietes. Eva Nehmzow und ihre Tochter Laura haben online 1.231 Unterschriften von Darmstädtern gegen die neue Tramstrecke gesammelt – etwa eine für jeden Meter.

Die Stadt Darmstadt dagegen setzt auf ein weiteres Wachstum der TU am Standort Lichtwiese, weil die Expansionsmöglichkeiten in der Innenstadt ausgereizt sind. Trotz stagnierender Studentenzahlen soll der Wissenschaftsbetrieb in Darmstadt weiter wachsen – vor allem die Forschung. Die Lichtwiese bietet Platz, doch sowohl der Autoverkehr als auch die einzige Buslinie dorthin führen durch das dicht bewohnte Woogsviertel. Die K-Busse aus der Innenstadt sind zu den Kernzeiten so überfüllt, dass nicht selten Passagiere an den Haltestellen zurückbleiben müssen. Eine weitere Erhöhung der Busfrequenz ist zu diesen Zeiten ebenfalls nicht mehr möglich.

Deshalb hat die grün-schwarze Mehrheit schon länger die Anbindung per Straßenbahnstrecke ins Auge gefasst, die umweltfreundlicher, effektiver und bequemer zur TU führen soll. Diese sei relativ einfach mit einer Abzweigung von den Schienen zum Böllenfalltor an der Nieder-Ramstädter Straße schnurstracks Richtung Lichtwiese möglich. Die neue Strecke soll gleichzeitig auch als verbesserte Anbindung des neuen „98er“-Stadions dienen. Einer alternativen Streckenführung durch das Woogsviertel hatte eine Untersuchung deutlich höhere Kosten und Risiken attestiert. Neben der Erhöhung der Kapazitäten sind die Entlastung des Woogsviertels und die Senkung der Umweltbelastung Ziele der neuen Strecke.

Die reine Neubaustrecke, die parallel zum Lichtwiesenweg auf einer acht Meter breiten Trasse mitten auf dem jetzigen Grünstreifen verlaufen soll, umfasst rund 1,1 Kilometer. Außerdem müssen an der Nieder-Ramstädter Straße die Bestandsstrecke und die Haltestelle Hochschulstadion angepasst werden. An der Kletterhalle sowie am Hörsaal- und Medienzentrum sind zwei neue Haltestellen geplant. Das Schlussstück soll aufgrund der Enge am Wirtschaftshof der Mensa eingleisig bis zu einer Wendeschleife verlaufen.

Kontroverse um Baupläne und Kosten

Der plötzliche Gegenwind von Anwohnern gegen diese Pläne traf den grün-schwarzen Magistrat überraschend. Jedoch haben Stadtverwaltung und Heag mobilo mit Kommunikations- und Planungsfehlern den Gegnern die besten Argumente geliefert. Zum einen hatte der Magistrat in einer frühen Phase Kosten von 8,32 Millionen Euro für die Realisierung der Strecke bekannt gegeben. Doch selbst unter günstigen Umständen sind Straßenbahnstrecken selten unter 20.000 Euro pro Meter zu realisieren. Inzwischen gehen vermutlich realistischere Schätzungen von rund 14 Millionen Euro Baukosten aus. Eine solche Kostensteigerung schon vor dem Planfeststellungsverfahren muss Erinnerungen an berüchtigte deutsche Baufehlschläge wecken, auch wenn Georg Hang von der Fraktion Uffbasse keine große Gefahr weiterer Kostensteigerungen sieht, „weil da nix ist“, was zu baulichen Überraschungen führen könnte.

Ein weiterer Fehler: Mit der Voruntersuchung wurde 2013 das Verkehrsplanungs- und Beratungsunternehmen ZIV (Zentrum für Integrierte Verkehrssysteme) beauftragt. Die Bürgerinitiative kritisiert, dass deren wissenschaftlicher Leiter gleichzeitig Angestellter der TU ist. Da aber die TU direkter Nutznießer der Realisierung sei, erzeuge eine solche Vergabe unvermeidlich einen Beigeschmack.

Schwerer jedoch wiegt, dass das Ergebnis der ersten Untersuchung auch von Befürwortern der Strecke als inhaltlich und technisch mangelhaft kritisiert wurde. So mangelhaft, dass eine Neufassung erstellt werden musste. Aber auch diese kann eine grundsätzliche Kritik nicht entkräften: Andere Verkehrslösungen seien gar nicht erst untersucht worden. Georg Hang kritisiert einen „Tunnelblick“ – man habe sich zu früh und einseitig auf die jetzt geplante Lösung festgelegt. Eine Anbindung über den Ostbahnhof zum Beispiel und andere theoretisch mögliche Lösungen, waren nicht untersucht worden – auch um die Dauer und die Kosten der Voruntersuchung gering zu halten. Eva Nehmzow hält das für kurzsichtig: „Nachhaltig gearbeitet wird hier nicht.“ Sie sei nicht grundsätzlich gegen eine Straßenbahnanbindung, wolle aber die Alternativen kennen.

Hinzu kommt, dass die Vertreter der Darmstädter Regierungskoalition den Gegnern bisher die kalte Schulter zeigen statt das Gespräch zu suchen. Eva Nehmzow kritisiert: „Mit mir redet keiner“ – obwohl die Initiative zu einem Ortstermin ausdrücklich Stadtverordnete aller Fraktionen eingeladen hatte.

Konflikte um Wissenschaft und Fußball

Der Streit um die Lichtwiesenbahn ist aber auch Symptom eines viel grundlegenderen Konflikts: Während für die Grün-Schwarzen das Gebiet östlich der Nieder-Ramstädter Straße mit TU und Stadionneubau ein Kernstück der Entwicklung der Stadt darstellt, in der Wissenschaft und Fußball wichtige Faktoren sind, wollen einige Bewohner des Gebietes (vor allem im angrenzenden Steinbergviertel) beides nicht. Für sie ist die Lichtwiese vor allem Naherholungsgebiet und Hundewiese – und da sind Studis wie Fußballfans unerwünschte Eindringlinge in die bürgerliche Idylle. So ist es kaum überraschend, dass viele, die sich gegen die Lichtwiesenbahn engagieren, auch den Neubau des „98er“-Stadions an einem anderen Standort fordern.

Zu solchen Fragen der Stadtentwicklung hat die Kommunalwahl zwar erst kürzlich den Befürwortern sowohl der Lichtwiesenbahn als auch des Stadion-Neubaus klare politische Mehrheiten gebracht. Doch die Gegner der beiden Projekte wollen diese im Zweifel per Gerichtsverfahren scheitern lassen, was zumindest zu zeitlichen Verzögerungen und ungeplanten Mehrkosten führen dürfte. Es geht eben um mehr als nur um Schienen.