Illustration: Daniel Wiesen

Darmstadts Subkultur und Bandszene erfährt zu wenig Unterstützung seitens der politisch Verantwortlichen. Fehlt das Verständnis? Eine kritische Analyse.

Irgendwie ist der Wurm drin. Im Verhältnis zwischen Darmstadts politischen Entscheider:innen und der hiesigen Subkultur. Mal läuft die Kommunikation „auf konträren Ebenen“. Mal sind die Umstände unglücklich und verhindern angestrebte pragmatische Lösungen. Mal herrscht schlichtweg Unverständnis. Und ja, Geld ist aktuell auch keins da. Das P blickt auf ein äußerst durchwachsenes Jahr 2025 zurück.

Nach dem traditionell gemächlichen Januar begann das Stadtkultur-Jahr 2025 mit einem Abschied: Ende Februar quittierte die insgesamt recht unauffällig agierende städtische Kulturreferentin Dr. Gabriele König ihre Tätigkeit für die Wissenschaftsstadt Darmstadt und wirkt seitdem als Geschäftsführerin der Internationalen Bauausstellung Stadt-Region Stuttgart 2027. Ihr Nachfolger, Dr. Philipp Gutbrod, ist zwar ein cooler Jazz-Drummer. Der renommierte Kunsthistoriker wirkt mit seinem Hauptjob als Direktor des Instituts Mathildenhöhe, den er nach wie vor mit vollem Engagement ausfüllt, nach außen aber eben automatisch eher als Sprachrohr der Hochkultur. Nichts liegt dem P Magazin ferner, als Hoch- gegen Subkultur gedanklich gegeneinander auszuspielen (siehe Heftinhalt und Credo!) – dennoch stellt sich hier die Frage: Könnte nicht mal eine Person Kulturreferent:in werden, die für die gesamte Kulturszene (ein)steht? Zudem steht die Frage im Raum: Wie viel kann jemand in dieser Position wirklich bewirken … wie viel Einfluss wird ihr oder ihm vom Oberbürgermeister und Kulturdezernenten Hanno Benz gewährt? Denn Kultur ist in Darmstadt in letzter Instanz Chefsache. Was Hanno Benz nicht goutiert, wird nicht umgesetzt.

Das gilt zwar auch für die Jugendförderung. Doch hier gibt es – neben der Eröffnung gleich mehrerer neuer Jugendzentren – durchaus Positives zu berichten. So bekam die Einrichtung eines Darmstädter Jugendplenums vom OB unzweifelhaft einen Daumen hoch. Das Partizipationsprojekt, in dem 44 junge Menschen zwischen 12 und 17 Jahren die stadtweite Jugend vertreten sollen, hat sich Anfang November erfolgreich konstituiert. „Ich freue mich sehr, dass die vielen jungen Menschen sich aktiv in die Gestaltung unserer Stadt einbringen möchten und hoch motiviert sind“, freute sich Bürgermeisterin Barbara Akdeniz zur Begrüßung. Zum Start wurden sofort sieben Arbeitsgruppen gebildet, unter anderem die AG „Safe Spaces, Awareness und mentale Gesundheit in der Stadt“, die AG Öffentlichkeitsarbeit und die AG „Bildung“. Entscheidend für eine anhaltende Motivation der Jugendlichen wird aber auch hier sein, inwieweit sie ihre Ideen in den Ausschüssen der Stadtverordnetenversammlung, an deren Sitzungen sie teilnehmen dürfen, wirklich einbringen können. Und ob ihre Anregungen zumindest partiell auch umgesetzt werden.

Folgt aufs Jugendparlament der Nachtbürgermeister?

Die Jugend soll nun also ein organisiertes, direktes Mitspracherecht in Darmstadt haben. Den Kulturschaffenden, die das Nachtleben unserer Stadt gestalten, fehlt diese Möglichkeit. Ein Darmstädter Nachtbürgermeister könnte die Interessen der Clubs, Bars, Kneipen und sonstiger nächtlicher Kulturorte vertreten und als moderierendes und Bindeglied zwischen ihnen und der Stadtverwaltung, Anwohner:innen sowie Gästen wirken. Aktuell haben 17 deutsche Städte einen Nacht(kultur)beauftragten: Vorreiter war Mannheim (2018), hier aus der Nachbarschaft setzen sich schon in Mainz, Wiesbaden und Heidelberg Ehrenamtliche oder in Teil- bis Vollzeit Beschäftige für mehr Verständnis und Kommunikation untereinander ein.

Sie wirken damit auch dem Empfinden vieler subkultureller Veranstalter entgegen, zu wenig gehört und nicht (genug) unterstützt zu werden. Eine solche „Koordinierungsstelle Nachtleben“ (Bezeichnung in Hannover) hätte vielleicht auch dafür gesorgt, dass die im 50. Jahr ihres Bestehens auch von der Lokalpolitik mit Lob überhäufte Goldene Krone dank städtischer Unterstützung wieder Konzerte veranstalten kann. So aber musste das Förderprogramm „Plug In“ der Initiative Musik, der zentralen Fördereinrichtung des Bundes für Popularmusik und Jazz, herhalten, um eine neue PA und Lichtanlage finanziert zu bekommen. Chance für ein Zeichen der Wertschätzung vertan, Stadtregierung!

Ende 2025 Geschichte: das Jugendhaus Huette

In manchen Fällen liegt es weniger am Einsatzwillen der politisch Verantwortlichen als an den Umständen. So wie im Falle des Jugendhauses Huette in der Kiestraße, das Ende des Jahres schließen wird. Nach 67 Jahren. Vor allem Bürgermeisterin Barbara Akdeniz kämpfte hinter den Kulissen wie eine Löwin um den Erhalt der offenen Jugend- und Kulturarbeit des ältesten Jugendzentrums in Hessen. Finanziert wurde das Angebot der Jugend- und Kulturarbeit zwar von der Stadt Darmstadt – aber in einem Gebäude und in Räumen sowie unter der Trägerschaft der Evangelischen Kirche. Diese behauptet, das Gebäude sei stark sanierungsbedürftig, der Erhalt der Immobilie für die Kirche jedoch nicht finanzierbar. Selbst das Angebot einer Stiftung, die sich mit einer Spende von 400.000 Euro am Erhalt beteiligen wollte, wurde vom Evangelischen Dekanat ausgeschlagen. Bürgermeisterin Barbara Akdeniz reagierte in der Presse enttäuscht: „Wenn das Dekanat ein wirkliches Interesse gehabt hätte, wäre das gegangen.“ Auch sei das Dekanat nicht bereit gewesen, der Stadt das Gebäude für einen symbolischen Euro zu verkaufen, um den Raum für Jugendliche zu erhalten. Aktuell sucht die Stadt nach einer Lösung, um das Angebot der Huette an einem neuen (innerstädtischen) Ort fortzuführen und zu sichern. Eindeutig ein Fall für: die Leerstandsmanager:innen der Wissenschaftsstadt Darmstadt Marketing GmbH (tolle Arbeit im letzten Jahr! So viele belegende Impulse für die City, das war stark – bitte weiter so!) …

Illustration: Daniel Wiesen

Großes Problem: Fehlende Planungssicherheit

Weil städtische Kulturförderung eine sogenannte freiwillige Leistung ist, gibt es für Darmstädter Kulturvereine, die freie Theaterszene und von Vereinen veranstaltete Musikfestivals zudem ein chronisches Dilemma: Wie soll ich ein Kulturprogramm planen, wenn ich erst hinterher erfahre, ob ich finanziell gefördert werde beziehungsweise in welcher Höhe? Dieses Jahr wurde die Frage nach der finanziellen Unterstützung rekordverdächtig spät beantwortet: Erst am 8. September genehmigte das Land Hessen den Darmstädter Kommunalhaushalt 2025 (und 2026 unter Vorbehalt). Ein strukturelles Problem. Aber für die Kulturschaffenden ein nervenaufreibendes Vabanquespiel. (ct)

OHA Osthang eingefroren

Ein großes kulturpolitisches Thema war 2025 auch das Lahmlegen des OHA Osthang. Was vor über zehn Jahren als temporäres Kulturprojekt am Fuße der Mathildenhöhe begann, hat sich in viele kulturaffine Heinerherzen eingenistet: Der Osthang existiert schon so lange, dass die meisten derzeit Studierenden Darmstadt nicht ohne ihn kennen. Eine Dekade hat der OHA e. V. seinen stetigen, wichtigen Teil zur städtischen Kultur- und Veranstaltungsszene beigetragen.

Die Diskussion um das Aus des Osthangs zieht sich schon nahezu ebenso lange hin – und kommt nun zu dem Punkt, der Saison um Saison hinausgezögert wurde: Der Osthang weicht dem Bauprojekt Besucherzentrum Mathildenhöhe, das im Rahmen des UNESCO-Weltkulturerbe-Titels errichtet werden soll. Das Vorhaben wird nach wie vor ambivalent diskutiert: Unter anderem Die Linke, UFFBASSE und UWIGA/WGD kritisieren, es sei zu teuer für eine stark verschuldete Stadt wie Darmstadt, es nehme dem Osthang die kulturellen Örtlichkeiten weg, das Projekt sei nicht nachhaltig. Zudem sei es fragwürdig, einen so großen Neubau zu planen, wenn in naher Umgebung „so viele leere und hervorragend nutzbare“ Gebäude stünden. Die Stadt weicht von der Planung nicht ab, auch nicht nach vielen Gesprächen mit dem OHA e. V. in der Vergangenheit und den von der Initative „Osthang Bleibt“ organisierten Unterstützer-Demos im letzten Jahr.

Die immer wieder vorgetragene Begründung, dass der Osthang stets nur als temporäres Projekt geplant war, könnte man seiner immensen Akzeptanz und Relevanz in der Bevölkerung und der Kreativszene gegenüberstellen, die der Kultur-Ort entwickelt hat. Verstetigungen solcher im Ursprung temporärer Projekte, die sich mit einer Stadt entwickeln und auf Bedürfnisse reagieren und sich dadurch etablieren, sind an anderen Stellen extrem erfolgreich. Gute, nachhaltige Stadtentwicklung funktioniert auf diese Art. Dennoch soll der Osthang nach Beschluss der Stadtverordnetenversammlung – angeführt von der aus Grünen, CDU und Volt bestehenden Regierungskoalition – weichen.

Illustration: Daniel Wiesen

Geplanter Neustart in der Weststadt

Es soll allerdings eine Alternative geben: Die Stadt stellt dem OHA e. V. in naher Zukunft ein Grundstück im Industriegebiet an der Mainzer Straße zur Verfügung – mietfrei und zeitlich unbegrenzt. Dorthin kann auch die Main Hall umgezogen werden. Stadt und OHA-Verein stehen hierzu im Austausch miteinander. Bei Redaktionsschluss waren allerdings noch keine Verträge unterzeichnet.

Das vom OHA e. V. unabhängige Bündnis „Osthang Bleibt“ steht dem geplanten Umzug sehr kritisch gegenüber: Sprecherin Leonie sieht hierin „eine fatale Entscheidung“. Ihrer Meinung nach gehört der Osthang dort hin, wo er sich entwickelt hat – in den Umkreis der Mathildenhöhe, deren Grundgedanke in der Entwicklung des Ortes und Projekts „stetig weitergedacht“ wurde. Ihn einfach an einen anderen Ort zu versetzen, erachtet sie als quasi unmöglich – Charakter und Funktionalität ließen sich nicht einfach an einem anderen Ort reproduzieren. „Wie mit dem Osthang umgegangen wird, ist ein falsches Signal in Richtung Zukunft“, stellt „Osthang Bleibt“ klar. Kritisiert wird auch, dass das neu zu bauende Gebäude nicht den UNESCO-Werten entspräche, die unter anderem Partizipation, Integration lokaler Akteur:innen und Nachhaltigkeit umfassen. Man fragt sich, warum ein kulturell so aktiver und erfolgreicher Ort, der Raum für unterschiedlichste Gruppen und Nutzende bietet und verbindend wirkt, ausgerechnet in der aktuellen Zeit mit so wenig Wertschätzung behandelt und de facto aufgegeben wird. Und man fragt sich auch, warum dieser Ort den Sommer 2025 über nicht kulturell bespielt werden durfte, obwohl noch gar keine Bagger rollten. Der Osthang wurde eingefroren, damit er nicht zu aufmüpfig würde – so scheint es.

Fast schon im Gegensatz zu „Osthang Bleibt“ blicken Vertreter:innen des OHA e. V. gespannt positiv in die Zukunft. Ein zeitlich unbegrenzt nutzbarer Ort bietet ganz neu zu entdeckende Möglichkeiten, die 22-Uhr-Sperrstunde bildet vielleicht bald keinen so engen Rahmen mehr, und in der neuen Umgebung gibt es Potenzial spannender Kooperationen mit Nachbar-Locations wie dem Weststadtcafé oder dem Ponyhof. „Eine schwere Aufgabe wird natürlich, die Menschen an den neuen Ort zu bringen, der viel abgelegener sein wird“, räumt Kassenwart Robin Fertig ein und spielt damit – unbewusst – auch auf die fehlende ÖPNV-Anbindung an. Das könne aber auch eine spannende Aufgabe sein und Chancen bieten, neue Konzepte zu entwickeln.

Fazit zur OHA-Thematik: Es bleibt zu hoffen, dass die Transformation dieses wunderbaren Ortes gelingen kann und mit dem Osthang nicht ein weiterer Teil der Darmstädter Kulturszene aus der Stadt verschwindet. (kh)

Illustration: Daniel Wiesen

Die liebe, alte (und neue) Proberaumnot

Kommen wir zur Darmstädter Musiker:innenszene. Ein Thema beschäftigt diese schon seit Jahren: Es gibt zu wenige Proberäume in der Stadt! Auch die Alte Glasbläserei steht inzwischen nicht mehr – trotz medienstarken Protests. Spätestens mit dem Abriss wurde der Debatte um den Erhalt des Gebäudes am Rande des Johannesviertels endgültig ein Ende gesetzt. Der bis dato größte Proberaumkomplex in Darmstadt bot rund 25 musikalischen Projekten in zwölf Räumen auf drei Etagen Unterschlupf. Doch 2023 kündigte der ZAS (Zweckverband Abfallverwertung Südhessen) die Mietverhältnisse mit den Bands „aus genehmigungsrechtlichen und brandschutztechnischen Gründen“.

Michael Marquardt hat mit seiner Indie-Band Dann Wohl Sophie nach dem Ende der Alten Glasbläserei mit etwas Glück einen Ersatzproberaum gefunden – allerdings nur temporär. Vielen gehe es so. „Richtig zufrieden ist fast niemand“, meint der Musiker. Gerade für Newcomer sei es – ohne jahrzehntelanges Netzwerken in der Stadtszene – schwierig, langfristig einen Proberaum zu finden.

Auf Zeit gespielt

Nachdem Oberbürgermeister Hanno Benz den Bands der Alten Glasbläserei im OB-Wahlkampf 2023 sowohl öffentlich als auch persönlich seine Unterstützung zugesichert hatte, habe dieser sich danach stark zurückgehalten, so Marquardt. Nach einiger Zeit habe es schließlich ein Gespräch mit dem Kulturdezernat gegeben, welches jedoch, ähnlich wie der Austausch mit den Vertreter:innen der Stadtverordnetenversammlung, nicht mehr als „nette Worte“ gebracht hätte. Nur die Oppositionsfraktion der Linken hätte sich „wirklich hinter das Thema geklemmt“, bis es schlussendlich jedoch versandet sei. „Es war klar, dass auf Zeit gespielt wird …“, meint Marquardt. Von Hanno Benz sei er nachhaltig enttäuscht.

Frank Horneff, Pressesprecher der Stadt Darmstadt, teilt auf Anfrage mit, dass man bislang keine alternativen Proberäume für die Alte Glasbläserei finden konnte. „Alle infrage kommenden und untersuchten Objekte haben sich aus verschiedenen Gründen als ungeeignet erwiesen“, erklärt er. Konkret geprüft habe man etwa das ehemalige Bürger- und Ordnungsamt in der Grafenstraße, das alte Klinikgelände in Eberstadt, die ehemalige Materialprüfanstalt und den Mozartturm in der Rheinstraße. Dieser Turm, ein Bunkergebäude unter Denkmalschutz, wird vom Eigenbetrieb Immobilienmanagement Darmstadt (IDA) betreut. Horneff erklärt: „Allerdings wurde bei einer Begehung festgestellt, dass der Sanierungsstau erheblich ist und der ehemalige Nutzer, der 2020 verstorben ist, bauliche Veränderung in größerem Umfang vorgenommen hat.“

Illustration: Daniel Wiesen

Proberäume bei Schulneubauten?

Neben diesen Bestandsgebäuden zeichnet der Pressesprecher weiter die Möglichkeit auf, „die Schaffung von Proberäumen bei Schulneubauten zu realisieren“. Zudem begleite die Kulturverwaltung bereits Anmietungen von Proberäumen und vermittele Leerstände. Allerdings sei dies wegen unterschiedlicher Besitzverhältnisse und genehmigungspflichtiger Auflagen „in der Umsetzung sehr schwierig“. Für das langfristige Ziel, „Raumangebote für Kulturschaffende im Stadtgebiet zu erfassen, zusammenzuführen und nutzbar zu machen“, brauche es weitere Zeit, so der Pressesprecher.

Doch die Zeit eilt. Denn die sowieso schon angespannte Proberaumsituation in Darmstadt wurde durch das Ende der Alten Glasbläserei noch prekärer. Wer in Darmstadt Proberäume zur Miete anbietet, so der Tenor in der Szene, ist in der Regel komplett ausgebucht. Hinzu kommen Anbieter:innen, die ihre Angebote langsam abbauen, wie die Proberäume von „Bandpro.be“ im Industriegebiet der Mainzer Straße.

Illustration: Daniel Wiesen

Frage nach Platz und Mittel

Erschwerend hinzu kommen Einschränkungen in den bereits bestehenden Darmstädter Räumlichkeiten. So hatten jüngst auf dem Goebel-Gelände mehrere Bands in ihren Proberäumen mit Wasserschäden zu kämpfen. Manche von ihnen stehen nun infolgedessen erneut ohne Räumlichkeiten da – nachdem sie teilweise schon nach Schließung der Alten Glasbläserei hierher umgezogen waren. So ist es etwa der Soulband Simon and the Diamonds ergangen. Seit ihrer Gründung 2018/2019 waren sie in der „Glasi“ ansässig.

Ihr Trompeter Kai Schönewald ist der Meinung, für neue Proberäume in der Stadt müsse man nicht nur die Frage nach dem Platz, sondern auch nach den Mitteln stellen. Zwar gebe es Ideen aus der Lokalpolitik wie das „CityLab“ fürs Ladenflächen- und Quartiersmanagement, das die Innenstadt mit neuem Leben und Kultur füllen möchte, allerdings seien die Projekte dort zeitlich so begrenzt, dass „wenn die Leute mal mitbekommen haben, dass du jetzt hier bist, man eigentlich schon wieder raus muss“. Auch im Verlagern von Proberäumen in benachbarte Orte wie Bensheim oder Griesheim sieht Schönewald keine perfekte Lösung: „Das schafft Rahmenbedingungen, die oftmals nicht erfüllbar sind für Leute ohne Auto, Leute mit wenig Geld oder auch professionelle Projekte, die mehr als nur ein Hobby sind.“

Bisher keine Aussicht auf Ersatzangebot

Schlagzeuger Jonas Wilzbach sucht mit seiner Psychedelic-Rock-Band Faze aktuell ebenfalls eine neue Probemöglichkeit – was in Darmstadt „spätestens seit der Schließung der Glasi eine echte Herausforderung geworden ist“. Die vergangenen Jahre probte Faze im Jugendzentrum Huette. Für sie und die anderen Musikprojekte von dort gebe es bisher noch keine Aussicht auf ein Ersatzangebot. Besonders bitter stelle er sich die Situation für die beiden betroffenen U18-Bands vor. „Darmstadt hat für seine Größe eine ziemlich aktive Musikszene“, konstatiert Wilzbach. „Aber damit das so bleibt, müssen für junge Musiker:innen unbedingt mehr Räume geschaffen werden.“ Doch auch bereits etablierte Bands sind von der Proberaumnot betroffen. Eine von ihnen: die Glamrock-Band Snerft, die aktuell (ohne Proberaum) ein paar Monate pausieren möchte. „Zugängliche Räume sind ja die Grundlage für Musik“, erklärt Snerft-Gitarrist David Hilkert. „Und die Vernetzung belebt es dann.“

Illustration: Daniel Wiesen

„Mehr als nur Musikmachen“

Das sieht auch Kai Schönewald so: „Eine präsente Szene gestaltet schließlich ihre Stadt und die öffentlichen Begegnungsorte für Bürger:innen maßgeblich mit.“ Und um sich dafür zu organisieren, brauche es eben Räume. „Ansonsten bleibt am Ende kein Platz mehr, um sich gemeinnützig zu verwirklichen“, schließt er. „Auf kurz oder lang verarmt die Stadt ohne diese Begegnungsorte und wird unattraktiver.“ Einzelne Keller, um alle Bands mit Proberäumen zu versorgen, seien zwar schön und gut, sagt auch Michael Marquardt. „Doch es braucht auch Orte, an denen Begegnungen möglich werden und dadurch Subkultur entstehen kann“, betont er. „Da geht es um mehr als nur Musikmachen.“

Vor diesem Hintergrund suchen aktuell immer mehr Kulturorte in Darmstadt nach Lösungen, wie sie ihre Standorte langfristig sichern können. Die Bands im Proberaumkomplex „Loft“ in der Liebigstraße etwa haben den Verein Darmstadt Rock City e. V. gegründet. Eine Ecke weiter, beim Kulturclub Sumpf, wurde eine Genossenschaft ins Leben gerufen. Diese Form solle gemeinschaftliche Entscheidungen und Verantwortung möglich machen und den Ort von der Abhängigkeit einer einzelnen Person lösen, erklärt der Vorstand.

Vielleicht ist diese Art der Selbstorganisation für den Kampf um die Alte Glasbläserei erst zu spät angegangen worden, um genügend politische Schlagkraft in Gang zu setzen. Samba Gueye, Keyboarder der Krautrock-Band Lucid Void, war damals als langjähriger „Glasi“-Nutzer auch Teil der Proteste. Bei der Sumpf-Genossenschaft ist er bereits Mitglied. „Ich finde es schade, dass die Bandszene, die in Darmstadt ja schon relativ groß ist, so viel aus eigener Kraft tragen muss“, fasst er zusammen. Wertschätzung sehe anders aus. (pit)